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; und was ein noch so fein und zierlich ausgearbeitetes Modell einer Republik idealischer Menschen, die von lauter leibhaften Platonen nach idealischen Gesetzen zu einem idealischen Zweck regiert werden, uns Atenern und allen übrigen eben so unplatonischen Hellenen helfen sollwenn du es ausfindig machen kannst, lieber Aristipp, so wirst du mich durch die Mitteilung sehr verbinden. Was ich täglich sehe ist, dass die um uns her aufschiessende neue Generation (vermutlich zu grossem Trost unsers Philosophen) alle mögliche Hoffnung gibt, noch schlechter als ihre schon so sehr ausgearteten Väter zu werden, und also für die Wahrheit seiner Behauptung, dass ausser einer Republik von Philosophen seines Schlags kein Heil sei, noch handgreiflicher beweisen wird als wir.

So wie die Sachen dermalen bei uns stehen, kann ein ehrlicher Mann, der nicht das Opfer eines vergeblichen und lächerlichen Heldentums zu werden Lust hat, keine bessere Partei ergreifen, als nach dem Beispiel unsrer wackern Grossväter sich auf seine Hufe zurückzuziehen, seiner Oelbäume und Knoblauchfelder zu warten, seinem Hauswesen vorzustehen, und sich von allen Versuchungen der unter der schönen Larve der Vaterlandsliebe sich verbergenden Ruhmsucht und Begierde den Meister zu spielen so rein als möglich zu erhalten.

Bei allem dem können doch in Zeitläufen, wie die unsrigen, Fälle eintreten, wo man schlechterdings zwischen zwei Uebeln wählen muss, und, um nicht durch die Untüchtigkeit oder Treulosigkeit des Schiffers, auf dessen Fahrzeug man sich befindet, zu grund zu gehen, genötigt ist selbst Hand anzulegen, und zu Erhaltung des Ganzen mit Rat und Tat beizutragen. In dieser Rücksicht wird es dann freilich nötig sein, dass Lysanias, ausser den gewöhnlichen gymnastischen und andern Leibesübungen, sich hauptsächlich in den beiden Künsten, die einem hellenischen Staatsmann und Kriegsbefehlshaber die unentbehrlichsten sind, der Redekunst und der Kunst die Menschen recht zu behandeln, so geschickt zu machen suche als nur immer möglich sein wird. In der letzteren kann ihn niemand weiter bringen als du selbst; zur erstern hat er unter Isokrates einen so festen Grund gelegt, dass es bloss einer fleissig fortgesetzten Uebung unter den Augen eines guten Meisters bedarf. Ich habe ihn desswegen noch besonders an deinen Freund und ehmaligen Zögling Antipater empfohlen, der, nach einem langen Aufentalt unter uns, mit allen Schätzen der Griechischen Musen beladen zu euch zurückgekehrt ist, und auch durch die genaue Kenntniss, die er sich von dem inneren unsrer zahllosen Republiken und ihren Verhältnissen gegen einander erworben hat, dem jungen Menschen nützlich werden könnte. In allem diesem, Aristipp, wird, wie ich zuversichtlich hoffe, deine Gesinnung für den Vater auch dem Sohne zu Statten kommen, und ich werde dir und deinen Freunden in seiner mit eurer hülfe vollendeten Bildung die grösste aller Wohltaten zu danken haben.

Nun noch ein Wort von unsrer Freundin Lais. Auch ich nehme an der schönsten und liebreizendsten aller Weiber, die seit der schönen Helena die Männerwelt in Flammen gesetzt haben, zu warmen Anteil, um nicht zu wünschen, dass ich dir die angenehmsten Nachrichten von ihr zu geben haben möchte: aber mit allen möglichen Nachforschungen ist von ihrem dermaligen Aufentalt und Zustand nichts Zuverlässiges zu erhalten gewesen, wiewohl es an allerlei einander widersprechenden und mehr oder weniger ungereimten Gerüchten nicht fehlt. Ich besorge sehr, die Moiren6 spinnen ihr nicht viel Gutes. So viel scheint gewiss, dass ihr Vorsatz, sich in Tessalien anzusiedeln, nicht zu stand gekommen ist. Der heillose Mensch, der ihr ganzes Wesen auf eine so unbegreifliche Art überwältiget hat, scheint ihr nicht Zeit dazu gelassen zu haben. Er führte sie wie im Triumph von einer Tessalischen und Epirotischen Stadt zur andern, machte überall grossen Aufwand, und verliess sie endlich (sagt man) wie Teseus die arme Ariadne auf Naxos, ohne sich zu bekümmern was aus ihr werden könnte. Sobald ich diese Nachricht aus einer ziemlich sichern Hand erhielt, schickte ich einen meiner Freigelass'nen, auf dessen Verstand und Treue ich rechnen darf, mit dem Auftrag ab, wofern es nötig wäre ganz Tessalien, Epirus und Akarnanien zu durchwandern, um sie aufzusuchen und Nachrichten von ihr einzuziehen. Learch zu Korint tat eben dasselbe, und unser Vorsatz war, sie, sobald sie gefunden wäre, mit möglichster Schonung ihres Zartgefühls zu bewegen, überall wo sie künftig zu leben gedächte, uns die sorge für ihre Haushaltung zu überlassen. Aber, wie gesagt, bis jetzt ist es unmöglich gewesen auf ihre Spur zu kommen. Wir geben indessen noch nicht alle Hoffnung auf, und sobald wir etwas entdecken, soll es dir unverzüglich mitgeteilt werden. Wenigstens haben wir so viel mit unsern Nachforschungen gewonnen, dass alle über ihren Tod und die Art ihres Todes herumlaufenden Gerüchte bei genauerer Untersuchung falsch befunden worden sind. Mit wie vielem Vergnügen würde ich sie in den Besitz des schönen Wittums wieder einsetzen, wo der edle Leontides ihr auf alle Fälle eine ruhige und angenehme Freistätte gegen alle Zufälle des Lebens zu hinterlassen glaubte!

Was euch der Byzantiner von dem schnellen Wachstum der neuen Chalcidischen Republik Olyntus und von den weit aussehenden Entwürfen des Tessalischen Fürsten Jason berichtet hat, bestätigt sich alle Tage mehr. Der letztere ist wirklich ein Mann von seltnen und glänzenden Eigenschaften, ganz dazu gemacht sein Vaterland aus dem politischen Nichts, worin es beinahe seit der Heroenzeit gelegen, hervorzuziehen, und ihm die ganze Wichtigkeit zu verschaffen, die es vermöge seiner Lage, Fruchtbarkeit und starken Bevölkerung schon längst hätte behaupten können, wenn seine Kräfte in einen einzigen Punkt zusammengedrängt gewirkt hätten. Was Olyntus betrifft, so hat sie sich nicht nur zum Haupt