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(ausser der Stärke, Behendigkeit, Wachsamkeit, Zornmütigkeit und der sonderbaren Eigenheit, die ihn von den eigentlich sogenannten wilden Tieren unterscheidet, dass er seinen anschnaubenden beissigen Naturtrieb nur gegen Fremde und Unbekannte auslässt, gegen Heimische, Hausfreunde und Bekannte hingegen sanft und freundlich ist) – sogar noch ein philosophisches Naturell zuzuschreiben, dünkt es dich nicht, dass dieser Einfall eher dem Aristophanischen Sokrates, als dem, den wir gekannt haben, ähnlich sieht, und bloss dazu da ist, um die Aehnlichkeit zwischen einem guten Hund und einem braven Kriegsmann, der, nach Platon, schlechterdings auch Philosoph sein muss, vollständig zu machen? Wenigstens ist der doppelte Beweis, warum sowohl der Soldat als der Hund Philosoph ist, so ächt Platonisch, dass ich mir's nicht verwehren kann, dir diese Stelle, zu Ersparung des Nachschlagens, von Wort zu Wort vor Augen zu legen; wär' es auch nur, damit du mir nicht etwa einwendest, Sokrates habe diesen Einfall nur scherzweise vorgebracht.

S o k r a t e s . Dünkt es dich nicht, dass ein künftiger Wächter und Beschirmer des staates zu dem jähzornigen Wesen, das ihm nötig ist, auch noch von natur Philosoph sein müsse? G l a u k . Wie so? ich verstehe nicht, was du damit sagen willst. S o k r . Auch das kannst du an den Hunden ausfindig machen; es ist wirklich etwas Bewundernswürdiges an diesem Tiere. G l a u k . Und was wäre das? S o k r . Sobald der Hund einen Unbekannten erblickt, fängt er an zu knurren und böse zu werden, wiewohl ihm jener nichts zu Leide getan hat; den Bekannten hingegen bewillkommt er, nach seiner Art, aufs freundlichste, wenn er gleich nie etwas Gutes von ihm empfing. Ist dir das noch nie als etwas Wundernswürdiges aufgefallen? G l a u k . Ich habe bisher nie besonders darauf Acht gegeben; die Sache verhält sich indessen wie du sagst. S o k r . Gleichwohl scheint dieser Naturtrieb etwas sehr Feines und ächt Philosophisches an ihm zu sein. G l a u k . Warum das? S o k r . Weil er einen freundlichen und feindlichen Gegenstand durch nichts anders unterscheidet, als dass er jenen kennt, diesen nicht kennt. Wie sollte er nun nicht lernbegierig sein, da er das Heimische von dem Fremden bloss durch erkenntnis und Unwissenheit unterscheidet? G l a u k . Es kann wohl nicht anders sein. S o k r . Ist aber ein lernbegieriges und ein philosophisches Naturell nicht ebendasselbe? G l a u k . Doch wohl! S o k r . Warum sollten wir also nicht kecklich auch in dem Menschen setzen, dass er, um gegen Hausgenossen und Bekannte sanft und gutartig zu werden, Philosoph und lernbegierig sein müsse? G l a u k . So setzen wir's denn! – Und ich, meines Orts, setze, dass diese Manier zu philosophiren eine eben so unphilosophische als langweilige Manier sei, wiewohl nicht zu läugnen ist, dass wir ihr wenigstens ein gutes Drittel dieses dickleibigen Dialogs zu danken haben.

Nachdem also Sokrates auf diese sinnreiche Weise herausgebracht und zum Ueberfluss nochmals wiederholt hat, dass ein Beschützer seines idealischen staates, um seiner Bestimmung aufs vollkommenste zu entsprechen, die verschiedenen Tugenden eines edlen Haushundes in sich vereinigen, und auf alle Fälle so philosophisch und zornmütig, behend und stark sein müsse als der stattlichste Molosser16, – wirft er die Frage auf: was man ihnen, um sie zu möglichst vollkommnenStaatshunden zu bilden, für eine Erziehung geben müsste? Eine Untersuchung, welche, wie er meint, nicht wenig zur Auflösung des Problems, 'wie Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit in einem Staat entstehe,' beitragen würde. Adimant bekräftigt dieses letztere sogleich mit grossem Nachdruck, ohne dass man sieht warum; denn dass er, so gut wie der Verfasser des Dialogs selbst, vorausgesehen haben könnte, wie dieser dem Discurs fortelfen werde um zu dem besagten Resultat zu gelangen, ist nicht wohl zu vermuten. Sokrates gibt zu verstehen, diese Untersuchung dürfte sich ziemlich in die Länge ziehen, meint aber doch, dass diess kein Grund sei die Sache aufzugeben, zumal da sie gerade nichts Besseres zu tun hätten. Adimant ist, wie sich's versteht, dazu willig und bereit. Wohlan denn! was für eine Erziehung wollen wir also unsern Staatsbeschützern geben? Es dürfte schwer sein eine andere zu finden, als die schon längst erfundene, nämlich die Gymnastik für den Körper, die Musik17 (in der weitesten Bedeutung dieses Wortes) für die Seele. – Auf Musik und Gymnastik also schränkt sich auch in der Platonischen Stadt, deren Einrichtung uns beschäftigt, das ganze Erziehungswesen ein; aber beide sind freilich in dieser ganz etwas anders als in unsern üppigen und von bösen Säften aufgeschwollnen ungesunden Republiken. Die Ausführung dieses Satzes nimmt den ganzen beträchtlichen Rest des zweiten buches und ein grosses Stück des dritten ein; und wiewohl der heftige Ausfall gegen unsre epischen und dramatischen Dichter nur eine Episode ist, und nicht in gehörigem Ebenmasse mit dem Ganzen stehen möchte, so ist sie doch (ausser ihrer Zweckmässigkeit für die Absicht unsers Philosophen) als ein für sich selbst bestehendes Stück betrachtet, bis auf eine oder zwei die Musik im engern verstand und die nachahmenden Künste betreffende Stellen, so vortrefflich ausgearbeitet, und in jedem Betracht so unterhaltend, lehrreich und zum Denken reizend, dass ich versucht wäre, sie,