und mehr umfassenden unterschob, indem er den gewöhnlichen Begriff der Gerechtigkeit (ohne uns jedoch davon zu benachrichtigen) mit seiner idee von der höchsten geistigen und sittlichen Vollkommenheit, welche, seiner Meinung nach, der menschlichen natur erreichbar ist, bald vermengt bald verwechselt: öffnete sich seiner dichterischen Phantasie ein unabsehbares Feld, wo sie sich nach Gefallen erlustigen konnte, und Stoff genug fand, einen Kreis von gefälligen Zuhörern eben so gut zehn Tage lang zu unterhalten als einen.
Indessen sehe ich nicht warum wir ihm auch diese Freiheit nicht zugestehen sollten. Jeder Schriftsteller hat unstreitig das Recht, sich seinen Stoff nach Belieben zu wählen, und ihn zu bearbeiten, wie es ihm gut dünkt; und wenn er nur, wie Plato, dafür gesorgt hat, uns, sobald wir zu gähnen anfangen, durch wohl angebrachte Reizmittel wieder zur Aufmerksamkeit zu nötigen, so wär' es unbillig und undankbar, wenn wir uns beklagen wollten, dass er uns weit mehr vorsetzt als nötig, oder selbst für eine reichliche Befriedigung unsres Bedürfnisses genug gewesen wäre. Hätte er sich auf das reichlich Genugsame einschränken wollen, so stand es nur bei ihm, die Aufgabe, so wie er sie gestellt hatte, geradezu zu fassen; und da es ihm, kraft seiner philosophischen Machtgewalt, beliebt hatte, den gemeinen und zum Gebrauch im Leben völlig zureichenden Begriff der Gerechtigkeit zu verlassen, und die idee der höchsten Richtigkeit und Vollkommenheit der menschlichen natur an seine Stelle zu setzen, so bedurfte es, meines Bedünkens, keiner so weitläufigen und künstlichen Vorrichtung, um ausfindig zu machen, worin diese Vollkommenheit bestehe. Es gehörte wirklich eine ganz eigene Liebhaberei "Knoten in Binsen zu suchen"15 dazu, die Sache so ausserordentlich schwer zu finden, und selbst ohne alle Not einen Knoten nach dem andern in die Binsen zu knüpfen, bloss um das Vergnügen zu haben sie wieder aufzulösen. Ich zweifle sehr, dass ihm hier die Ausrede zu Statten kommen könne, er lasse seinen Sokrates sich nur darum so stellen, als ob er selbst noch nicht wisse, wie er die vorgelegte Aufgabe werde auflösen können, – um die Täuschung der Leser, als ob sie hier den berüchtigten Eiron wirklich reden hörten, desto vollkommner zu machen. Man könnte diess allenfalls für eine Rechtfertigung gelten lassen, wenn die Rede, anstatt von einem gegenstand, womit sich Sokrates so viele Jahre lang tagtäglich beschäftigte, von irgend einer rätselhaften spitzfindigen Frage gewesen wäre; oder auch, wenn er es, anstatt mit so verständigen, gebildeten und lehrbegierigen jungen Männern, wie Glaukon und Adimantus sich gezeigt haben, mit unwissenden Knaben oder naseweisen Gecken zu tun gehabt hätte. Man könnte zwar einwenden, dass diese Gebrüder in dem grössten teil unsers Dialogs fast immer die Rolle unwissender Schulknaben spielen, und dass Sokrates häufig fragen an sie tut, durch welche ein Knabe von zwölf Jahren sich beleidigt finden könnte: aber wenn Plato diess wirklich in der Absicht tat, die langweilige Art, wie Sokrates ihren Ideen zur Geburt hilft, zu rechtfertigen, so hätte er nicht vergessen sollen, dass er sie kurz vorher wie verständige und scharfsinnige Männer reden liess. – Doch sein Sokrates ist nun einmal in der Laune seinen Spass mit uns zu haben, und wir müssen uns schon gefallen lassen, in einer weitkreisenden Schneckenlinie endlich auf den nämlichen Punkt mit ihm zu kommen, zu welchem er uns auf einer ziemlich geraden mit wenig Schritten hätte führen können.
Sehen wir also (wofern du nichts Besser's zu tun hast) wie er es anfängt, seinen erwartungsvollen, mit gespitzten Ohren und offnen Schnäbeln seine Worte aufhaschenden Zuhörern zum ächten Begriff der Gerechtigkeit zu verhelfen. Da die Sache so grosse Schwierigkeiten hat, und wir uns nicht anders zu helfen wissen (sagt er, die Rede an Adimanten richtend), so wollen wir's machen, wie Leute von kurzem Gesicht, die eine sehr klein geschriebene Schrift von ferne lesen sollten, es machen würden, wenn einer von ihnen sich besänne, dass eben diese Schrift irgendwo an einem erhabnern Orte in grösseren Buchstaben zu lesen sei. Diese Leute würden, denke ich, nicht ermangeln die letztere zuerst zu lesen, um durch Vergleichung der grösseren Buchstaben mit den kleinern zu sehen, ob nicht etwa beide eben dasselbe sagten. Ohne Zweifel, versetzt Adimant; aber wie passt diess auf unsre vorhabende Untersuchung? Das will ich dir sagen, erwiedert Sokrates. Ist die Gerechtigkeit bloss Sache eines einzigen Menschen, oder nicht auch eines ganzen staates? Adimant hält das letztere für etwas Ausgemachtes, wiewohl ich nicht sehe warum, da das, was die Gerechtigkeit sei, als etwas noch Unbekanntes erst gesucht werden soll. Aber, dass Glaukon und Adimant zweifelhafte und ohne Beweis nicht zuzugebende, ja wohl gar ganz unverständliche Sätze, der Bequemlichkeit des Gesprächs wegen bejahen, oder wenigstens gelten lassen, begegnet im Verfolg der ganzen Unterhaltung noch so oft, dass wir uns bei dieser Kleinigkeit nicht aufhalten wollen. – Aber ist ein Staat nicht grösser als ein einzelner Mann? fragt Sokrates. Grösser, antwortet der Knabe, voller Freude vermutlich, dass er hoffen kann es getroffen zu haben. Wahrscheinlich wird also (fährt der Schulmeister fort) auch die Gerechtigkeit im grösseren besser in die Augen fallen und leichter zu erkennen sein. Gefällt es euch, so forschen wir also zuerst, was sie in ganzen Staaten ist, und suchen dann, indem wir in der idee des Kleinern die Aehnlichkeit mit dem grösseren bemerken, herauszubringen, was sie in dem einzelnen