, den Schwächern ungestraft Unrecht zu tun, freiwillig begeben wollte.
Ich kann mich irren, aber so weit ich die Sophisten, deren System Plato in diesem zweiten buch in seiner ganzen Stärke vorzutragen unternommen hat, kenne, scheint er mir, es sei nun vorsetzlich oder unvermerkt, etwas von seiner eigenen Vorstellungsweise in die Darstellung der ihrigen eingemischt zu haben. Ich wenigstens zweifle sehr, ob es jemals einem Menschen eingefallen ist, zu behaupten: Unrecht tun sei gut an sich. Und was versteht Glaukon, aus dessen mund Plato hier spricht, unter Unrecht tun? Wenn der Unterschied zwischen Recht und Unrecht erst durch Verträge und verabredete gesetz bestimmt werden muss, so gibt es in dem Zustande der natürlichen Freiheit, der den gesellschaftlichen Vereinigungen vorhergeht, kein Unrecht. Oder spielt Plato, wie er so gern tut, auch hier mit dem Doppelsinn des Worts adikein, welches sowohl beleidigen, als Unrecht tun bedeutet? Im stand der natürlichen Freiheit (den ich lieber den Stand der menschlichen Tierheit nennen möchte) beleidige ich den Schwächern, dem ich die Speise, womit er seinen Hunger stillen will, mit Gewalt wegnehme; im stand der politischen Gesellschaft tue ich ihm dadurch Unrecht, weil das Gesetz alle Beleidigungen verbietet. So verstehen es meines Wissens, die Sophisten; und wiewohl sie behaupten, dass es dem Menschen, welcher Macht genug hat alles zu tun was ihm beliebt und gelüstet, nicht unrecht sei die Schwächern zu berauben oder zu unterjochen, sobald er Vorteil oder Vergnügen davon zu ziehen vermeint: so hat doch schwerlich einer von ihnen jemals im Ernste behauptet, Unrecht tun, oder andere beleidigen sei schon an sich selbst, ohne Einschränkung, Bedingung oder Rücksicht auf einen dadurch zu gewinnenden Vorteil, gut, folglich recht tun an sich selbst übel. Sie kennen überhaupt kein Gut noch Uebel an sich, sondern betrachten alle Dinge bloss wie sie in der Wirklichkeit sind, d.i. wie sie allen Menschen, in Beziehung auf sich selbst oder auf den Menschen überhaupt, unter gegebenen Umständen scheinen. Im stand der freien natur erlaubt sich (sagen sie) der Stärkere alles, wozu er durch irgend ein Naturbedürfniss oder irgend eine leidenschaft, Lust oder Unlust, getrieben wird; aber in diesem stand gibt es, genau zu reden, keinen Stärkern als für den Augenblick; denn der Stärkste wird sogleich der Schwächste, sobald mehrere über ihn kommen, wiewohl er jedem einzelnen überlegen wäre. Jener angebliche Naturstand ist also ein allgemeiner Kriegsstand, bei welchem sich am Ende, wo nicht alle, doch gewiss die meisten so übel befinden, dass sie sich entweder in Güte zu einem gesellschaftlichen Leben auf gleiche Bedingungen verbinden, oder irgend einem Mächtigen gezwungen unterwerfen müssen, falls sie sich ihm nicht aus achtung und Zutrauen, mit oder ohne Bedingung, freiwillig untergeben. In allen dreien Fällen sind gesetz, welche bestimmen was sowohl den Regierenden oder Machtabern als den Regierten oder Unterworfenen recht und unrecht ist, notwendig; denn sogar ein Tyrann, der alles kann was ihn gelüstet, wird sich, wenn er Verstand genug hat sein eigenes Bestes zu beherzigen, nicht alles erlauben was er kann. Indessen ist nicht zu läugnen, dass der Grundsatz der Sophisten, "die Gerechtigkeit (insofern die Erfüllung der bürgerlichen gesetz darunter verstanden wird) sei ein Zaum, den bloss die notwendigkeit den Menschen über den Hals geworfen habe, und von welchem jedermann, sobald er es ungestraft tun könne, sich loszumachen suche," sich als Tatsache auf die allgemeine Erfahrung gründet, und dass die Sokratesse (wofern es jemals mehr als Einen gegeben hat) noch seltner als die weissen Raben sind. Diese Tatsache ist im Lehrbegriff der Sophisten eine natürliche Folge des Beweggrundes, der die Menschen aus dem freien Naturstande (wo die Kraft allein entschied, und, weil es noch kein Gesetz gab, jeder sich alles erlauben durfte was er auszuführen vermögend war) heraustrieb, und in den Stand des politischen Vereins zu treten nötigte. Jene unbeschränkte Freiheit würde von den Menschen als ihr höchstes Gut angesehen werden, wenn sie nicht, eben darum weil sie nur von dem Stärkern ausgeübt werden kann, die unsicherste Sache von der Welt wäre. Denn welcher Mensch kann sich in einem stand, wo Einer immer gegen Alle und Alle gegen Einen sind, nur einen Tag darauf verlassen, der Stärkere zu bleiben? Die eiserne notwendigkeit zwingt sie also, wider ihren Willen, zum gesellschaftlichen Verein, als dem einzigen Mittel, ihr Dasein und jeden daher entspringenden Genuss unter Gewährleistung der gesetz in Sicherheit zu bringen. Natürlicherweise aber behält sich jeder stillschweigend vor, die gesetz (die ihm nur, insofern sie ihn gegen andere schützen, heilig, aber, insofern sie seiner eigenen Freiheit Schranken setzen, verhasst sind) so oft zu übertreten, als er es mit Sicherheit tun kann. Diesem nach wäre denn bei allen, welchen es an Macht gebricht sich öffentlich und ungescheut über Recht und Unrecht wegzusetzen, kein anderer Unterschied zwischen dem gerechten und ungerechten mann, als dass jener sich nie ohne eine Larve der Gerechtigkeit sehen lässt, die er sich so geschickt anzupassen weiss, dass sie sein eigenes Gesicht zu sein scheint; dieser hingegen so plump und unvorsichtig ist, sich immer über der Tat ertappen zu lassen. Darin, dass keiner sich etwas, das ihn gelüstet, versagen möchte, und jeder wo möglich alles zu haben wünscht, sind sie einander beide gleich.
Da diess in der Tat hart klingt, so hält sich Glaukon, im Namen