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Umstand, seine Leser gleich anfangs durch das Gespräch zwischen Sokrates und dem alten Cephalus (dem Herrn des Hauses) über die Vorteile und Nachteile des hohen Alters (die kleinste und schönste Episode dieses Werks) in Erwartung einer angenehmen und interessanten Unterhaltung zu setzen. Aber lange kann der Platonische Sokrates ein Gespräch dieser Art nicht ausdauern. Er muss etwas zu disputiren haben; und da ihm Cephalus keine gelegenheit dazu gibt, macht er sie selbst, indem er ihn, man sieht nicht recht warum, durch eine verfängliche Frage in einen Streit über den richtigen Begriff der Gerechtigkeit zu ziehen sucht, und dadurch den eigentlichen Gegenstand dieses Dialogs, wiewohl ein wenig bei den Haaren, herbeizieht. Der schlaue Alte, der die Falle sogleich gewahr wird, macht sich, mit der Entschuldigung, dass seine Gegenwart beim Opfer nötig sei, in zeiten aus dem Staube; seinem Sohne Polemarchus auftragend, die Sache mit dem kampflustigen Herrn auszufechten. Der junge Mann zeigt sich dazu bereitwillig, und der Streit beginnt über den Spruch des Simonides, "jedem das Seine geben ist gerecht," welchen Polemarch behauptet, Sokrates hingegen mit verstellter Bescheidenheit und Ehrfurcht "vor einem so weisen und göttlichen mann wie Simonides," unter dem ironischen Vorwand er verstehe die Meinung dieser Worte nicht recht, nach seiner gewohnten Art bestreitet, indem er jenen durch unerwartete fragen und Inductionen in die Enge zu treiben und zum Widerspruch mit sich selbst zu bringen sucht. Polemarch wehrt sich zwar eine Weile, sieht sich aber, da er zu rasch und hitzig dabei zu Werke geht und seinem Gegner an Spitzfindigkeit nicht gewachsen ist, ziemlich bald genötigt, seine Meinung zurück zu nehmen. Ich gestehe, dass ich es, an Platons Stelle, nicht über mich hätte gewinnen können, weder den Sokrates mit so ströhernen Waffen fechten, noch den Sohn des Cephalus sich so unrühmlich überwunden geben zu lassen. Man könnte zwar zu seiner Entschuldigung sagen: bekanntermassen habe Sokrates sich gegen die Sophisten und ihre Schüler aus Verachtung keiner schwerern Waffen bedient; da es ihm nicht darum zu tun gewesen sei, sie zu belehren, sondern ihrer zu spotten, sie in Widersprüche mit sich selbst zu verwickeln, und eben dadurch, dass sie sich so leicht verwirren und in Verlegenheit setzen liessen, sie selbst und die Zuhörer ihrer Unwissenheit und Geistesschwäche zu überweisen. Ich antworte aber: sobald Plato, der Schriftsteller, sich die Freiheit herausnahm, den nicht mehr lebenden Sokrates zum Helden seiner philosophischen Dramen und dialektischen Kampfspiele zu wählen, und ihm zu diesem Ende eine subtile, schwärmerische, die grenzen des Menschenverstandes überfliegende Philosophie, die nichts weniger als die seinige war, in den Busen zu schieben; mit Einem Wort, sobald er sich erlaubte aus dem wirklichen Sokrates einen idealischen zu machen, würde es ihm sehr wohl angestanden haben, auch die einzigen Züge, die er ihm lassen musste, wenn er sich selbst noch ähnlich sehen sollte, die Art wie er die Ironie und die Induction zu handhaben pflegte, zu idealisiren; ich will sagen, sie mit aller der Feinheit und Kunst zu behandeln, deren sie bedarf, wenn sie für eine Metode gelten soll, dem gemeinen Menschenverstand den Sieg über sophistische Spitzfindigkeit und täuschende Gaukelei mit Aehnlichkeiten, Wortspielen und Trugschlüssen zu verschaffen. Diess, denke ich, müsste ihm Pflicht sein, wenn er das Andenken seines ehrwürdigen Lehrers wirklich in Ehren hielte, und ich sehe nicht, womit er zu entschuldigen wäre, dass er in diesem Wortgefechte mit Polemarch gerade das Gegenteil tut. Oder muss es nicht dem blödesten Leser in die Augen springen, dass sein vorgeblicher Sokrates den Spruch des Simonides auf eine Art bestreitet, die den Leser ungewiss lässt, ob der Sophist Sokrates den ehrlichen Polemarch, oder der Sophist Plato den ehrlichen Sokrates zum Besten haben wolle? Denn (was wohl zu bemerken ist) Polemarch erscheint in diesem Streit zwar als ein ziemlich kurzsinniger und im Denken wenig geübter Mann, aber nichts an ihm lässt uns argwohnen, dass es ihm nicht um Wahrheit zu tun sei; und der Satz des Simonides, wenn er gleich den höchsten und reinsten Begriff dessen was gerecht ist nicht erreicht, drückt doch eine so allgemein für Wahrheit anerkannte Maxime aus, dass man nicht begreift, wie Platons Sokrates sich erlauben kann, einen so platten langweiligen Scherz damit zu treiben. Oder sollte Plato im Ernst glauben, die Erklärung des Simonides werde dadurch der Unrichtigkeit überwiesen, "dass einer z.B. Unrecht hätte, wenn er ein bei ihm hinterlegtes Schwert dem Eigentümer auf Verlangen wieder gäbe, falls dieser wahnsinnig wäre, oder der Depositor gewiss wüsste, dass er seinen Vater damit ermorden wolle?" Denn wer sieht nicht, dass hier bloss mit den verschiedenen Bedeutungen, die das Wort gerecht im gemeinen Leben hat, gespielt wird; dass die Fälle, worin es nicht recht, d.i. weder gesetzmässig noch klug, schicklich und ratsam ist, das Anvertraute dem Eigentümer wieder zu geben, Ausnahmen sind, die aus dem Zusammenstoss verschiedener gleich heiliger Pflichten entstehen; und dass daher unter verschiedenen Umständen und in verschiedener Ansicht eben dasselbe recht und unrecht sein kann? Dass Sokrates diess nicht zu wissen scheintund dass der gute Polemarch, sobald ihm die Ausnahme als ein Einwurf vorgehalten wird, gleich so erschrocken, als würde ihm der Kopf der Gorgone vor die Augen gehalten, zurückspringt, und den Worten des Simonides flugs eine andere Deutung gibt, die er gleichwohl eben so wenig gegen die Sophistereien und Ironien des grossen dialektischen