hätte, uns auf derselben Tafel die schöne Deianira unter einem Gewimmel von Mägden mit Trocknen ihrer Wäsche beschäftigt zeigte, und, zu mehrerer Unterhaltung der Liebhaber, auf beiden Seiten noch eine Aesopische Fabel, eine Gluckhenne mit ihren Küchlein neben einem sich stolz in der Sonne spiegelnden Pfauhahn anbringen, und das alles so genau und zierlich auspinseln wollte, dass der Zuschauer, zweifelhaft ob der Fuchs und der Rabe, oder Deianira mit ihren Mägden, oder Hercules und Achelous, oder die Gluckhenne und der Pfau die Hauptfiguren des Stücks vorstellen sollten, über dem Betrachten der Nebendinge den eigentlichen Gegenstand immer aus den Augen verlöre? Wiewohl dieser Tadel sich auf eine, meiner Meinung nach, etwas schiefe Ansicht des Dialogs, als Kunstwerk betrachtet, gründet, und daher um vieles übertrieben ist, wie ich in der Folge zu zeigen gelegenheit finden werde: so muss ich doch gestehen, dass das vor uns liegende Werk von einem auffallenden Missverhältniss der Teile zum Ganzen, und von Ueberladung mit Nebensachen, welche die Aufmerksamkeit von der Hauptsache abziehen und nötigern Untersuchungen den Weg versperren, nicht ganz frei gesprochen werden könne. Das Problem, warum es dem angeblichen Sokrates eigentlich zu tun ist, nämlich den wahren Begriff eines gerechten Mannes durch das Ideal eines vollkommenen staates zu finden, macht kaum den vierten teil des Ganzen aus; und ob ich schon nicht in Abrede bin, dass der Verfasser die häufigen Abschweifungen und Episoden mit der Hauptsache in Verbindung zu setzen gesucht hat, so ist doch unläugbar, dass einige derselben wahre Auswüchse und üppige Wasserschösslinge sind, andere hingegen ohne alle Not so ausführlich behandelt werden, dass der Verfasser selbst das Hauptwerk darüber gänzlich zu vergessen scheint.
Indessen werden alle diese Fehler in meinen Augen zu Kleinigkeiten, sobald gefragt wird: wie dieses Platonische Machwerk in Ansehung dessen, worin die wesentlichste Schönheit eines Dialogs besteht, beschaffen sei? – Vorausgesetzt, dass die Rede nicht von Unterweisung eines Knäbleins durch Frage und Antwort, sondern von einem Gespräch unter Männern, über irgend einen wichtigen, noch nicht hinlänglich aufgeklärten, oder verschiedene Ansichten und Auflösungen zulassenden Gegenstand ist, so lässt sich doch wohl als etwas Ausgemachtes annehmen: ein erdichteter Dialog sei desto vollkommener, je mehr er einem unter geistreichen und gebildeten Personen wirklich vorgefallenen Gespräch ähnlich sieht. In einer solchen gesellschaftlichen Unterhaltung stellt jeder seinen Mann; jeder hat seinen eigenen Kopf mitgebracht, hat seine Meinung, und weiss sie, wenn sie angefochten wird, mit starken oder schwachen, aber doch wenigstens mit scheinbaren, Gründen zu unterstützen. Wird gestritten, so wehrt sich jeder seiner Haut so gut er kann; oder sucht man einen Punkt, welcher allen noch dunkel ist, ruhig und gemeinschaftlich aufzuhellen, so trägt jeder nach Vermögen dazu bei. Glaubt einer die Wahrheit, welche gesucht wird, gefunden zu haben, so hört er die Zweifel, die ihm dagegen gemacht werden, gelassen an, und die daraus entstehende Erörterung dient entweder die gefundene Wahrheit zu bestätigen und anerkennen zu machen, oder den vermeinten Finder zu überführen, dass er sich geirret habe; und wäre auch einer in der Gesellschaft allen übrigen an Scharfsinn und Sachkenntniss merklich überlegen, so ist dieser so weit entfernt sich dessen zu überheben, das Wort allein führen zu wollen, und den andern nichts übrig zu lassen als immer Ja zu sagen, dass er ihnen sogar, falls sie ihre Zweifel und Einwürfe nicht in ihrer ganzen Stärke vorzutragen wissen, mit guter Art zu hülfe kommt, ihre Partei gegen sich selbst nimmt, und nicht eher Recht behalten will, bis alle Waffen, womit seine Meinung bestritten werden kann, stumpf oder zerbrochen sind. Unterhaltungen dieser Art sind es, die der Dialogendichter zu Mustern nehmen muss; aber auch dadurch hat er den Forderungen der Kunst noch kein Genüge getan. Denn da er, als Künstler, sich nicht auf das Gemeine und Alltägliche beschränken, sondern das Schönste und Vollkommenste in jeder Art, oder genauer zu reden, ein in seinem geist sich erzeugendes Bild desselben, zum Vorbilde seines Werkes nehmen und dieses eben dadurch zum wahren Kunstwerk erheben soll: so kann mit dem grössten Rechte von ihm erwartet werden, dass die gelungene Bestrebung, dem Ideal eines vollkommenen Dialogs so nahe als möglich zu kommen, in seinem ganzen Werke sichtbar sei. Ich darf nicht besorgen einer Ungerechtigkeit gegen unsern Dialogendichter beschuldiget zu werden, wenn ich sage, dass er bei der Ausarbeitung des Gespräches, wovon wir reden, eher an alles andere als an diese Pflicht gedacht habe; denn statt eines Gemäldes, worin Sokrates als die Hauptfigur in einer Gesellschaft, in welcher es ehrenvoll ist der erste zu sein, erschiene, glauben wir den Homerischen Tiresias unter den toten zu sehen.
"Er allein hat Verstand, die andern sind flatternde
Schatten."
In der Tat sind von der letzten Hälfte des zweiten buches an alle übrigen eine Art von stummen Persotes seine fragen richtet, haben grösstenteils wenig mehr zu sagen, als was sie, ohne den Mund zu öffnen, durch blosses Kopfnicken, oder ohne sichtbar zu sein, wie die körperlose Nymphe Echo, durch blosses Widerhallen hätten verrichten können; und so ist nicht zu läugnen, dass dieser sogenannte Dialog eben so gut und mit noch besserm Recht ein Sokratischen Monolog heissen könnte.
Dass das erste und zweite Buch hiervon eine Ausnahme macht brachte die natur der Sache mit sich. In einer Gesellschaft von mehr als zwölf Personen, will sich's nicht wohl schicken, dass einer sich der Rede sogleich ausschliesslich bemächtige; und Plato benutzt diesen