glücklich zu sein lehrt als ich billigerweise verlangen kann; und leidlich sollte sie mir sogar den Schnappsack und Stecken unsers Freundes Diogenes machen, wenn der einzige Herr, den ich gutwillig über mich erkenne, die allmächtige Göttin Anangke4 jemals Belieben tragen sollte, mich auf so wenig Eigentum herabzusetzen; ein Fall, wovor der grosse König zu Persepolis am Ende nicht sicherer ist als ich.
2.
Eurybates an Aristipp.
Das zweideutige Mittelding von Knabe und Jüngling, aus dessen Händen du diesen Brief erhalten wirst, lieber Aristipp, trägt so deutliche Merkmale seiner Abkunft in seinem gesicht, dass er euch hoffentlich beim ersten Anblick lebhaft genug an Droso und Eurybates erinnern wird, um ihn ohne schärfere Untersuchung für den, wofür er sich ausgibt, gelten zu lassen, und als solchen gastfreundlich aufzunehmen. Ich glaubte dir nicht besser beweisen zu können, dass Zeit und Entfernung meine dir längst bekannten Gesinnungen nicht geschwächt haben, als indem ich dir meinen Sohn Lysanias unangemeldet zuschickte, in voller Zuversicht, dass du ihn für einige Zeit unter deine Hausgenossen aufnehmen, und des Glückes unter deinen Augen zu leben würdigen werdest. Es ist nun seine eigene Sache, sich euch durch sich selbst zu empfehlen. Ihr werdet wenigstens finden, dass er euch, wie billig, nicht als ein roher Marmorblock zugefertiget worden ist. Er hat drei Jahre lang die Schule unsers berühmten Isokrates, und in dem letzt verfloss'nen sogar die Akademie besucht; und da sein noch grünes Alter ihm den Zutritt zu den Geheimnissen der Philosophie verwehrte, welche der göttliche Plato in ein beinahe noch dichteres Dunkel einhüllt als jenes, das die heiligen Mysterien zu Eleusis umgibt, so hat er wenigstens von dem exoterischen Unterricht unsers Attischen Pytagoras so viel mit genommen als er aufpacken konnte.
Die Wahrheit zu sagen wünsche ich auch nicht, dass mein Sohn und Erbe sich jemals so hoch versteige, um unter die Dinge über uns zu geraten, oder gar bis zu den Ideen unsers grossen Sehers empor zu dringen, und bis zu der hehren "Göttin Anangke und ihrem vom Gipfel des Lichtimmels herabhangenden, unermesslichen stählernen Spinnrocken und ihrer wundervollen Spindel mit den acht in einander steckenden Wirteln, auf deren jedem eine Sirene sitzt, die ihren eigenen aber immer eben denselben Ton von sich gibt, wozu die Moiren, Lachesis, Kloto und Atropos, während sie unsre Schicksale spinnen, sich die Zeit damit kürzen, alle drei zugleich, Lachesis das Vergangene, Kloto das Gegenwärtige, und Atropos das Künftige zu singen;" – wie du aus dem zehnten Buch der wundervollen Republik mit mehrerem vernehmen wirst, von welcher, als einer der neuesten überirdischen Erscheinungen aus der Akademie, Lysanias dir eine von unserm Freunde Speusipp selbst berichtigte Abschrift überbringt. Wenn du mir gelegentlich dein Urteil über dieses sonderbare Kunstwerk, so ausführlich als Lust und Musse dir's gestatten werden, mitteilen wolltest, würdest du mir keine geringe gefälligkeit erweisen: denn mein eigenes macht mit den dityrambischen Lobgesängen seiner Bewunderer einen so hässlichen Missklang, dass es unbescheiden wäre, wenn ich nicht einiges Misstrauen in seine Vollgültigkeit setzte. Aufrichtig zu reden, Aristipp, ich hab' es noch nicht über mich gewinnen können, das ganze Werk von Anfang bis zu Ende zu durchlesen; ich kenn' es nur aus einigen Bruchstücken, und würde dir daher desto mehr Dank wissen, wenn du mich durch einen umständlichen Bericht, wie du das Ganze gefunden hast (einen vollständigen Auszug darf ich dir nicht zumuten), in den Stand setzen wolltest, mir einen hinlänglichen Begriff davon zu machen.
Es wird dir nicht entgehen, dass mein Lysanias mit einer gewissen natürlichen Anmutung zu den Spindeln, Wirteln, Sirenen und singenden Spinnerinnen des göttlichen Platons auf die Welt gekommen ist. Um so nötiger fand ich, ihn bei zeiten in einen gesellschaftlichen Kreis feingebildeter aber unverkünstelter und unverschrobener, vorzüglicher aber anspruchloser, mit Einem Wort, unverfälschter und (wenn ich dir eine deiner Redensarten abborgen darf) menschlicher Menschen zu bringen, unter welchen er sich an eine natürliche Ansicht der Dinge gewöhnen, für alles Menschliche das rechte Mass finden, und sich in allem auf der Mittellinie zwischen zu wenig und zu viel mit Sicherheit und Leichtigkeit sein ganzes Leben durch fort bewegen lernen könne.
Ich würde einen meiner angelegensten Wünsche erfüllt sehen, wenn Lysanias bei euch den Beschäftigungen und Freuden des Landlebens Geschmack abgewinnen, und bei täglichem Anblick der Glückseligkeit etlicher durch Uebereinstimmung der Gemüter und wechselseitiges Wohlwollen noch enger als durch die Bande der Anverwandtschaft und Verschwägerung vereinigter Familien, den hohen Wert des häuslichen Glückes schätzen lernte. Er ist mein einziger Sohn; ich möchte ihn einst als einen glücklichen Menschen hinter mir lassen, und ich habe keine Lust ihn einer Republik aufzuopfern, in welcher der Uebermut und törichte Dünkel des zu herrschen wähnenden, aber jedem kecken Schwätzer zu Gebote stehenden Pöbels täglich ausschweifender, die Unredlichkeit der Demagogen, die ihm den Ring durch die Nase gezogen haben, immer schreiender, die Maximen, nach welchen man handelt, immer widersinnischer, der gegenwärtige Zustand immer heilloser, und die Aussicht in die Zukunft immer trüber werden. Der gute Plato hat uns mit seiner erhabenen, aber nur gar zu hoch hinauf geschraubten Philosophie, die er zur bösen Stunde der schlichten Sokratischen untergeschoben hat, im Ganzen nicht um einen Schritt vorwärts gebracht; und wie sollt' er auch? Wahrlich, die Behauptung in seinem Menon5, dass die Tugend keine Frucht des Unterrichts und der Erziehung sein könne, ist nicht sehr geschickt eine bessere Erziehung unsrer immer mehr verwildernden Jugend zu befördern