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mit der Rede Adimants (wovon sie gewissermassen die Fortsetzung und vollständigere Ausführung ist) für das beste des ganzen Werks zu halten, wenn ihr der Discurs über die Gymnastik nicht den Vorzug streitig machte.

Wie ich höre ist ihm die Strenge, womit er vornehmlich den Homer und Hesiodus für wahre Verführer und Verderber der Jugend erklärt, und die tiefe Verachtung, womit er von der mimischen Kunst der dramatischen Dichter und Schauspieler spricht, zu Aten sehr übel genommen worden. Ich kann es euch nicht sehr verargen, dass ihr euch für eine eurer vorzüglichsten Lieblings-Ergötzungen und für dramatische Meisterstücke, auf die ihr stolz zu sein alle Ursache habt, mit Faust und Fersen wehrt. Aber zwei Dinge, lieber Eurybates, wirst du doch bei ruhiger überlegung nicht in Abrede sein können: erstens, dass Plato in dem ziemlich alten Gebrauch der meisten Griechischen Völkerschaften, ihre Kinder die Gesänge Homers und Hesiods als heilige, von den Musen eingegebene Bücher ansehen zu lehren, und ihnen aus diesen, mit rohen pöbelhaften Begriffen und Gesinnungen, abgeschmackten Mährchen, und zum teil sehr unsittlichen Reden und Taten der Götter und Göttersöhne angefüllten alten Volksgesängen, in einem Alter wo das Gemüt für solche Eindrücke weiches Wachs ist, die erste Bildung zu gebendass, sage ich, Plato in diesem Gebrauch eine der allgemeinsten und wirksamsten, wiewohl bisher unbemerkt gebliebenen, Ursachen der eben so ungeheuren als unheilbaren Sittenverderbniss unsrer Republiken aufgedeckt hat; zweitens, dass es demungeachtet, bei der Verbannung unsrer sämmtlichen Musenkünstler aus seiner idealischen Republik, seine Meinung nicht war noch sein konnte, dass die Atener und die übrigen Griechen eben dasselbe tun sollten. Bei uns und an uns ist nichts mehr zu verderben; wir sind wie Menschen die in einer schlechten Luft zu leben gewohnt sind; unsre Dichter, Schauspieler, Musiker, Tänzer und Tänzerinnen, Maler und Bildner mögen es treiben wie sie wollen, in Republiken wie Aten, Korint, Milet, Syrakus und so viele andere (meine ziemlich üppige Cyrene nicht ausgenommen), können sie nichts Böses tun, dem nicht auf diese oder jene Weise das Gift entweder benommen oder durch einwickelnde und mildernde Arzneimittel Einhalt getan würde. In Aten oder Milet ist wenig daran gelegen, ob die Leier drei oder vier saiten mehr oder weniger hat. Aber in einem Staat, dessen Verfassung und Gesetzgebung auf rein sittliche Grundsätze gebaut wäre, und wo also die ganze Lebensweise der Bürger, alle ihre Beschäftigungen und Vergnügungen, ihre gottesdienstlichen Gebräuche, Feste und gemeinschaftliche Ergötzlichkeiten, vor allem aber die Erziehung ihrer Jugend mit jenen grundsätzen in der richtigsten Harmonie stehen müssten: da würde allerdings die kleinste Abweichung vom Gesetz und vom guten alten Brauch, auch in Sprache, Declamation, Rhytmus, Gesangweisen, Tonfällen, Zahl der saiten auf der Leier und Citer, und dergleichen, wo nicht ganz so viel als Plato meint, doch sehr viel zu bedeuten haben; und wenn die Spartaner, die vor dreissig Jahren ein so strenges Decret gegen die eilfsaitige Lyra des berühmten Sängers Timoteus18 ergehen liessen, dem Geist der Gesetzgebung ihres Lykurgs in allen andern Stücken so getreu geblieben wären, so würden sie, anstatt sich den Atenern dadurch lächerlich zu machen, den Beifall aller Verständigen davon getragen haben.

Dass Plato durch seine auf die strengste Moral gebaute Teorie der musischen und mimischen Künste, wenn mananstatt ihre unmittelbare Beziehung auf seinen idealischen Staat zum Gesichtspunkt zu nehmensie als einen allgemeinen Kanon für Dichter, Maler, Musiker u.s.f. betrachten wollte, im Grund alle Poesie und die sämmtlichen mit ihr verwandten Künste rein aufhebt; dass seine Einwendungen gegen die künstliche Nachahmung aller Arten von Charaktern, Gemütsbewegungen, Leidenschaften und Handlungen (sie mögen nun löblich oder tadelhaft, der Nachfolge oder des Abscheues würdig sein) keine scharfe Untersuchung aushalten; und dass eine Ilias von lauter vollkommen weisen und idealisch tugendhaften Menschen, wie er sie haben will, ein kaltes, langweiliges und wenigstens durch seine Eintönigkeit unausstehliches Werk sein würde, wer sieht das nicht? Und wie könnt' es anders sein, da er den Künsten einen falschen Grundsatz unterschiebt und das Sittlichschöne zu ihrem einzigen Gesetz, Zweck und Gegenstand macht? Aber alles, was er behauptet, steht an seinem Platz, sobald wir es in seine Republik versetzen. Seine Jünglinge sollen an Seel' und Leib ungeschwächte, unverdorbene Menschen bleiben; sie sollen "nichts lernen was sie künftig wieder vergessen müssen;" sie sollen nichts sehen noch hören, nichts denken noch treiben, als was unmittelbar dazu dient, sie zu ihrer Bestimmung vorzubereiten. Sie sollen von Kindesbeinen an auf alle mögliche Weise zu jeder Tugend gewöhnt werden, und ungeziemende, ungerechte, schändliche Dinge nicht einmal dem Namen nach kennen. Sie sollen von der Gotteit das würdigste und Erhabenste denken; sollen angehalten werden immer die Wahrheit zu sagen, und Lügen als die hässlichste Selbstbeschimpfung zu verabscheuen; sollen immer nüchtern, mässig und entaltsam sein, der Wollust und dem Schmerz keine Gewalt über sich lassen, ihren Mitbürgern hold und gewärtig und nur den Feinden des staates fürchterlich, in Gefahren zugleich vorsichtig und mutvoll, kaltblütig und entschlossen sein, immer bereit, Leben und alles ihrer Pflicht aufzuopfern, ohne weder den Tod für sich selbst zu fürchten, noch sich beim Ableben der Ihrigen unmännlich zu betragen. Zu allem diesem wird man freilich (wie Plato seinen Sokrates sehr ausführlich mit Stellen aus der Ilias und Odyssee belegen lässt) durch das Lesen unsrer Dichter und durch die Beispiele, Maximen und patetischen Declamationen unsrer Tragödien nicht