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derjenigen, deren Sachwalter er vorstellt, zum Beweise verbunden, und führt ihn sehr sinnreich, vermittelst der Voraussetzung, dass beide, der Gerechte und Ungerechte, wie jener aus dem Herodot bekannte Lydier13 (dessen fabelhafte geschichte Glaukon hier etwas anders als Herodot erzählt) im Besitz eines unsichtbar machenden Ringes wären. Ein solcher Ring würde, dünkt mich, als Probierstein gebraucht allerdings das untrüglichste Mittel sein, den wahrhaft rechtschaffenen Mann von dem Heuchler zu unterscheiden; aber zu dem Gebrauch, den Glaukon von ihm macht, scheint er nicht zu taugen. Denn indem dieser ganz herzhaft annimmt, dass der Gerechte, sobald er sich im Besitz eines solchen Ringes sähe, nicht um ein Haar besser als der Ungerechte sein, und alle möglichen Bubenstücke, wozu Lust, Habsucht oder andere Leidenschaften ihn reizen könnten, eben so unbedenklich verüben würde als jener, setzt er als etwas Ausgemachtes voraus, was erst bewiesen werden sollte. Wenn auch wir andern gewöhnlichen Leute so überschwänglich bescheiden sein wollten, einen Zweifel in uns selbst zu setzen, ob wir wohl den Versuchungen eines solchen Zauberringes widerstehen könnten; wer darf nur einen Augenblick zweifeln, dass ein Sokrates durch den Besitz desselben weder an Macht, noch Geld, noch sinnlichen Genüssen reicher geworden wäre?

Indessen, wofern es auch an einzelnen Ausnahmen nicht fehlen sollte, so ist doch nur gar zu wahrscheinlich, dass unter Tausend, die für gute ehrliche Leute gelten, weil sie weder Mut noch Macht haben sich in ihrer wahren Gestalt zu zeigen, nicht Einer wäre, der mit dem Ring des Gyges nicht die vollständigste Befreiung von allem Zwang der gesetz zu erhalten glauben würde. Glaukon (der noch immer im Namen derjenigen spricht, denen Recht und Unrecht für blosse Satzung des gesellschaftlichen Vereins und der Machtaber in demselben gilt) ist seiner Sache so gewiss, dass er geradezu versichert: jedermann sei so völlig davon überzeugt, dass die Ungerechtigkeit dem Ungerechten vorteilhafter sei als die Gerechtigkeit, dass, sobald jemand glaube er könne mit Sicherheit unrecht tun, er es nicht nur ohne alles Bedenken tun werde, sondern sich für den grössten aller Toren und Dummköpfe halten würde, wenn er es nicht täte. Um sich, sagt er, zu überzeugen, dass einem verständigen Menschen nicht zuzumuten sei, anders zu denken und zu handeln, brauche es nichts als das los zu erwägen, das der Gerechte und Ungerechte im Leben unter den Menschen zu gewarten habe.

So weit hatte Plato seinen Glaukon die Lehre der Sophisten, die er nicht ohne Grund die gemeine Meinung nennt, ziemlich treu und unverfälscht vortragen lassen; aber nun schiebt er ihm wieder unvermerkt seine eigene Vorstellungsart unter, indem er ihn aus der wirklichen Welt, aus welcher sich jene nie versteigen, auf einmal in seine eigene Ideenwelt versetzt, unter dem Vorwand: das Problem, wovon die Rede ist, könne auf keine andere Weise ganz rein aufgelöset werden. Wir wollen sehen!

Denken wir uns (sagt der platonisirende Glaukon) um uns den Unterschied zwischen dem gerechten und ungerechten Mann völlig anschaulich zu machen, beide in ihrer höchsten Vollkommenheit, so dass dem Ungerechten nichts was zur Ungerechtigkeit, dem Gerechten nichts was zur Gerechtigkeit gehört, abgehe. Es ist also, um mit dem Ungerechten den Anfang zu machen, nicht genug, dass er immer und bei jeder gelegenheit so viel Unrecht tut als er kann und weiss; wir müssen ihm auch noch erlauben, dass er, indem er nichts als Böses tut, sich immer den Schein des Gegenteils zu geben und die Meinung von sich fest zu setzen wisse, dass er der rechtschaffenste Mann von der Welt sei; und da es, mit allem dem, doch begegnen könnte, dass auf eine oder die andere Weise etwas von seinen Bubenstücken an den Tag käme, so muss er auch noch Beredsamkeit genug, um sich in den Augen der Menschen völlig rein zu waschen, und im Notfall, so viel Mut, Vermögen und Anhänger besitzen, als nötig ist um Gewalt zu brauchen, wenn List und Heuchelei nicht hinreichen will. Diesem Bösewicht nun stellen wir den Gerechten gegen über, einen guten, ehrlichen, einfachen Biedermann, der was er ist nicht scheinen will, sondern sich begnügt es zu sein. Damit wir aber recht gewiss werden, dass ihm nichts zur vollkommnen Rechtschaffenheit abgeht, ist schlechterdings nötig, dass wir ihn in der öffentlichen Meinung zum Gegenteil dessen machen, was er ist, denn wenn er auch rechtschaffen zu sein schiene, würden ihm Ehrenbezeugungen und Belohnungen nicht fehlen, und da würde es ungewiss sein, ob er das, was er schiene, wirklich und aus reiner Liebe zur Gerechtigkeit, oder nur der damit verbundenen Vorteile wegen sei. Wir müssen ihm also alles nehmen, bis ihm nichts als die nackte Rechtschaffenheit übrig bleibt, und ihn, mit Einem Worte, so setzen, dass er in allem als das Gegenteil des Ungerechten dastehe. Dieser ist ein ausgemachter Bösewicht und scheint der unbescholtenste Biedermann zu sein; jener ist sein ganzes Leben durch der rechtschaffenste aller Menschen, und wird für den grössten Bösewicht gehalten; geht aber, ohne sich seinen schlimmen Ruf und die Folgen desselben im geringsten anfechten zu lassen, seinen Weg fort, und beharret, wiewohl mit jeder Schande des verworfensten Buben belastet, unbeweglich bei seiner Rechtschaffenheit bis in den Tod. Man kann sich leicht vorstellen, wie es diesen beiden idealischen Wesen, wenn sie verkörpert und ins menschliche Leben versetzt würden, ergehen müsste. "Der Gerechte, sagen die Lobredner der Ungerechtigkeit, wird