immer von ganzen Schwärmen von Anbetern umgeben, unter welchen gewiss nicht wenige sehr liebenswürdig waren, sogar im vertrautesten Umgang mit einigen von diesen eine so lange Zeit sich immer frei erhalten zu haben, war vielleicht ohne Beispiel. Als aber diese leidenschaft, deren sie selbst sich immer für unfähig gehalten hatte, endlich doch noch Meister über die Widerspänstige ward, war nichts anders zu erwarten, als dass das Seelenfieber (wenn ich es so nennen kann) wovon sie begleitet ist, von der heftigsten Art sein würde. Es scheint es sei mit der Liebe wie mit gewissen Krankheiten, die jeder Mensch Einmal in seinem Leben gehabt haben muss, und die desto unschädlicher sind, je früher man davon befallen wird. Ich erinnere mich noch sehr wohl, dass ich in meinem fünften oder sechsten Jahre in eine meiner Basen, ein Kind von drei bis vier Jahren, sterblich verliebt war, und dass man, da sie im fünften starb, die grösste Mühe hatte, meiner Verzweiflung Einhalt zu tun und mich mit dem Leben wieder auszusöhnen. Vermutlich habe ich es dieser voreiligen Liebschaft zu danken, dass ich bis auf den heutigen Tag von dieser Art von Fieber nie wieder, wenigstens nicht gefährlich noch auf lange Zeit, befallen worden bin.
Wenn denn also die gute Lais einmal wenigstens in ihrem Leben sich in ganzem Ernst verlieben musste, so sehe ich nicht, warum der schöne und schlaue junge Tessalier nicht eben so gut dazu hätte taugen sollen als ein anderer; im Gegenteil, mich dünkt ich begreife vermittelst der bekannten Aristophanischen Hypotese recht wohl, warum gerade er und kein anderer, der einzige war, welcher den so lange in ihrem Busen verborgenen Krankheitsstoff entwickeln konnte. Ich glaube wahrgenommen zu haben, dass die heftigste Art von Liebe diejenige ist, da man, ohne es sich deutlich bewusst zu sein, sich selbst, oder gleichsam ein zweites aus dem Gegenstand in das unsrige hinein gespiegeltes und mit ihm zusammenfliessendes Ich, in dem Geliebten anbetet. Sollte diess nicht nahezu der Fall mit unsrer, immer ein wenig zu viel in sich selbst verliebt gewesenen, Freundin sein? Wenn ich alle charakteristischen Züge des jungen Pausanias aus deiner Erzählung zusammen nehme, so scheint mir eine sehr entschiedene Aehnlichkeit der Naturen zwischen ihr und ihm vorzuwalten. Ich finde an beiden ungefähr dieselben Naturgaben, eine lebhafte Einbildungskraft, Witz, Gewandteit und Geschmeidigkeit des Geistes, mit einer seltnen Schönheit und allem übrigen was beim ersten Anblick die Augen verblendet und die Neigung besticht; aber auch dieselben Leidenschaften, Fehler und Unarten: denn beide sind eitel, flüchtig, rasch, leichtsinnig, stolz, eigenwillig, prachtliebend und verschwenderisch, und in beiden bringen diese Eigenschaften ziemlich gleiche Wirkungen hervor. Den ganzen Unterschied (ausser dem, was auf Rechnung der Verschiedenheit des Geschlechtes kommt) machte die Erziehung und das Glück. In ihr wurden alle Naturanlagen von früher Jugend an entwickelt, bearbeitet, und durch einen seltnen Zusammenfluss glücklicher Umstände ausgebildet, abgeglättet, und gleichsam mit einem glänzenden Firniss überzogen: da die seinigen hingegen, aus Mangel an gehöriger kultur und günstigen Glücksumständen, einen grossen teil von der Centaurischen Rohheit behalten mussten, wodurch sich die Tessalier, im Durchschnitt genommen, von andern feiner gebildeten Griechen nicht zu ihrem Vorteil auszeichnen. Aber diese zufällige Verschiedenheit konnte die natürliche wirkung des sympatetischen Instincts nicht aufhalten; die schöne Lais spürte ihre Hälfte auf den ersten Anblick aus; und nun erfolgte alles, wie es uns Plato, im Namen des Aristophanes (als des ersten Erfinders der Doppelmenschen), so unverschleiert beschrieben hat, dass Diogenes der Cyniker selbst nicht natürlicher von der Sache hätte sprechen können.
Aber wozu diese Erörterung? Du erinnerst sehr wohl, bester Learch, dass es hier nicht um eine begreifliche Erklärung des Geschehenen zu tun ist, sondern um ein Mittel grösseres Unheil zu verhüten. Noch ist nicht alles verloren; und wofern auch Lais (wie ich ihr's zutraue) sich in den Kopf setzen sollte, ihrer ersten Liebe bis in den Tod getreu zu bleiben: so bin ich nicht ohne Hoffnung, dass Pausanias, in einen Kreis von edlen und guten Menschen versetzt, selbst noch ein besserer Mensch, und dessen, was sie für ihn tut, würdiger werden könnte. Der beigelegte kleine Brief, um dessen Uebergabe ich dich bitte, entält den einzig möglichen Versuch, den ich machen kann; wiewohl mir ich weiss nicht was für eine Ahnung sagt – was ich weder denken noch aussprechen mag.
Es wird dir zugleich, nebst einem kleinen Xenion158 für dich selbst, ein mit Gold beschlagenes Kistchen von Ebenholz für die schöne Lais zugestellt werden. Es entält einen Halsschmuck von rundgeschliffenen Granaten und Hyacinten, und ein daran hängendes mit Sapphieren und Rubinen besetztes goldnes Bruststück, worauf Kleone den Amor Anakreons gemalt hat, wie er von drei Musen mit Rosenkränzen gebunden der Schönheitsgöttin ausgeliefert wird. Du wirst, wenn mich meine Vorliebe für alles, was aus Kleonens Händen kommt, nicht sehr verblendet, finden, dass sie in solchen kleinen Gemälden mit Parrhasius selbst um den Preis streiten könnte. Das Ganze ist ein Gegengeschenk von Musarion und Kleone für ein beinahe zu kostbares Geschenk, das Lais ihnen vor einiger Zeit zum Andenken überschickte, und das, wenn wir es annehmen sollten, mit keinem geringern erwiedert werden konnte.
56.
Aristipp an Lais.
Ich vernehme von unserm Freund Learch, liebe Lais, dass du Anstalten machest, Korint zu verlassen und deinen künftigen Wohnsitz in dem reizenden Tessalien aufzuschlagen.
Auch mir schweben noch so angenehme Erinnerungen