und in die Luft gefochten worden, – die grosse Frage, was ist Gerechtigkeit? aus seiner Schuld noch immer unausgemacht geblieben sei.
Wie Sokrates, nach einem solchen geständnis, zu Anfang des zweiten buches sagen kann: "er habe geglaubt das Gespräch sei nun zu Ende," weiss ich nicht; denn dass Trasymachus schon seit einer ziemlichen Weile, mit dem hoffärtigen Anstand einer Kämpfers, der seinen Gegner nicht für gut genug hält ihn seine Ueberlegenheit fühlen zu lassen, sich zurückzieht, machte zwar dem Spiegelgefecht mit ihm ein Ende; aber die Untersuchung selbst war so wenig beendigt, dass sie nicht einmal recht angefangen hatte. In der Tat hatte Trasymachus seine Sache so schlecht geführt, dass man zur Entschuldigung des Sokrates sagen könnte: er habe es nicht der Mühe wert gehalten Ernst gegen einen Antagonisten zu gebrauchen, den man schon mit Strohhalmen in die Flucht jagen konnte. Ob Plato diesem Sophisten, indem er ihn zu einem eben so hohlen als aufgeblasenen Strohkopf macht, Recht oder Unrecht getan habe, mag dahingestellt sein; genug dass durch die Art, wie der Streit bisher geführt wurde, für die gute Sache der Gerechtigkeit, welche doch nach Platons Absicht in diesem Dialog einen entschiedenen Sieg über ihre Gegner erhalten sollte, wenig oder nichts gewonnen war. Das Werk musste also ernstafter angegriffen werden. Um dieses zu bewerkstelligen, stellt Plato in seinen Brüdern Glaukon und Adimantus zwei neue Personen auf, welche bisher noch keinen tätigen Anteil an dem gespräche genommen hatten; und man muss gestehen, dass er sein Möglichstes getan hat, die Rolle, die er ihnen im zweiten buch zu spielen gibt, glänzend und ehrenvoll zu machen. Der erste von ihnen, Glaukon, tritt zwar als Verfechter der Ungerechtigkeit auf, deren Sache Trasymachus (wie er meint) allzu lässig verteidigt und ohne Not viel zu früh aufgegeben habe; verwahrt sich aber mit vieler Wärme gegen den Verdacht, als ob er, indem er alle seine Kräfte zu Gunsten der Ungerechtigkeit aufbiete, aus eigener überzeugung und gleichsam aus der Fülle des Herzens rede. Also bloss um den Gegnern der Gerechtigkeit alle Möglichkeit der Einwendung, als ob ihre Gründe nicht in ihrer ganzen Stärke geltend gemacht worden wären, abzuschneiden, und um den Sokrates in die notwendigkeit zu setzen, sich der guten Sache in vollem Ernst anzunehmen, nimmt Glaukon das Wort, und macht sich anheischig: vor allen Dingen zu erklären, was nach der Meinung derjenigen, für welche Trasymachus gesprochen habe, die Gerechtigkeit sei und woher sie ihren Ursprung nehme; sodann zu zeigen, dass diejenigen, die sich der Gerechtigkeit befleissigen, es nicht desswegen tun, weil sie in ihren Augen ein Gut, sondern weil sie ein notwendiges Uebel ist; und endlich drittens zu beweisen, dass diese Leute Recht haben; sintemal die Erfahrung bezeuge, dass das Leben des Ungerechten in der Tat glücklicher sei als des Gerechten. "Nicht als ob ich selbst diese Meinung hegte," sagt Glaukon; "aber doch stossen mir zuweilen Zweifel auf, da ich täglich von Trasymachus und zehntausend andern so viel dergleichen hören muss, dass mir die Ohren gellen, hingegen mir noch niemand, so wie ich es wünschte, bewiesen hat, dass der Gerechte sich im Leben besser befinde als der Ungerechte."
Ich zweifle ob unser alter Freund Hippias selbst diese Lieblingslehre der Sophisten (die übrigens in der geschichte der Menschen und der Erfahrung nur allzu gegründet ist) deutlicher und scheinbarer hätte vortragen und zierlicher zusammenfassen können, als in der kleinen Rede geschehen ist, welche Plato seinem Bruder Glaukon hier in den Mund legt. Ob aber gleichwohl durch die unserm Philosophen eigene Art, alles aufs Höchste zu treiben, den Behauptern der Lehre, "dass der Unterschied zwischen dem, was die Menschen Recht und Unrecht nennen, sich bloss auf einen durch die Not aufgedrungenen Vertrag gründe," nicht einiges Unrecht geschehe, dürfte wohl die Frage sein. "Unrecht tun" (sagt Glaukon) "ist, nach der gemeinen Meinung, an sich selbst, oder seiner natur nach gut, Unrecht leiden an sich selbst, übel. Aber aus dem Unrecht leiden entsteht mehr und grösseres Unheil, als Gutes aus dem Unrecht tun. Nachdem nun die Menschen einander lange Unrecht getan und Unrecht von einander erlitten, glaubten die Schwächern, – eben darum, weil die Schwäche, um derentwillen sie alles Unrecht von den Stärkern leiden müssen, sie unvermögend machte, das Vergeltungsrecht an jenen auszuüben, – sich nicht besser helfen zu können, als indem sie in Güte mit einander übereinkämen weder Unrecht zu tun noch zu leiden." – Auf diese Weise, meint er, seien die gesetz und Verträge entstanden, und so habe das durchs Gesetz Befohlene oder Verbotene die Benennung des Rechts oder Unrechts erhalten. Diess sei also der Ursprung der Gerechtigkeit, und so stehe sie, ihrem Wesen nach, zwischen dem Besten und dem Schlimmsten in der Mitte; denn das Beste wäre, ungestraft Unrecht zu tun, das Schlimmste Unrecht zu leiden ohne sich rächen zu können. Die Gerechtigkeit werde also nicht geschätzt weil sie etwas Gutes an sich sei, sondern bloss insofern sie den Schwächern zur Brustwehr gegen die Beeinträchtigungen der Stärkern diene. Wer sich folglich stark genug fühle, dieser Brustwehr nicht zu bedürfen, werde sich wohl hüten sich in Verträge, andern kein Unrecht zu tun um keines von ihnen zu leiden, einzulassen; denn da er das letztere nicht zu befürchten habe, so müsste er wahnsinnig sein, wenn er sich des Vorteils