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Ruhe viel dabei gelitten hätte. Aber seine hohe Meinung von sich selbst, die zehn Jahre die er älter ist als ich, das Unglück zu früh zum Besitz eines beinahe fürstlichen Vermögens gekommen zu sein, und der Hof von Schmeichlern und Parasiten, wovon er überall umgeben ist, standen immer zwischen ihm und mir. Die Republik hat nun einmal den Grad der Verderbniss erreicht, der eine Veränderung ihrer Regierungsform unvermeidlich macht; unter den drei oder vier Nebenbuhlern, die sich um die schöne Basileia70 bewerben, muss sie (wie es scheint) am Ende doch Einem zu teil werden; und da einer so viel Recht an sie hat als der andere, warum sollte der eitle und ehrsüchtige Ariston sie einem andern überlassen, ohne wenigstens zu versuchen, wie weit er es durch seine Gunst beim volk, und durch seinen Anhang unter den jungen Leuten der Mittelklassen bringen könne? zumal, da der Umstand, dass seine Aeltermutter dem königlichen Geschlechte des Battus angehörte, ihm einen anscheinenden Vorzug vor den übrigen gibt, deren mehr oder weniger verdeckte Anschläge auf eben dasselbe Ziel gerichtet sind?

Dass diess nicht meine Vorstellungsart sei, glaube ich durch die Tat bewiesen zu haben. Aber wie ich sah, dass Ariston seine Partei genommen hatte, was blieb mir übrig, als mich so weit als möglich zu entfernen, wenn ich nicht in den Fall kommen wollte, mich öffentlich entweder für oder wider einen Mann zu erklären, der seit dem tod seines Vaters als das Haupt unsrer Familie angesehen, und aus leicht begreiflichen Ursachen von allen übrigen Gliedern derselben teils geschont, teils offenbar begünstiget wird?

Aber auch ohne diesen besonderen Bewegungsgrund würde ich sehr verlegen sein, wenn ich eine von euern Factionen schlechterdings zur meinigen machen müsste. Seit Erlöschung des letzten männlichen Sprösslings der Battiaden, ging Cyrene (wie dir bekannt ist) in eine ziemlich anarchische Demokratie über, auf welche unser Volk, zur Ehre seines Menschenverstandes, gar bald freiwillig Verzicht tat, um sich einer Art von Aristokratie zu unterwerfen, bei welcher es sich (wie es immer zu gehen pflegt) so lange wohl befand, als die Regenten redliche und verständige Männer waren, keinen andern Zweck als die allgemeine Wohlfahrt hatten, und Einsicht genug besassen, sich in der Wahl der Mittel nicht zu vergreifen. Dass diese goldne Zeit nicht bis zur dritten Generation dauerte, versteht sich von selbst. Die geschichte aller Oligarchien ist auch die unsrige, und es ist leicht vorauszusehen, dass wir in dem krampfhaften Zustande, worin sich unsre Republik dermalen befindet, noch von Glück zu sagen haben werden, wenn wir, ohne die fürchterlichen Folgen einer langwierigen Anarchie zu erfahren, recht bald, es sei nun durch Wiederherstellung der Demokratie, oder Einwilligung in die Oberherrschaft eines Einzigen, wieder zur Ruhe kommen, bevor das mächtige Cartago unsern Händeln auf eine Art, die uns noch weniger behagen dürfte, ein Ende macht. Zwischen zweien Uebeln das kleinste zu wählen, ist oft eine schwere Aufgabe. Ich danke den Göttern, dass ich bei dieser Wahl keine entscheidende stimme habe; müsste ich aber schlechterdings meine Meinung sagen, so würde ich raten, das, was man sich am Ende doch gefallen lassen wird, weil man muss, lieber freiwillig und zu einer Zeit zu verfügen, da es noch in unsrer Gewalt ist, die Bedingungen selbst zu machen, unter welchen wir die Regierung mit dem wenigsten Nachteil des Gemeinwesens in die hände eines Einzigen legen könnten.

Meines Erachtens gibt es für einen kleinen oder mittelmässigen Staat keine bessere Verfassung, als diejenige, welche Solon den Atenern gab, gewesen wäre, wenn ihm Pallas Atene den guten Gedanken eingeflüstert hätte, den Pisistratus von freien Stücken zur Uebernahme eines zehnjährigen Archontats zu berufen; allenfalls mit der Bedingung, ihm diese höchste Würde nach zehn Jahren, wenn das Volk mit seiner Regierung zufrieden wäre, auf seine ganze Lebenszeit zu verlängern. Die Atener sind nie glücklicher gewesen als unter der Regierung des Pisistratus und Hipparchus. Es fehlte ihr nichts als dass sie nicht verfassungsmässig war. Wäre sie es gewesen, so würde der Tyrann71 Pisistratus ein Muster guter Fürsten heissen; so würde Aten wahrscheinlich der blühendste, mächtigste und dauerhafteste unter den Griechischen Staaten geworden sein, und so viele tragische Glückswechsel und alles Unheil des siebenundzwanzigjährigen Verheerungskrieges, der sich so übel für sie endigte, nicht erfahren haben. Möchten die Factionen welche unsre Republik zerreissen, und deren keine noch stark genug ist die Oberhand zu erhalten, sich auf diese Weise zu Rettung des Vaterlandes vereinigen! Auf allen Fall, und da mein besagter Rat alles ist, was ich für dasselbe tun kann, sei es dir frei gestellt, von diesem Briefe nach deinem Gutbefinden Gebrauch zu machen. Damit ich dir bei meinem Vorschlage nicht etwa einer eigennützigen Rücksicht verdächtig werde, erkläre ich unverhohlen, dass Ariston meine stimme, wofern ich eine zu geben hätte, nie erhalten würde, so lange Cyrene noch mehr als Einen Mann aufweisen kann, dem ungleich grössere Verdienste ein besseres Recht geben, der erste im staat zu sein. Lebe wohl, Demokles, und berichte mir mit der ersten gelegenheit, was für eine Wendung diese Händel nehmen, deren Ausgang mir um so weniger gleichgültig sein kann, da ich aller Wahrscheinlichkeit nach in jedem Falle mehr dabei zu verlieren als zu gewinnen haben werde.

12.

An Ebendenselben.

Es fehlt viel daran, lieber Demokles, dass mir die Nachrichten von dem immer wahrscheinlicher werdenden Erfolg der Anschläge meines Verwandten, die du mir durch den Schiffer von Gortyna zugefertiget hast