Menschen ist. – Wohl gesprochen, sollt' ich meinen, sagt Adimant. – "Nun däucht mich, wenn wir in Gedanken ein Gemeinwesen vor unsern Augen entstehen liessen, würden wir auch sehen, wie Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit in ihm entstehen." – Könnte wohl sein, versetzt jener. "Und wenn das wäre, sollte nicht Hoffnung sein, desto leichter zu finden was wir suchen?" – Viel leichter. – "Mich däucht also wir täten wohl, wenn wir ohne weiters Hand anlegten; denn es ist, meines Erachtens, kein kleines Werk. Bedenkt euch also!" – Da ist nichts weiter zu bedenken, sagt Adimant, des langen Zauderns, wie es scheint, überdrüssig; tu nur das Deinige dabei!
Und so stehen wir denn vor dem Tor dieser Republik, die uns Plato, ihr Stifter und Gesetzgeber, durch den Mund seines immer währenden Stellvertreters für das Ideal eines vollkommenen staates ausgibt, an dessen Realisirung er selbst verzweifelt; deren Erbauung und Einrichtung ihn in einem grossen teil dieses Werks ernstlich beschäftigt, und die er gleichwohl weder um ihrer selbst willen, noch in der Absicht dass sie irgend einem von Menschenhänden errichteten staat zum Muster dienen sollte, sondern (wie er sagt) bloss desswegen mit so vieler Mühe aufgestellt hat, um seinen Zuhörern an ihr zu dem einzig wahren Begriff von dem, was Gerechtigkeit in der menschlichen Seele ist, zu verhelfen.
Eine Einwendung, die sich beim ersten Anblick aufdringt und daher, in Cyrene wenigstens, am häufigsten gehört wird, ist: es sei unbegreiflich, wie Plato nicht gesehen habe, dass, wofern zuvor aufs Reine gebracht wäre, was die Gerechtigkeit bei einem einzelnen Menschen sei, die Frage, was sie in einem ganzen Staat sei? sich dann von selbst beantwortet hätte: da hingegen diese letzte Frage nicht ausgemacht werden könne, ohne den Begriff der Gerechtigkeit schon vorauszusetzen; denn der Staat bestehe aus einzelnen Menschen, und nur insofern als diese gerecht seien, finde Gerechtigkeit in jenem statt. – Es wäre in der Tat unbegreiflich, wenn ein so scharfsichtiger Mann wie Plato diesen Einwurf nicht vorausgesehen hätte. Er kann ihm aber nur von solchen gemacht werden, die mit den Mysterien seiner Philosophie gänzlich unbekannt sind. Plato setzt bei allen seinen Erklärungen, wovon auch immer die Rede sein mag, eine Art dunkler aber wahrer Vorstellungen voraus, abgebleichte, durch den Schmutz der Sinnlichkeit und den Rost der Gewohnheit, womit sie bedeckt sind, unkenntlich gewordene Schattenbilder der ewigen Ideen alles dessen was ist, dumpfe Erinnerungen, welche unsre Seele aus einem vorhergehenden Zustand in dieses Leben mitgebracht, die sich zu deutlichen Begriffen des wahren eben so verhalten wie Ahnungen zu dem was uns künftig als etwas Wirkliches erscheinen wird, und in deren Anfrischung und Reinigung aller Unterricht besteht, womit die Philosophie unsrer Unwissenheit und Afterwissenschaft zu hülfe kommen kann. Dieses aus der Welt der Ideen mitgebrachte dunkle Bild der wesentlichen Gerechtigkeit in seinen Zuhörern aufzuklären, ist jetzt das Geschäft des platonisirenden Sokrates. Sie besteht, nach ihm, in dem reinsten Zusammenklang aller Kräfte zur möglichsten Vollkommenheit des Ganzen unter der Oberherrschaft der Vernunft. Um diess seinen Hörern anschaulich zu machen, war es allerdings der leichtere Weg, zuerst zu untersuchen wie ein vollkommen wohl geordneter Staat beschaffen sein müsse; und erst dann, durch die entdeckte Aehnlichkeit zwischen der inneren Oekonomie unsrer Seele mit der wesentlichen Verfassung und Verwaltung eines wohl geordneten Gemeinwesens, die wahre Auflösung des Problems, welche Glaukon und Adimant im Namen der übrigen Anwesenden von Sokrates erwarteten, ausfindig zu machen. Auf diese Weise wurden sie in der Tat vom Bekanntern und gleichsam in grösseren Charakteren in die Augen Fallenden auf das Unbekanntere geführt; denn was der Mensch gewöhnlich am wenigsten kennt, ist das Innere dessen was er seine Seele nennt.
Nachdem wir diesen Einwurf auf die Seite gebracht haben, lass' uns sehen wie Plato mit Einrichtung seiner Republik zu Werke geht. Es ist wirklich eine Lust zuzuschauen, wie sie aus dem gesellschaftlichen Verein von vier Handarbeitern, einem Feldbauer, Zimmermann, Weber und Schuster, gleich einer himmelan steigenden Ceder aus einem kleinen Samenkorn, zu einer mächtigen, glücklichen und in ihrer Art einzigen Republik emporwächs't. Dass es sehr schnell damit zugeht, ist natur der Sache; und mancher Leser mag sich wohl kaum entalten können zu wünschen, dass die Sokratische Manier einen noch schnellern gang erlaubt hätte, und dass wir nicht alle Augenblicke durch die Frage: oder ist's nicht so? aufgehalten würden, wobei die beiden Gebrüder mit ihrem ewigen: ja wohl! eine ziemlich betrübte Figur zu machen genötig sind. Das einzige was wir dem wackern Glaukon zu danken haben, ist, dass wir in der neuen Republik etwas besser gehalten und beköstiget werden als Sokrates es anfangs gesonnen war. Denn, wie er selbst ziemlich leicht bekleidet zu sein und schlecht zu essen gewohnt war, so sollten auch seine neuen Ansiedler im Sommer meistens nackt gehen, Kleider und Schuhe nur im Winter tragen, von Gerstengraupen, Mehlbrei und Kuchen leben, und auf Binsenmatten, mit Windekraut und Myrtenzweigen bestreut, in geselliger Fröhlichkeit Mahlzeit halten. Aber auf Glaukons Vorstellung, dass sie doch auch einige Gemüse und Zulagen zu dieser gar zu magern Kost haben sollten, lässt er sich gefallen, ihnen noch Salz, Oliven, Käse, Zwiebeln und Gartenkräuter, auch statt des Nachtisches Feigen, Erbsen, Saubohnen, Myrtenbeeren und geröstete Bucheckern zu bewilligen. Bei den Bucheckern scheint dem ehrlichen Glaukon die Geduld auszugehen; er