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. Bei so bewandten Dingen will ich denn (nach andächtiger Anrufung aller Musen und Grazien die Freiheiten, die ich mir mit ihrem Günstling nehmen werde, nicht in Ungnaden zu vermerken) mich dem Wagestück unterziehen, und dir meine Gedanken sowohl von Platons Republik als von diesem Dialog überhaupt ungescheut eröffnen; ohne mich jedoch zu einer vollständigen Beurteilung anheischig zu machen, welche leicht zu einem zweimal so dicken Buch als das beurteilte Werk selbst, erwachsen könnte.

Vor allem lass uns bei der Form dieses Dialogs, als dem ersten was daran in die Augen fällt, eine Weile stehen bleiben.

Ich setze als etwas Ausgemachtes voraus, was wenigstens Plato selbst willig zugeben wird: dass ein Dialog in Rücksicht auf Erfindung, Anordnung, Nachahmung der natur u.s.f. in seiner Art eben so gut ein dichterisches Kunstwerk ist und sein soll, als eine Tragödie oder Komödie; und ist er diess, so muss er allen Gesetzen, die ihren Grund in der natur eines aus vielen Teilen zusammengesetzten Ganzen haben, und überhaupt den Regeln des Wahrscheinlichen und Schicklichen in Ansehung der Personen sowohl als der Zeit, des Ortes und anderer Umstände, eben so wohl unterworfen sein als diese. Lass uns sehen, wie der Werkmeister dieses Dialogs gegen die verschiedenen Klagepunkte bestehen wird, die ich ihm zum teil von etlichen strengen Kunstrichtern aus meiner Bekanntschaft machen höre, zum teil (ohne selbst ein sehr strenger Kunstrichter zu sein) meinem eigenen Gefühle nach, zu machen habe.

Ich übergehe den allgemeinen Vorwurf, der beinahe alle seine Dialogen, aber den gegenwärtigen noch viel stärker als die meisten andern, trifft: dass er dem guten Sokrates unaufhörlich seine eigenen Eier auszubrüten gibt, und ihm ein System von Philosophie oder Mystosophie unterschiebt, womit der schlichte Verstand des Sohns des Sophroniskus wenig oder nichts gemein hatte; kurz, dass er ihn nicht nur zu einem ganz andern Mann, sondern in gewissen Stücken sogar zum Gegenteil dessen macht was er war. Wir wissen was er hierüber zu seiner Rechtfertigung zu sagen pflegt, und lassen es dabei bewenden. Aber auf die sehr natürliche Frage: "Woher uns dieser Dialog komme?" sollte er doch die Antwort nicht schuldig bleiben. Das Ganze ist die Erzählung eines im Peiräon9 am Feste der Tracischen Göttin Bendis10 im haus des reichen alten Cephalus vorgefallenen philosophischen Gesprächs zwischen Sokrates, Glaukon und Adimantus; denn die übrigen im Eingang vorkommenden Personen nehmen an dem Hauptgespräche bloss mit den Ohren Anteil. Diese Erzählung legt Plato dem Sokrates selbst in den Mund; aber an wen die Erzählung gerichtet sei, und aus welcher Veranlassung? Wo und wann sie vorgefallen? davon sagt er uns kein Wort. Was müssen wir also anders glauben, als Sokrates habe dieses Gespräch allen, die es zu lesen Lust haben, schriftlich erzählt, d.i. er habe ein Buch daraus gemacht? Wir wissen aber dass Sokrates in seinem ganzen Leben nichts geschrieben hat, das einem buch gleich sieht. Plato verstösst also gegen alle Wahrscheinlichkeit, da er ihn auf einmal zum Urheber eines Buches macht, das kaum um den sechsten teil kleiner ist als die ganze Ilias.

Doch wir wollen ihm die Freiheit zugestehen, die man einem Dichter von Profession nicht versagen würde, den Sokrates zum Schriftsteller zu machen, was dieser wenigstens hätte sein können, wenn er gewollt hätte: aber wie kann er verlangen, wir sollen es für möglich halten, dass ein Gespräch, welches von einem nicht langsamen Leser in sechzehn vollen Stunden schwerlich mit einigem Bedacht gelesen werden kann, an Einem Tage gehalten worden sei, wenn gleich (was doch keineswegs der Fall war) sein redseliger Sokrates von Sonnenaufgang bis in die sinkende Nacht in Einem fort gesprochen hätte? Adimant und Glaukon, welche bei weitem in dem grössten Teile des Gesprächs blosse Wiederhaller sind, brauchten sich zwar auf ihre ewigen, "ja freilich, allerdings, nicht anders, warum nicht? so scheint's, ich sollte meinen," und wie die kopfnickenden Formeln alle lauten, eben nicht lange zu bedenken; aber man muss doch wenigstens Atem holen, und da in diesen vollen sechzehn Stunden, die das Gespräch dauert, weder gegessen noch getrunken wurde, so kann man ohne Uebertreibung annehmen, der gute Sokrates müsste sich, trotz seiner kräftigen Leibesbeschaffenheit, dennoch zuletzt so ausgetrocknet und verlechzt gefühlt haben, dass es ihm unmöglich gewesen wäre, das wundervolle Ammenmährchen von dem Armenier Er, womit Plato seinem Werke die Krone aufsetzt, in hörbaren Lauten hervorzubringen.

Lass uns indessen aus gefälligkeit gegen den philosophischen Dichter über alle diese Unwahrscheinlichkeiten hinausgehen: aber wer kann uns zumuten (höre ich einige meiner kunstliebenden Freunde sagen), dass wir die Urbanität so weit treiben, die Augen mit Gewalt vor einem andern Fehler zuzuschliessen, der ganz allein hinreichend ist, jedes Kunstwerk, wie schön auch dieser oder jener einzelne teil desselben sein möchte, insofern es ein Ganzes sein soll, verwerflich zu machen? Was würden wir von einem Baumeister sagen, der sich um die Richtigkeit und Schönheit der Verhältnisse der Seiten, Hallen, Säle, Kammern, Türen und andrer einzelner Teile seines Gebäudes so wenig bekümmerte, dass er ohne Bedenken die rechte Seite kürzer als die linke, oder das Vorhaus grösser machte als das Wohnhaus; einem hohen geräumigen Speisezimmer kleine Fenster und ungleiche Türen gäbe, und den Gesellschaftssaal neben die Küche setzte? Oder wie würden wir den Maler loben, der, wenn er z.B. den Kampf des Hercules mit dem Achelous zum Hauptgegenstand eines Gemäldes genommen