, ich habe zwei sehr eigennützige Ursachen dir zu schreiben: die erste, dass mir das Verlangen nach zuverlässigen Nachrichten von dir selbst und allem was zu dir gehört, und von der schönen Atenä überhaupt durch so lange Nichtbefriedigung peinlich zu werden anfängt; die andere, dass ich vielleicht durch dich aus meiner Ungewissheit über das Schicksal unsrer Freundin Lais gezogen zu werden hoffe. Zwei Jahre sind bereits vorüber, seitdem sie, im Begriff Korint und das südliche Griechenland auf immer zu verlassen, mit den ahnungsschweren Worten von mir und Kleonidas Abschied nahm: "wenn ich an den Ufern des Peneus die Ruhe wieder finde, werdet ihr mehr von mir hören: wo nicht, so lasst mich in euerm Andenken leben und seid glücklich." – Sie hat in dieser langen Zeit nichts von sich hören lassen, und ich kann mich nicht erwehren ihrentwegen in Sorgen zu sein; denn wofern es ihr nicht ginge wie wir wünschen, so bin ich nur allzu gewiss, dass sie zu stolz ist hülfe von ihren Freunden anzunehmen, geschweige bei ihnen zu suchen.
Wir genügsamen Cyrener befinden uns bei unsrer goldnen Mittelmässigkeit so wohl, dass wir uns wenig um die besonderen Umstände der ewigen Zwistigkeiten und Fehden bekümmern, welche Eifersucht, Ehrgeiz und Begierde immer mehr zu haben zwischen Aten und Sparta, und überhaupt zwischen dem Dorischen und Ionischen Stamm der Hellenen niemals ausgehen lassen werden. Alles was ich seit einiger Zeit von dem Uebermut, womit die Spartaner sich der ihnen aufgetragenen Vollziehung des Friedens des Antalcidas überheben, vernommen habe, lässt mich einen nahe bevorstehenden neuen Ausbruch des allgemeinen Missvergnügens der Städte vom zweiten und dritten Rang vermuten, wovon die Atener ohne Zweifel gelegenheit nehmen werden, sich der herrschaft des Meers wieder zu bemächtigen, auf deren langen Besitz sie ein vermeintes Zwangsrecht gründen, welches ihnen von den übrigen Seestädten freiwillig niemals zugestanden werden wird.
Inzwischen erheben sich im nördlichen Griechenlande, wie uns neuerlich ein reisender Byzantiner berichtet, zwei neue Mächte; eine seit ungefähr vierzig Jahren unvermerkt heran gewachsene Republik, und ein vor kurzem noch unbedeutender Fürst; welche, wenn man ihren raschen Fortschritten noch einige Zeit so gleichgültig wie bisher zusehen würde, beide der bisherigen Verfassung der Hellenen eine grosse Veränderung drohen. Du siehest dass ich von Olyntus in der Chalcidice1 und von dem Tessalischen Fürsten Jason2 rede, der, nach allem was der Byzantiner von ihm erzählt, den Unternehmungsgeist seines alten Namensverwandten in der Heldenzeit mit der Tapferkeit Achills und der Besonnenheit des erfindungsreichen Ulysses verbindet, und kein geheimnis mehr daraus macht, dass er nichts Geringeres vorhabe, als das alte Mutterland der Hellenen wieder in sein schon so lange her verscherztes vormaliges Ansehen zu setzen, und die Macht des gesammten Griechenlands darin zusammen zu drängen, um sodann, an der Spitze aller Abkömmlinge Deukalions, das Griechische Asien auf immer vom Joche der Perser zu befreien. Meiner Meinung nach könnte euern übelberatenen, die wahre Freiheit und ihr wahres Interesse ewig verkennenden Freistaaten nichts Glücklicheres begegnen, als wenn es diesem edlen Tessalier gelänge seinen grossen Gedanken auszuführen.
Aergere dich nicht, lieber Eurybates, mich so philotyrannisch reden zu hören; meine Vorliebe zur Monarchie dauert gewöhnlich nur so lange, als ich in einem demokratischen oder oligarchischen Staat lebe, und ich bin der Freiheit nie wärmer zugetan, als da wo ein Einziger alle Gewalt in Händen hat. Ein weiser und edel gesinnter Monarch weiss jedoch beides sehr gut mit einander zu vereinigen; nur Schade, dass die weisen und guten Monarchen ein eben so seltnes Geschenk des Zufalls sind als die weisen und guten Demagogen. Ist es nicht ein niederschlagender Gedanke, dass noch kein Volk auf dem Erdboden Verstand genug gehabt hat, das, was bisher bloss Sache des Zufalls war, zu einem Werke seiner Verfassung und seiner gesetz zu machen? Und wo ist das Volk, von welchem ein solches Kunstwerk (vielleicht das grösste, dessen der menschliche Verstand fähig ist) zu erwarten wäre, da das sinnreichste und gebildetste von allen, die Griechen, in so vielen Jahrhunderten noch nicht so weit gekommen ist, sich den Unterschied zwischen Regierung und herrschaft deutlich zu machen, und einzusehen, dass wohl regieren eine Kunst, und in der Ausübung zwar eine der schwersten, aber doch, so gut wie jede andre, zu erlernen und auf feste Grundsätze zurückzuführen ist? Das schlimmste ist nur, dass die Kunst wohl zu regieren, wenn sie auch gefunden wäre, ohne die Kunst zu gehorchen wenig helfen könnte; oder mit andern Worten: dass das Volk zum Gehorchen eben so wohl erzogen und gebildet werden müsste, als seine Obern zum Regieren. Der Gesetzgeber der Lacedämonier ist meines Wissens der einzige, der diess eingesehen hat; und dass die Verfassung, die er ihnen gab, der natur zum Trotz länger als irgend eine andere gedauert hat, ist, denke ich, hauptsächlich der sonderbaren Erziehung beizumessen, an welche alle Bürger von Sparta durch seine gesetz gebunden sind.
Ich für meine person werde immer und überall frei gestehen, dass mir die Wörter Herr und herrschaft eben so herzlich zuwider sind als Knecht und Knechtschaft; ich will regiert sein, nicht beherrscht; wenn ich aber doch ja einen Herrn über mich dulden muss, so sei es ein einziger Agamemnon, nicht alle Heerführer – und am allerwenigsten das ganze Heer der Achaier3. Da jedoch die Wahl nicht immer in meiner Willkür steht, so werde ich mich, im Notfall wenigstens bis uns Plato mit seiner Republik beschenken wird, mit meiner Philosophie zu behelfen wissen, die mich allentalben unter leidlichen Umständen so