gebildet; wohl aber kann es nicht fehlen, dass sie in jungen Gemütern Eindrücke und Vorstellungen hinterlassen, die das Gegenteil zu wirken geschickt sind. Nehmen wir also dem Schöpfer einer Republik, die bloss dazu erschaffen ist uns zum Urbild der Gerechtigkeit und sittlichen Vollkommenheit zu dienen, nicht übel, dass er unsre Dichter mit eben so weniger Schonung von ihren grenzen abhält, als alle andern Künstler und Werkleute des Vergnügens und der Ueppigkeit; in einem Staat, der in Ansehung aller körperlichen Bedürfnisse und sinnlichen Genüsse auf das schlechterdings Unentbehrliche eingeschränkt ist, findet sich kein Platz für sie.
Sokrates geht nun in der Erziehung seiner Staatsbeschützer von der Musik als der Bildung der Seele zur Gymnastik oder Ausbildung, Uebung und Angewöhnung des Körpers über. Alles was er über diesen Gegenstand sagt: die scharfe Censur, die er bei dieser gelegenheit über die Lebensweise der Vornehmen und Reichen zu Syrakus, Korint und Aten ergehen lässt, alles was er über die Diätetik überhaupt, über die Vorzüge der ächten Aesculapischen Heilkunst von der heutzutage im Schwange gehenden, und über die Analogie der Profession des Richters (den er als eine Art von Seelenarzt betrachtet) mit der Kunst des eigentlich sogenannten Arztes, vorbringt, – mit Einem Wort die ganze reichhaltige und vielseitige Behandlung dieser Materie ist in jedem Betracht unübertrefflich schön und wahr. Alles darin ist neu, selbst gedacht, scharfsinnig, und doch zugleich so klar einfach und auf den ersten blick einleuchtend, dass der Leser fast immer seinen eigenen Gedanken zu begegnen glaubt. Ich habe nichts darüber hinzuzusetzen, als dass der göttliche Plato, wenn er immer auf diese Art philosophirte, in der Tat ein Gott in meinen Augen wäre; und dass, wofern die Atener und wir andern alle durch Lesung und Meditirung dieses Discurses nicht weiser und besser werden, die Schuld bloss an uns liegen wird.
Ich zweifle nicht, dass Plato durch den Ausfall über die dermalige Heilkunst in ein gewaltiges Wespennest gestochen hat. Eure Hippokratischen ärzte, welche sich den Reichen so unentbehrlich zu machen und von ihrer Ueppigkeit und Schwelgerei so viele Vorteile zu ziehen wissen, werden ihm nicht vergeben, dass er ihnen die Geschicklichkeit, einen baufälligen Körper recht lange hinzuhalten und ihre Kranken des langsamsten Todes, der ihrer Kunst möglich ist, sterben zu lassen, d.i. gerade das, worauf sie sich am meisten einbilden, zum Vorwurf, und beinahe zum Verbrechen macht. Natürlicherweise ist ihre Partei, da alle Schwächlinge, Gichtbrüchige, Engbrüstige, Wassersüchtige und Podagristen von Aten auf ihrer Seite sind, wo nicht die stärkste, doch die zahlreichste; und wie sollten sie ihm je verzeihen können, dass er unmenschlich genug ist, zu behaupten: sie und alle ihresgleichen könnten für die allgemeine Wohlfahrt nichts Besser's tun, als sich je bälder je lieber aus der Welt zu trollen; und die Heilkunst mache sich einer schweren Sünde gegen den Staat schuldig, wenn sie sich so viele Mühe gebe, ungesunden Menschen ein sieches, ihnen selbst und andern unnützes Leben auch dann zu verlängern, wenn keine völlige Genesung zu hoffen ist. In der Tat hat diese Behauptung etwas Empörendes; und es mag wohl sein, dass nur ein sehr gesunder, der Güte seines Temperaments und seiner strengen Lebensordnung vertrauender, auch überdiess ausser allen zärtlichern Familienverhältnissen isolirt lebender Philosoph so vielen armen Sterblichen, die mit allen ihren Uebeln, doch das erfreuliche Licht der Sonne gern so lang' als möglich atmen möchten, ein so unbarmherziges Todesurteil zu sprechen fähig ist. Ich hoffe Plato selbst werde sich erbitten lassen einige Ausnahmen zu machen; indessen müssen wir auch nicht vergessen, dass alles, was er seinen kerngesunden alten Sokrates über diesen Punkt sagen lässt, mit unverwandter Rücksicht auf seine Republik gesagt wird, wo sich freilich alles anders verhält als in den unsrigen. In den letzteren lebt jeder Mensch sich selbst und seiner Familie, dann erst dem Staat; in der seinigen lebt er bloss dem Staat, und sobald er diesem nichts mehr nütze ist, rechnet er sich nicht mehr unter die Lebendigen. Er verhält sich also zum Staat, wie der Leib zur Seele. Die Seele ist der eigentliche Mensch; der Leib hat nur dadurch einigen Wert, und darf nur insofern in Betrachtung kommen, als er der Seele zum Sklaven und Werkzeug gegeben ist. Es ist daher (wie Sokrates etwas, so er vorhin selbst gesagt hatte, berichtiget) nicht recht gesprochen, wenn man die Musik allein auf die Seele, die Gymnastik allein auf den Leib bezieht. Beide dienen bloss der Seele, und die Gymnastik findet in seiner Republik nur insofern Platz, als sie den Körper zu einem rein gestimmten, diese Stimmung festaltenden, und mit einer von den Musen gebildeten Seele immer rein zusammen klingenden Instrument derselben macht. Eben darum wäre sehr übel getan, die Gymnastik von der Musik oder diese von jener trennen zu wollen; die Musik allein würde nur weibische Schwächlinge, die Gymnastik allein sogar aus Knaben von der edelsten Art nur rohe gewalttätige Halbmenschen ziehen: aber so, wie Plato es vorschreibt, verbunden und eine durch die andere getempert19, bilden sie "den ächten Musiker und Harmonisten, der beide Benennungen in einem unendlich höhern Grad verdient als der grösste Saitenspieler."
Was meinst du nun, Glaukon (fährt Sokrates fort), sollten wir, wenn uns die Erhaltung unsrer Republik am Herzen liegt, nicht immer gerade einen solchen Mann zum Vorsteher derselben nötig haben? – Mit dieser leichten Wendung führt er uns zu der dritten klasse seiner Staatsbürger, nämlich