Rechtschaffenheit befleissigen, so hätt' ich zwar von den Göttern nichts zu fürchten, dafür aber entgingen mir auch die Vorteile, die ich aus der Ungerechtigkeit ziehen könnte; da ich hingegen bei dieser immer gewinne, und alle Verbrechen, die ich um reich zu werden begehen muss, bei den Göttern durch Gebete und Opfer wieder gut machen kann. – 'Aber (sagt man) am Ende werden wir doch im Hades für alles was wir im Leben Böses begangen haben, entweder in unsrer eigenen person oder in unsrer Nachkommenschaft bestraft.' – Auch davor ist Rat! Da kommen uns ja die Mysterien und feierlichen Reinigungen zu Statten, durch welche selbst die furchtbaren Götter der Unterwelt sich besänftigen lassen, wie mir ganze Städte, und die Dichter und Propheten unter den Göttersöhnen bezeugen. Was für einen Beweggrund könnt' ich also haben, die Gerechtigkeit der grössten Ungerechtigkeit vorzuziehen, da ich diese nur mit einem guten Aeusserlichen zu bedecken brauche, damit mir bei Göttern und Menschen im Leben und Sterben alles nach Wunsch von Statten gehe, wie ich so viele und grosse Männer behaupten höre?"
Der junge Adimant, der diese schöne gelegenheit, ein Probestück seiner Wohlredenheit abzulegen, möglichst benutzen zu wollen scheint, fährt fort die Sache auf alle Seiten zu wenden, und findet ganz natürlich, der erste Grund des Uebels liege darin: dass von den uralten heroischen zeiten an bis auf diesen Tag niemand die Gerechtigkeit anders angepriesen oder die Ungerechtigkeit anders gescholten habe, als in Rücksicht auf die Ehre und die Belohnungen, welche jener, oder die Strafen, welche dieser nachfolgten. Was aber die eine und die andere an sich selbst sei, was sie folglich ihrem Wesen nach in der Seele des Gerechten oder Ungerechten wirke, wenn sie auch Göttern und Menschen verborgen blieben, nämlich, dass die Ungerechtigkeit das grösste aller Uebel womit eine Seele behaftet sein kann, die Gerechtigkeit hingegen ihr grösstes Gut sei, – diess habe noch niemand weder in Versen noch in gemeiner Rede hinlänglich dargetan und ausgeführt. Er vereinigt sich also mit seinem Bruder Glaukon, aufs ernstlichste und mit Beweggründen, denen kein aufrichtiger Anhänger der Gerechtigkeit, und Sokrates am allerwenigsten, widerstehen konnte, in den letzteren einzudringen, dass er sich nicht weigern möchte, einem so wichtigen Mangel abzuhelfen; und Sokrates, nachdem er sich eine Weile gesträubt und mit seinem Unvermögen, den von Glaukon so scheinbar behaupteten Vorzug der Ungerechtigkeit siegreich zu widerlegen, entschuldigt hat, wird endlich, von den vereinigten Bitten aller Anwesenden überwältigt, dass er wenigstens sein Möglichstes zu tun verspricht, der guten Sache zu hülfe zu kommen und ihrem Verlangen Genüge zu leisten.
Dass Plato die gelegenheit, die er selbst durch die in den Mund seiner Brüder gelegten schönen Reden herbeigeführt hatte, dazu benutzt, seiner Familie, und namentlich seinem Vater Ariston und seinen ältern Brüdern Glaukon und Adimantus aus dem mund eines Sokrates, zwar mit wenigen aber desto gehaltreichern Worten, ein Denkmal zu errichten, welches wahrscheinlich, durch das Werk, worin es wie eine glänzende Spitze hervorragt, von ewiger Dauer sein wird, wollen wir ihm auf keine Weise verdenken. Wenn das, was ihn dazu bewog, eine Schwachheit ist, so ist es wenigstens eine sehr menschliche, die ihm um so mehr zu gut zu halten ist, da er (wie ich kaum zweifle) durch einen Abschnitt in Xenophons Denkwürdigkeiten14, worin Glaukon eine sehr armselige Figur macht, bewogen worden sein mag, diesen seinen Bruder der Nachwelt in einem vorteilhaftern Lichte zu zeigen, und den Verdacht eines einbildischen, leeren, unwissenden Windbeutels und Schwätzers durch die Tat selbst von ihm abzuwälzen. Bevor ich weiter gehe, Eurybates, wirst du mir wohl erlauben, dir, statt eines kleinen Zwischenspiels, meine eigenen Gedanken über die Frage, zu deren Beantwortung Platons Sokrates so weit aushohlt, in möglichster Kürze vorzulegen.
Glaukon behauptete im Namen der Lobredner der
Ungerechtigkeit: Unrecht tun sei an sich etwas Gutes, Unrecht leiden hingegen an sich ein Uebel. Ich habe schon bemerkt, dass ihm das doppelsinnige Wort adikein hier so viel als beleidigen heissen muss. Die Rede ist von Menschen, und zwar nicht von diesen oder jenen einzelnen, sondern von der ganzen Gattung. Was versteht er aber unter beleidigen? Ich weiss keine Formel, welche mir bequemer schiene alle Beleidigungen, die der Stärkere dem Schwächern zufügen kann, zusammen zu fassen als diese: andere zu bloss leidenden Werkzeugen unserer Bedürfnisse und Lüste machen, und zu Befriedigung unserer Leidenschaften und Launen uns alles über sie erlauben, wozu uns unsre Ueberlegenheit das Vermögen gibt. Wenn diess seiner natur nach gut ist; so muss es allen Menschen, überall und zu allen zeiten gut sein. Einander gegenseitig, eigenen Vorteils oder anderer Befriedigungen wegen, alle mögliche Beleidigungen zuzufügen gehört folglich wesentlich zur natur des Menschen, oder mit andern Worten: es ist das, wodurch der Mensch den Forderungen der natur und dem Zweck seines Daseins ein Genüge tut. Sein natürlicher Zustand ist, ein geborner Feind aller andern Menschen zu sein und unaufhörlich an der Beschädigung, Unterdrückung und Zerstörung seiner eigenen Gattung zu arbeiten. Indem nun jeder Mensch von seiner natur getrieben wird, allen andern zu schaden, beleidigt er sie zwar dadurch, aber er tut ihnen kein Unrecht; im Gegenteil, da alles der natur Gemässe insofern recht ist, so ist es recht und völlig in der Ordnung, dass jeder allen andern so viel Uebels zufüge als er kann, und dafür von allen andern so viel leide, als er zu leiden