1800_Wieland_111_268.txt

die Ungerechtigkeit dem, der sie ausübt, immer

vorteilhafter als die Gerechtigkeit, diese hingegen

durch nichts als ihren blossen Schein nützlich sei;

dass also 3) nur ein einfältiger und schwachherziger Mensch

das mindeste Bedenken tragen werde, gegen die

gesetz zu handeln, sobald er es ungestraft tun

könne. Woraus sich dann von selbst ergibt: dass

da diese Art zu denken nicht nur den Kindern durch

die Dichter (aus deren Gesängen sie den ersten Un

terricht empfangen) beigebracht, und in den Er

wachsenen durch alles was sie hören und sehen ge

glauben und allerlei priesterliche Veranstaltungen

und Künste so kräftig verstärkt werde, – kein Wun

der sei, wenn diese, jeden wirklich edlen und guten

Menschen empörende Vorstellungsart über Recht

und Unrecht so tiefe Wurzeln geschlagen habe und

so verderbliche Früchte bringe, als die tägliche Er

fahrung lehre.

Jene drei Irrlehren zu bestreiten, den wesentlichen Unterschied zwischen der Gerechtigkeit, im höchsten Sinn des Wortes, und ihrem Gegenteil überzeugend darzutun, und zu beweisen, dass sie das Ziel und die Vollkommenheit des edelsten Teils der menschlichen natur sei; dass der Mensch nur durch sie in Harmonie mit sich selbst und dem allgemeinen Ganzen gesetzt werde, und dass, so wie die Ungerechtigkeit die Hauptquelle aller das menschliche Geschlecht drückenden Uebel sei, die Gerechtigkeit hingegen das höchste Glück aller einzelnen Menschen sowohl als aller bürgerlichen Gesellschaften bewirken würde; Alles diess macht (die häufigen, zum teil weitschichtigen Abschweifungen und Zwischenspiele abgerechnet) den Inhalt der übrigen acht Bücher aus, und das ganze Werk kann also als eine ernstafte Entkäos und Adikos Logos betrachtet werden, welche der genialische Lieblingsdichter Platons vor mehr als vierzig Jahren in seiner eignen unübertrefflich possierlichen Manier, in ein paar Kampfhähne verkleidet, auf der Atenischen Schaubühne um den Vorzug hatte rechten lassen.

Was für eine Rolle der philosophische Dichter dem Sophisten Trasimachus und dem wackern Glaukon zu spielen gibt, haben wir gesehen: nun lässt er auch Glaukons jüngern Bruder Adimantus das Wort nehmen, und in einer Rede, die an Geist und Zierlichkeit mit dem Discurs seines Bruders wetteifert, an Lebhaftigkeit und Wärme ihn noch übertrifft, den grossen Schaden vorstellig machen, welchen Jünglinge edlerer Art nehmen müssen, indem sie sich an dem auffallenden Widerspruch stossen, zwischen dem, was sie zu haus aus dem mund ihrer Väter hören, und dem was ihnen, sobald sie in die Welt treten, von allen Seiten entgegen schallt; wenn sie hören: wie eben dieselben aus Eingebung der Musen singenden Dichter bald die grosse Liebe und sorge der Götter für die Gerechten und das Glück, das sie ihnen in diesem und dem künftigen Leben bereiten, anrühmen; bald wieder den Pfad der Tugend als höchst mühselig, steil und mit Dornen verwachsen, den Weg des Lasters hingegen als breit, bequem und anmutig schildern; jetzt in den stärksten Ausdrücken und Bildern von dem Zorn der Götter über die Ungerechten und von den furchtbaren Strafen, die im Tartarus auf sie warten, reden; ein andermal zum Trost aller Uebeltäter versichern, dass auch die Götter selbst sich wieder herumbringen lassen, und durch Spenden, Gelübde und Opferrauch bewogen werden können, den Sündern zu verzeihen.

Alles was Plato seinen Bruder über diesen Gegenstand und die natürlichen Folgen der Eindrücke, die durch diese sich selbst widersprechenden, aber der Sinnlichkeit und den Leidenschaften schmeichelnden Vorspiegelungen auf lebhafte und nachdenkliche junge Gemüter gemacht werden, sagen lässt, kann schwerlich wahrer, stärker und schöner gesagt werden. Aber durch nichts wird mir Plato achtungswürdiger als durch die Freimütigkeit, womit er den unendlichen Schaden rügt, den der Missbrauch der herrschenden Volksreligion in den sittlichen Gefühlen und Urteilen der Menschen anrichtet; und gewiss ist noch nie etwas Treffenderes über diesen Punkt gesagt worden als die folgende Stelle aus dem Selbstgespräch, welches er einem solchen von Erziehern, Dichtern und vorgeblichen Philosophen irre gemachten Jüngling in den Mund legt. Nachdem nämlich dieser aus allem, was er beim Eintritt in die Welt sieht und hört, das Resultat gezogen, "dass es zum glücklichen Leben nicht nur hinreiche, sondern sogar nötig sei, sich mit der blossen Larve der Rechtschaffenheit zu behelfen, um unter ihrem Schutz des Vorteils, ungestraft sündigen zu können, in vollem Masse zu geniessen;" macht er sich selbst den Einwurf: "wenn es einem nun aber auch gelänge, die Menschen teils durch List und Ueberredung teils mit Gewalt dahin zu bringen, dass sie ihm erlauben müssten sich alles herauszunehmen was ihm beliebte, so wären dann doch noch die Götter da, gegen welche weder durch Betrug noch Gewalt etwas auszurichten sei. Wie aber (antwortet er sich selbst) wenn es, wie Einige behaupten, gar keine Götter gibt, oder wenn sie sich wenigstens, wie Andre versichern, um die menschlichen Dinge nichts bekümmern? – so brauchen auch wir uns nicht zu kümmern ob sie uns sehen oder nicht. Gibt es Götter, und nehmen sie sich der menschlichen Dinge an, so haben wir doch alles, was wir von ihnen wissen, aus keiner andern Quelle als vom Hörensagen, und am Ende bloss von den Dichtern, die ihre Genealogien verfasst haben. Nun sagen mir aber eben diese Dichter, dass man den Zorn der Götter durch demütige Abbitten, Opfer und Weihgeschenke von sich ableiten könne. Ich muss ihnen also entweder beides glauben, oder weder diess noch jenes. Glaube ich, nun wohlan! so begeh' ich ungescheut so viel Unrecht als ich kann, opfre den Göttern einen teil dessen was ich dadurch gewinne, und alles ist gut. Wollt' ich mich der