zu den Archonten oder obrigkeitlichen Personen, deren die beiden ersten benötigt sind, wenn diese unwandelbare Ordnung, Harmonie und Einheit in der Republik erhalten werden soll, in welcher ihr Wesen besteht, und wodurch sie sich von allen unsern ungesunden, baufälligen und ihrer Zerstörung, langsamer oder schneller, entgegen eilenden Republiken unterscheidet. Was er hier von dieser obersten klasse seiner Staatsbürger überhaupt, und von dem Obervorsteher oder Epistaten des ganzen staates sagt, ist zwar nur ein blosser, mit wenigen Pinselstrichen entworfener Umriss, wovon er sich die Ausführung stillschweigend vorbehält; aber auch in diesem entwickelt sich alles so leicht und schön, ist alles so richtig gedacht, in so zierliche Formen eingekleidet, und erhält durch überraschende Wendungen einen so eigenen Zauber von Genialität und Neuheit, dass man ihm Tage lang zuhören möchte, wenn er sich in dieser Sokratischen Manier zu philosophiren so lange erhalten könnte.
Um so auffallender ist es, wenn wir seinen Sokrates, den wir eine geraume Zeit lang so verständig, wie ein Mann mit Männern reden soll, reden gehört haben, sich plötzlich wieder in den Platonischen verwandeln, und in eine andre Tonart fallen hören, welche wir (mit aller ihm schuldigen Ehrerbietung gesagt) uns nicht erwehren können, unzeitig, seltsam, und, mit dem rechten Wort gerade heraus zu platzen, ein wenig läppisch zu finden. "Wie wollen wir es nun anstellen (fragt er den Glaukon), um vornehmlich die Archonten unsrer Republik, oder doch wenigstens die übrigen Bürger, eine von den gutartigen Lügen glauben zu machen, von denen wir oben (als die Rede von den Fabeln und Lügen der Dichter war) ausgemacht haben, dass sie zuweilen zulässig und schicklich seien?" – Glaukon, den diese unerwartete Frage vermutlich eben so stark vor die Stirne stiess als uns, kann sich nicht vorstellen, was für eine Lüge Sokrates im Sinne habe. –
"Sie ist nichts Neues," versetzt Sokrates; "denn sie stammt schon von den Phöniciern her20, und hat sich, wie die Poeten mit grosser Zuversichtlichkeit versichern, vor zeiten an vielen Orten zugetragen. In unsern Tagen ereignet sich freilich so etwas nicht mehr, und ich weiss nicht, ob es sich künftig jemals wieder zutragen dürfte." – Es muss etwas Seltsames sein, dass du so hinterm Berge damit hältst, sagt Glaukon. – "Wenn du es gehört haben wirst," antwortet Sokrates, "wirst du finden dass ich Ursache hatte, nicht gern damit herauszurücken." – Sag' es immerhin und befürchte nichts. – "Nun so will ich's denn sagen, wiewohl ich selbst nicht weiss, wo ich die Kühnheit und die Worte dazu hernehme."
Nachdem er durch diesen dramatischen Kunstgriff die Erwartung seiner Zuhörer aufs höchste gespannt hatte, musste ihnen doch wohl zu Mute sein als ob sie aus den Wolken fielen, da er fortfuhr: "Vor allem also will ich mich bemühen, die Archonten meiner Stadt und die Krieger, und dann auch die übrigen Bürger dahin zu bringen, dass sie sich einbilden, alles was bisher mit ihnen vorgegangen und die ganze Erziehung, die wir ihnen gegeben haben, sei ein blosser Traum gewesen. Dagegen sollen sie glauben, sie selbst sammt ihren Waffen und allem ihrem übrigen Geräte seien wirklich und wahrhaftig im Schooss der Erde gebildet, genährt und ausgearbeitet worden; und erst, nachdem sie in allen Stücken fertig und vollendet da gestanden, habe die Erde, ihre Mutter, sie zu Tage gefördert. Demnach sei es ihre erste Pflicht, das Stück Erde, welches sie bewohnen, als ihre Mutter und Erzieherin zu betrachten, jeden feindlichen Anfall von ihr abzuhalten, und alle ihre Mitbürger, ebenfalls Kinder derselben Erde, als ihre Brüder anzusehen." – Nun begreif' ich freilich, sagt Glaukon, warum du mit einer so platten Lüge so verschämt zurückhieltest. – "Da hast du wohl Recht," versetzt Sokrates; "aber höre nun auch den Rest des Mährchens. Ihr alle (werden wir nun, die Fabel fortsetzend, zu ihnen sagen), so viele euer in dieser Stadt leben, seid Brüder; aber der Gott, der euch bildete, vermischte den Ton, den er dazu nahm, mit ungleichartigem Metall. Bei denjenigen von euch, die zum Regieren tauglich sind, mischte er Gold unter den Ton, daher sind sie die geehrtesten von allen; zu denen, die er für den Soldatenstand bestimmte, Silber; Kupfer zu den Ackerleuten und Eisen zu den übrigen Handarbeitern. Da ihr nun alle zu einer und eben derselben Familie gehört, so zeugt zwar meistens jeder seines gleichen; doch geschieht es auch wohl zuweilen, dass sich aus Gold Silber, und dagegen aus Silber Gold, und eben so auch Kupfer aus Silber, oder Gold aus Kupfer erzeugt, und so weiter. Diesem zufolge macht der Gott, euer Schöpfer, den Regierern zur ersten und wichtigsten Pflicht, die Kinder, die unter euch geboren werden, genau zu untersuchen, mit welchem von den besagten vier Metallen ihre Seelen legirt sind, und wofern ihnen selbst kupfer- oder eisenhaltige geboren würden, sie ohne Schonung, wie es ihrer natur gemäss ist, in die klasse der Handwerker oder Ackerleute zu versetzen; hingegen, wofern diese letzteren einen goldoder silberhaltigen Sohn erzeugten, solchen in die klasse der Regierer, oder der Verteidiger der Republik zu erheben; und diess einem Orakel zufolge, welches dem Staat den Untergang ankündigt, wofern er je von Kupfer oder Eisen regiert