einer beinahe allgemeinen Bundesvereinigung aller Städte der Chalcidice erhoben, sie hat sogar einen ansehnlichen teil der Macedonischen Provinz Pierien an sich gebracht, den unmächtigen Amyntas aus seinem Königssitz zu Pella7 vertrieben, und sich unter den benachbarten Tracischen Völkerschaften einen bedeutenden Anhang zu verschaffen gewusst; kurz sie ist bereits mächtig genug, eine gänzliche Unabhängigkeit von Aten und Sparta behaupten zu können; zumal da Jason (der einzige im nördlichen Griechenland, der ihrer Vergrösserungssucht grenzen zu setzen vermöchte) es natürlicher Weise seinem Interesse gemässer findet, mit dieser neuen Republik in gutem Vernehmen zu stehen. Dass beide unsrer Aufmerksamkeit nicht entgangen sind, kannst du dir leicht vorstellen. Beide, vorzüglich aber der Held des Tages Jason, versehen unsre Versammlungsplätze, Märkte und Hallen reichlich mit immer frischen Neuigkeiten, und wenn du uns reden hören könntest, müsstest du glauben, die Atener hielten sich dem letzteren noch sehr verbunden, dass er nicht müde wird, ihnen so viel Stoff zu zeitkürzenden Unterhaltungen zu geben. Denn dass wir von den Fortschritten, die er in Tessalien und den angränzenden Landschaften macht, etwas für uns selbst befürchten sollten, dazu ist er noch zu weit von uns entfernt; und sollte die Gefahr wider Vermuten grösser werden, "so sind wir ja auch da, und im Notfall findet sich wohl immer, mit oder ohne unser Zutun, ein Dolch, der den luftigen Entwürfen eines kleinen Tessalischen Parteigängers auf einmal ein Ziel setzt." Mit den Olyntiern, deren täglich zunehmende Seemacht billig unsre Eifersucht reizen sollte, scheint es zwar eine andre Bewandtniss zu haben: aber "was ist denn am Ende das Olynt, das wie ein Pilz seit gestern aus dem Boden auftauchte, gegen die uralte, weltberühmte, von Pallas und Poseidon und allen andern Göttern begünstigte Atenä? und was werden diese Chalcidier gegen die Abkömmlinge der unüberwindlichen Männer von Maraton und Salamis ausrichten? Lass' sie sich doch vergrössern und ausbreiten so gut sie können, sie arbeiten doch nur für uns! Wir können der Zeitigung dieser schönen saftreichen Frucht ruhig zusehen, sicher dass wir sie pflücken werden, sobald sie uns reif genug zu sein dünken wird." – So, mein Freund, denkt und spricht man in Aten, und sieht daher mit der grössten Gleichgültigkeit den Anstalten zu, welche die herrschlustigen Spartaner, als Vollzieher und Schirmherren des Friedens des Antalcidas, zu machen im Begriff sind, um etliche kleine, von ihnen selbst aufgehetzte Städte gegen die Olyntier in Schutz zu nehmen, und sich mit diesen in eine Fehde einzulassen, "von welcher wir, wie sie auch ausfallen mag, immer den Vorteil haben werden im Trüben zu fischen, und uns um so leichter wieder zu Herren des Meers zu machen, da, allem Ansehen nach, entweder Sparta oder Olynt in den Fall kommen wird, unsern Beistand suchen zu müssen."
Diese eben so unkluge als unedle Art von Politik ist nun einmal unter uns Griechen herrschend geworden, und wird (wie du sehr richtig voraussiehst) über lang oder kurz den Verlust unsrer Freiheit zur Folge haben. Ein Staat, der von seiner Unabhängigkeit keinen weisern Gebrauch macht als wir, und es immer nur darauf anlegt, alles rings um sich her zu unterdrücken und seiner Willkür zu unterwerfen, ist eben so unfähig als unwürdig seine eigene Freiheit zu behaupten, und bereitet törichter Weise die Fesseln sich selbst, die er unaufhörlich für alle andern schmiedet. Aber wie weit sind wir Atener noch entfernt, uns eine solche Katastrophe der ewigen Tragödie, die wir in Griechenland spielen, träumen zu lassen? Wir sehen mit hämischer Schadenfreude zu, wie das stolze, gewalttätige und unersättliche Sparta sich allen Griechen täglich verhasster und unerträglicher macht, und kein warnender Dämon flüstert uns zu, dass die Spartaner nichts tun, als was wir selbst an ihrer Stelle so lange getan haben und mit Freuden wieder tun werden, sobald das Uebergewicht wieder auf unsrer Seite sein wird.
Wie hoch haben die Stifter von Cyrene sich um ihre Nachkommen verdient gemacht, da sie euch jenseits des libyschen Meeres, unter dem heitersten Himmel und auf dem fruchtbarsten Boden, eine so schöne und sichere Freistätte bereiteten; weit genug von der stürmischen Hellas entfernt, um weder mit Gewalt in den Wirbel unsrer Händel hinein gerissen zu werden, noch in Versuchung zu geraten, euch freiwillig darein zu mischen. Wohl euch bei eurer goldnen Mittelmässigkeit! Cyrene wird vermutlich niemals eine bedeutende Rolle in der geschichte spielen; aber in Hinsicht auf Glückseligkeit ist es mit Völkern und Staaten wie mit einzelnen Menschen: man wird immer unter denen, die sich still und unbekannt durchs Leben schleichen, mehr glückliche finden, als unter denen, die am meisten aufsehen, Geräusch und Staub um sich her machen.
3.
Aristipp an Eurybates.
Der schöne Lysanias hat sich durch sein sittsames, anmutiges und gefälliges Wesen bereits nicht weniger Freunde in Cyrene erworben als Personen sind, mit welchen er bekannt zu werden gelegenheit hatte. An einem jungen Cekropiden sind diess so seltene Tugenden, dass man beinahe, wo nicht an seiner Attischen Autochtonie, wenigstens an seiner Erziehung in Aten zweifeln müsste, wenn er nicht von so vielen andern Seiten eine Bildung zeigte, die man in seinem Alter nur zu Aten erhalten haben kann. Mit Einem Worte, Freund Eurybates, die Grazien haben ihm bei seiner Geburt zugelächelt und ihn mit der Gabe zu gefallen beschenkt, der köstlichsten aller Göttergaben, die ihrem Besitzer in allen Verhältnissen des Lebens unzählige Vorteile bringt, und nur dann gefährlich wird, wenn er sich selbst zu sehr