würde."
Was sagst du zu diesem Ammenmährchen, Eurybates? Sollte der göttliche Plato wohl eine so verächtliche Meinung von seinen Lesern hegen, dass er für nötig hält, uns von Zeit zu Zeit wie kleine Knaben mit einem Fabelchen in diesem kindischen Geschmack zufrieden zu stellen, weil er uns nicht Menschenverstand genug zutraut, eine männlichere Unterhaltung, wie z.B. die unmittelbar vorhergehende, in die Länge auszuhalten? Wenn er es ja für dienlich hielt, zu mehrerem Vergnügen der Leser den Ton zuweilen abzuändern, wie konnte' er sich selbst verbergen, dass nur Kinder, die noch unter den Händen der Wärterin sind, an einem so platten Mährchen Gefallen haben könnten? Oder sollte er vielleicht die geheime Absicht, die ihm Schuld gegeben wird, wirklich hegen, die Ilias aus den Kinderschulen der Griechen zu verdrängen, und diesen Dialog bloss darum mit so vielen Fabeln und allegorischen Wundermährchen gespickt haben, um desto eher hoffen zu können, sich selbst dereinst an die Stelle des verbannten Homers gesetzt zu sehen? Beinahe muss man auf einen solchen Argwohn verfallen; zumal wenn man die sonderbare Hitze bedenkt, womit er sich an mehrern Stellen dieses Werkes mit einer sonst kaum begreiflichen Ausführlichkeit beeifert, den sittlichen Einfluss der Werke unsrer Dichter auf die Jugend in das verhassteste Licht zu stellen. Wie dem auch sein mag, immer ist es lustig genug, zu sehen, wie er seinen Sokrates vorbauen lässt, dass die Leser sein Phönicisches Mährchen nicht für so ganz einfältig und anspruchlos halten möchten als es aussieht. – Weisst du wohl ein Mittel, lässt er ihn den Glaukon fragen, wie man unsre Leute dieses Mährchen glauben machen könnte? Sie selbst nicht, antwortet Glaukon, aber wohl allenfalls ihre Söhne und Nachkommen und die andern Menschen der Folgezeit, sollt' ich denken. Ich merke wo du hinaus willst, versetzt Sokrates; es könnte doch immer dazu gut sein, sie desto ernstlicher besorgt zu machen, dass die Absicht des Orakels erreicht werde; – nämlich, dass die Republik nicht durch die üble Staatsverwaltung kupferner und eiserner Regenten zu grund gehe. – Wenn diese Reden nicht ganz ohne Salz sein sollen, muss man, dünkt mich, annehmen, Glaukon und Sokrates werfen hier beide einen Seitenblick auf Aten und andere Griechische Städte, in welchen die schlechten Metalle dermalen ein sehr nachteiliges Uebergewicht zu haben scheinen. Aber wozu hatte Plato – er, der an mehrern Stellen dieses Dialogs seinen Mitbürgern und Zeitgenossen die derbesten und ungefälligsten Wahrheiten ganz unverblümt ins Gesicht sagt – wozu hatte er gerade hier einer so zwecklosen Behutsamkeit nötig?
Uebrigens täusche ich mich vielleicht, indem es mir vorkommt, als ob Sokrates, von diesem Mährchen an, durch alle folgenden Bücher sich selbst verloren habe, und sich mit aller Mühe nicht wieder finden, oder, wenn er auch zuweilen in seinen eigenen Ton zurückfällt, sich doch nicht lange darin erhalten könne. Ich drücke mich hierüber so schüchtern aus, weil es sehr möglich ist, dass die Ursache, warum mir diess so vorkommt, vielmehr in meiner Gewohnheit, mir einen ganz andern Sokrates zu denken, als in einem Mangel an Haltung liegt, der dem Verfasser des Dialogs Schuld gegeben werden könnte. Die Wahrheit zu sagen, der Sokrates, den er darin die doppelte Rolle des Erzählers und der Hauptperson des Drama's spielen lässt, ist und bleibt sich selbst durchgehends immer ähnlich; denn es ist immer Plato selbst, der unter einer ziemlich gut gearbeiteten und seinem eigenen kopf so genau als möglich angepassten Sokrateslarve, nicht den Sohn des Sophroniskus, sondern sich selbst spielt. Hinter dieser Larve sieht er zuweilen, je nachdem er uns eine Seite zeigt, dem wahren Sokrates so ähnlich, dass man einige Augenblicke getäuscht wird: aber seine stimme kann oder will er vielmehr nicht so sehr verstellen, dass die Täuschung lange dauern könnte; und überhaupt braucht man ihm nur näher auf den Leib zu rücken und ihn scharf ins Auge zu fassen, um den leibhaften Plato überall durchschimmern zu sehen. Dieser scheint sogar von Zeit zu Zeit die unbequeme Larve ganz wegzuschieben, und uns auf einmal mit seiner eigenen, von jener so stark abstechenden Physiognomie zu überraschen; und da er dieses seltsame Spiel, eben dieselbe person bald mit bald ohne Larve zu machen, einen ganzen Tag lang treibt, so kann es nicht wohl fehlen, dass der Zuschauer endlich irre wird, und nicht recht weiss was man mit ihm vorhat, und ob er beim Schluss des Stücks zischen oder applaudiren soll.
Diese Ungewissheit ist indessen keineswegs der Fall im Rest des dritten und im Anfang des vierten buches. Eine unserm Philosophen eigene dialektische Spitzfündigkeit, die auch hier von Zeit zu Zeit durch die Lücken der Sokrateslarve durchguckt, abgerechnet, scheint er darin die angenommene person wieder ziemlich gut zu spielen; so gut wenigstens, dass man sich geneigt fühlt, der Täuschung mit halb geschloss'nen Augen nachzuhelfen; und wiewohl man sich hier und da nicht wohl erwehren kann ein wenig ungehalten auf den Schauspieler zu sein, wenn er unversehens aus seiner Rolle heraustritt und anstatt den Sokrates rein fortzuspielen, in seine eigene person zurücksinkt: so macht uns doch die Gewandteit, womit er sich unvermerkt wieder in die angenommene hineinwirft, so viel Vergnügen, dass es wenig Mühe kostet ihm zu verzeihen und im Ganzen recht wohl mit ihm zufrieden zu sein.
Die Rede ist nun im Rest des dritten buches davon, wie die aus dem Schooss der Erde in voller Rüstung hervorgesprungnen Beschirmer oder Soldaten unsers idealischen staates in Ansehung