gefällt. Bis jetzt scheint unser junger Freund von dieser Untugend völlig frei zu sein; nichts an ihm verrät dass er sich seiner Liebenswürdigkeit bewusst sei; im Gegenteil beweiset die Art, wie er das Wohlgefallen, so wir alle an ihm haben, aufnimmt, dass er, weit entfernt es für einen schuldigen Tribut zu halten, uns vielmehr dafür, als für eine ganz freiwillige Aeusserung unserer Guterzigkeit und Wohlmeinung mit ihm, verbunden zu sein glaubt. Dass er in dieser schönen Unbefangenheit erhalten, und weder durch zu vieles Liebkosen verzärtelt, noch durch Schmeichelei eitel und einbildisch gemacht werde, soll eine der angelegensten Sorgen aller derer sein, denen du dieses edle Gewächs zu pflegen anvertraut hast. Wir fühlen den ganzen Wert deines Zutrauens, und werden uns beeifern es zu rechtfertigen. Inzwischen vereinigen sich Musarion und Kleone mit Kleonidas und mir, der schönen Droso zu danken, dass sie unsern Freund Eurybates mit einem so liebenswürdigen Erben beschenkt hat, und bitten sie versichert zu sein, dass es nicht an ihrem guten Willen liegen soll, wenn er seine geliebte Mutter in Cyrene nicht doppelt wieder gefunden zu haben glauben wird.
Du siehest ohne mein Erinnern, dass sechzehn Jahre das Alter nicht sind, wo das Landleben für einen in Aten aufgewachsenen Abkömmling von Kodrus einen überwiegenden Reiz haben könnte. Es wird aber auch zu deiner Absicht genug sein, wenn er nur, durch öftere Abwechslung des städtischen Lebens mit dem ländlichen, das Nützliche sowohl als das Angenehme des letzteren immer besser kennen und schätzen lernt. Der Wert, den er uns auf die arbeiten des Landmanns, auf Feldbau, Baumzucht und alle Arten von Anpflanzungen, legen sieht, wird ihn immer aufmerksamer auf diese Gegenstände machen; er wird sehen, bemerken, fragen, auch wohl zuweilen selbst Hand anlegen, und so unvermerkt zu Kenntnissen kommen, die er, sobald der Anfang einmal gemacht ist, bei jeder gelegenheit zu vermehren suchen wird. Ich sehe mit Vergnügen, dass sich zwischen ihm und Kratippus, dem ältesten Sohn meines Bruders, eine gegenseitige Zuneigung entspinnt, die zu einer dauerhaften Freundschaft zu erwachsen verspricht. Mein Neffe hat fünf oder sechs Jahre mehr als dein Sohn, und weiss sich des kleinen Ansehens, so ihm dieser Vorsprung gibt, mit so guter Art zu bedienen, dass er wirklich mehr über ihn vermag als wir andern alle. Lysanias zeigt eine anhänglichkeit an seinen ältern Freund, von welcher sich viel Gutes um so gewisser erwarten lässt, weil Kratippus nichts Liebkosendes in seinem Betragen hat, und für die Lebhaftigkeit eines jungen Ateners eher zu trocken scheinen könnte. Wahrscheinlich wird diese Vorliebe zu meinem Neffen deinen Absichten förderlicher sein, als alles was wir älteren dazu beitragen können. Mein Bruder besitzt grosse und einträgliche Ländereien in allen Gegenden der Cyrenaika, und Kratippus hat sich aus angebornem Hang zum tätigen Landleben der Verwaltung der väterlichen Güter gänzlich gewidmet. Diess veranlasst häufige kleine Reisen und einen längern oder kürzern Aufentalt bald auf diesem bald auf jenem Gute. Lysanias, der nicht lange ohne seinen Freund leben kann, hat ihn also schon mehrmals begleitet, und findet an diesen landwirtschaftlichen Reisen, die ihm in einem der fruchtbarsten und angebautesten Striche des Erdbodens immer neue und anziehende Gegenstände, Ansichten und Genüsse verschaffen, so viel Belieben, dass wir eher auf Mittel denken müssen, ihn in der Stadt zurückzuhalten als ihm Neigung zum Landleben einzuflössen. Indessen, da es bei diesen Landpartien weniger um Ergötzlichkeiten als um Geschäfte zu tun ist, und unser junger Gastfreund jedesmal gelehrter, verständiger und gesetzter zurückkommt, ohne einen andern Nachteil davon zu haben, als dass die etwas mädchenhafte Gesichtsfarbe, die er nach Cyrene brachte, unvermerkt eine bräunliche Schattirung gewinnt; so halten wir es für besser ihn hierin seiner eigenen Willkür zu überlassen, und werden dennoch alles so einzurichten wissen, dass die übrigen Zwecke seines Hierseins nicht vernachlässiget werden sollen.
Seit kurzem, lieber Eurybates, habe ich auch von Learch einen Brief erhalten, der mir über das Schicksal unsrer armen Lais nicht mehr Licht noch Trost gibt als der deinige. Wenn sie nirgends gefunden werden kann, und niemand etwas Zuverlässigeres von ihr zu sagen hat, als dass sie aus Pandasia, ihrem letzten Aufentalt, plötzlich verschwunden sei; wenn der Taugenichts, dem sie sich aufgeopfert, sie in einer Lage verlassen hat, wo ihr keine andere Wahl blieb, als entweder die hülfe ihrer Freunde anzunehmen – oder zur Schmach einer gewöhnlichen Hetäre herabzusinken – oder zu sterben – so weiss ich was sie gewählt hat. O mein Freund, der Stolz dieses so hochbegabten ausserordentlichen Weibes hatte keine grenzen; er musste ihr in einer solchen Lage das Herz brechen, und – es brach! Das meinige sagt es mir – sie hat gelebt!8 – Und wohl hat sie, in der schönsten Hora des Lebens, gelebt, wie nur wenigen von Göttern Gezeugten oder ohne Mass Begünstigten zu leben vergönnt wird; und was auch das los ihrer letzten Tage war, über die natur und das Glück hatte sie sich nicht zu beklagen; denn schwerlich haben beide jemals zugleich so viel für eine Sterbliche getan als für sie. Ob sie nicht mit den Geschenken von beiden besser hätte haushalten können? – ist eine Frage, welcher die Freundschaft jetzt, da ihr Schicksal entschieden ist, auszuweichen strebt. – Vielleicht hätten wir weniger schonend mit ihr umgehen sollen, da sie noch glücklich war? – Diesen Vorwurf habe ich mir selbst schon mehr als Einmal gemacht, und kann jedesmal nicht umhin, mir selbst zu antworten: es würde