gegeisselt, auf die Folter gespannt und in Ketten gelegt werden: man wird ihm die Augen ausbrennen, und nachdem er alle nur ersinnlichen Misshandlungen erduldet hat, wird er ans Kreuz geschlagen werden, und nun zu spät einsehen, dass man zwar rechtschaffen scheinen, aber kein Tor sein muss es wirklich zu sein. Wie herrlich ist hingegen das los des Ungerechten, der die Klugheit hat, die öffentliche Meinung auf seine Seite zu bringen, und während er sich unter der Larve der Tugend ungestraft alles erlauben kann, für einen rechtschaffnen und verdienstvollen Mann gehalten zu werden? Die höchsten Ehrenstellen im Staat erwarten seiner; er kann heiraten wo er will, und die Seinigen ausgeben an wen er will; jedermann rechnet sich's zur Ehre in verhältnis und Verbindung mit ihm zu kommen; ihm, dem kein Mittel zu seinem Zweck zu schlecht ist, schlägt alles zum Vorteil an; bei allen Gelegenheiten weiss er andern den Rank abzulaufen, kurz er wird ein reicher und gewaltiger Mann, und ist also im stand, seinen Freunden nützlich zu sein, seinen Feinden zu schaden, und die Götter selbst durch häufige Opfer und reiche Weihgeschenke zu gewinnen, so dass er ihnen lieber sein wird, als der Gerechte, der nichts zu geben hat."
Ich weiss nicht wie vielen Dank eure Sophisten dem göttlichen Plato für diese Darstellung ihrer Lehre von den Vorteilen der Ungerechtigkeit über die Gerechtigkeit wissen werden; gewiss ist wenigstens, dass es keinem von ihnen je eingefallen ist, die Frage auf diese Spitze zu stellen, und einen gerechten Mann, wie nie einer war, noch sein wird noch sein kann, zu erdichten, um durch Vergleichung des glücklichen Looses des Ungerechten mit dem jammervollen Leben und schrecklichen Ende dieses Rechtschaffnen die Vorzüge der Ungerechtigkeit in ein desto grösseres Licht zu setzen. Ich, meines Orts, habe gegen das Ideal des Platonischen Gerechten zwei Einwendungen. Erstens liegt es keineswegs in der idee eines vollkommen rechtschaffenen Mannes, dass er notwendig ein Bösewicht scheinen müsse; im Gegenteil, es ist ihm nicht nur erlaubt zu scheinen was er ist, sondern die Rechtschaffenheit selbst legt es ihm sogar als Pflicht auf, bösen Schein, so viel möglich, zu vermeiden. Auch sehe ich nicht, wie er es ohne Nachteil sowohl seiner Rechtschaffenheit als seines Menschenverstandes anfangen wollte, um von allen den Menschen, welche tägliche Augenzeugen seines Lebens sind, immer verkannt, gehasst und verabscheuet zu werden. Alle Umstände, alle Menschen, die ganze natur müssten sich auf die unbegreiflichste Art gegen ihn verschworen, und er selbst müsste sich, unbegreiflicherweise, unendliche Mühe gegeben haben, seinen Tugenden und guten Handlungen die Gestalt des Lasters und Verbrechens zu geben. Ich zweifle sehr, ob ein einziges Beispiel aufzustellen sei, dass ein so guter, redlicher und gerechter Mann, wie ihn Plato setzt, ohne alle Freunde geblieben, und von Niemand gekannt, geliebt und geschätzt worden wäre. Ueberdiess liesse sich noch fragen, ob irgend ein menschenähnliches Wesen, ohne ein Gott zu sein, die probe, auf welche unser Ideendichter seinen Gerechten stellt, zu bestehen, und alle Schmach und Marter, die er zu Bewährung seiner Tugend über ihn zusammenhäuft, auszuhalten vermöchte. Dieses Ideal ist also, von welcher Seite man es ansieht, ein Hirngespenst und zu der Absicht, wozu Plato es erdichtet hat, ganz unbrauchbar. Denn solcher ungerechter Menschen, wie er bei dieser Vergleichung annimmt, hat es zwar in der wirklichen Welt von jeher nur allzu viele gegeben, einen solchen Gerechten hingegen nie. Wenn sich also auch aus der Vergleichung des einen mit dem andern die Folge ziehen liesse, welche Glaukon daraus zieht, so würde doch dadurch nicht bewiesen sein, dass die Vorteile, welche der wirkliche Ungerechte von seiner Heuchelei erntet, wenn alles, was bei einer scharfen Berechnung in Anschlag kommen muss, ehrlich und redlich angesetzt wird, denen, die der wirkliche Gerechte durch seine Rechtschaffenheit geniesst, vorzuziehen wären.
5.
An Ebendenselben.
Fortsetzung des vorigen.
Da ich mich, beinahe wider Willen, aber durch die natur der Sache selbst, mit welcher ich mich zu befassen angefangen, unvermerkt in eine nähere Beleuchtung der einzelnen Teile, woraus die vor uns liegende reiche Composition zusammengefügt ist, hineingezogen finde; wird es, bevor wir weiter gehen, edler Eurybates, nötig sein, uns auf den Punkt zu stellen, aus welchem das Ganze angeschaut sein will, um richtig beurteilt zu werden. Ausser mehrern nicht unbedeutenden Nebenzwecken, welche Plato in seinen vorzüglichsten Werken mit dem Hauptzwecke zu verbinden gewohnt ist, scheint mir seine vornehmste Absicht in dem gegenwärtigen dahin zu gehen, der in mancherlei Rücksicht äusserst nachteiligen Dunkelheit, Verworrenheit und Unhaltbarkeit der vulgaren Begriffe und herrschenden Vorurteile über den Grund und die natur dessen, was recht und unrecht ist, durch eine scharfe Untersuchung auf immer abzuhelfen. Diesem grossen Zwecke zufolge zerfällt dieser Dialog in zwei Hauptteile. In dem einen, der das erste Buch und die grössere Hälfte des zweiten einnimmt, ist es darum zu tun, die folgenden drei Lehrsätze, als die gemeine, von Dichtern, Sophisten und Priestern aus allen Kräften unterstützte, Meinung vorzutragen und auf alle Weise einleuchtend zu machen; nämlich: 1) dass der Unterschied zwischen Recht und Unrecht
lediglich entweder auf willkürlicher Verabredung
unter freien Menschen, oder auf den Verordnungen
regierender Machtaber beruhe, welche letztere na
türlicherweise die gesetz, so sie den Regierten
geben, zu ihrem eigenen möglichsten Vorteil ein
richten, sich selbst aber nicht dadurch gebunden
halten; 2) dass