, der sie zu wecken vermochte, das ist es, was allen, die sie zuvor kannten, unbegreiflich ist, und was man kaum seinen eigenen Augen glauben kann.
Ich würde mich nicht so sehr verwundern, wenn der Zaubervogel, womit er sie an sich gezogen hat, keine andern als die gewöhnlichen Zufälle der leidenschaftlichen Liebe in ihr hervorbrächte, wie heftig sie auch immer sein möchte, mit Einem Worte, wenn sie den schönen Tessalier liebte wie etwa Sappho ihren Phaon; auch würden, wenn diess der Fall wäre, ihre Freunde sich ihrentwegen noch eher beruhigen können. Denn, da der schöne Pausanias weit entfernt ist den Grausamen gegen sie zu machen, so wäre gute Hoffnung, dass der Genuss das Feuer dämpfen und die verliebte Raserei von kurzer Dauer sein würde. Aber, zu ihrem Unglück, hat die Phantasie ungleich mehr Anteil an ihrer leidenschaft als die Sinnlichkeit. Ihre Liebe ist das Ideal der reinsten, höchsten, treuesten und beständigsten anhänglichkeit, und so wie sie selbst liebt, will sie auch wieder geliebt sein. Sie verlangt von ihm was er ihr nicht geben kann, ein Herz das nur für sie schlägt, eine ganz von ihr ausgefüllte Seele. Alle seine Begierden sollen in ihrem blossen Anschauen sich ersättigen; die zarteste ihrer Liebkosungen, die leiseste Berührung ihrer Hand soll ihn schon zum Gott machen. Aber Pausanias, wiewohl er anfangs einige Tage lang den Schüchternen und Ehrfurchtsvollen spielte, hat keine Lust sich in den Mysterien der himmlischen Aphrodite und des Platonischen Eros einweihen zu lassen; und daher entsprangen ziemlich bald kleine Misshelligkeiten und Zänkereien zwischen ihnen, wobei Lais den Sieg allemal durch Gefälligkeiten anderer Art teuer genug erkaufen musste. Ihre Furcht ihn erkalten zu sehen, wenn sie das, was er mit einem mildernden Namen seine Liebe nannte, befriedigte, war so gross, dass sie lange Kraft genug in sich fand ihm zu widerstehen; aber dafür glaubte sie, ihm auf einer andern Seite einen verhältnissmässigen, d.i. nach ihrer eigenen Schätzung, einen sehr grossen Ersatz schuldig zu sein; und so erhielt er (das einzige, was sie immer noch zu geben haben wollte, und was wahre Liebe am längsten zurückhält, ausgenommen) alles andere von ihr, was er sich nur zu wünschen einfallen liess. Allein kaum hatte der Undankbare den Schlüssel zu ihrer Schatzkammer in seiner Gewalt, so trug er auch kein Bedenken, sich für diess einzige Opfer, worauf sie einen so hohen Wert setzte, auf die unzärtlichste Art zu entschädigen, indem er öfters ganze Nächte mit etlichen seiner Vertrautesten bei der schönen Phryne durchschwärmte, einer jungen Hetäre, die sich seit einiger Zeit hier niedergelassen hat, und dermalen die berühmteste und teuerste unter den elf oder zwölfhundert Priesterinnen ist, die sich dem Dienste der Aphrodite Pandemos in dieser üppigen Stadt gewidmet haben. Du kannst dir die Ungewitter vorstellen, die eine Beleidigung dieser Art in einer so stolzen Schönen erregen musste, die auch an allem Aeusserlichen, was die Männer anziehen und fesseln kann, noch immer keine über sich sieht; zumal, da der übermütige Mensch, anstatt sie durch Reue und Demütigung zu besänftigen, ihrer Empfindlichkeit anfangs einen kaltblütigen Trotz entgegensetzte, der ihm unfehlbar seinen Abschied zugezogen hätte, wenn nicht eine einzige zu ihren Füssen geweinte, wahre oder geheuchelte Träne hinreichend gewesen wäre, ihren Zorn zu löschen und eine Aussöhnung zu bewirken, deren erste Bedingung seinen Triumph über ihre Schwäche vollständig machte.
Die Unglückliche sieht nun selbst, dass ein längerer Aufentalt zu Korint ihr in jeder Rücksicht nachteilig wäre, und sie hat ihrem Geliebten – der seit der letzten Aussöhnung die leidenschaftlichste anhänglichkeit an sie zeigt – den Vorschlag getan, mit ihm nach Tessalien zu ziehen, und, mit dem Rest ihrer durch seine Verschwendungen ziemlich zusammengeschmolzenen Reichtümer, sich in einer der anmutigsten Gegenden dieses Zauberlandes anzukaufen. Sie ist, zum Behuf dieses Vorhabens, bereits über den Verkauf ihres schönen Landgutes zu Aegina mit Eurybates in Unterhandlungen getreten, welche durch meine hände gehen; denn ihr in Geschäften dieser Art zu raten und zu dienen, ist das einzige, wodurch mir noch erlaubt ist ihr meine Freundschaft zu beweisen. Da Eurybates seine unmittelbar an dieses Gut gränzenden Besitzungen beträchtlich dadurch erweitern und verschönern kann, und es daher schwerlich aus den Händen lassen wird, so habe ich gute Hoffnung, vorteilhaftere Bedingungen von ihm zu erhalten, als von irgend einem andern Käufer zu erwarten sein dürften.
Das Schlimmste bei allem diesem ist ohne Zweifel, dass die arme Lais – wie ich, aller ihrer Bemühungen es mir zu verbergen ungeachtet, nur gar zu deutlich sehe – nicht glücklich ist. – Sollte dir nicht auch schon begegnet sein, was mir mehr als Einmal geschah, dass du im Traum zu träumen wähntest? Ich weiss den Zustand, worin Lais sich dermalen befindet, durch kein passenderes Bild zu bezeichnen. Sie sieht zu hell, um nicht zu sehen, dass sie ihr ganzes Glück in eine blosse Täuschung setzt: aber sie will getäuscht sein, und so ist sie es denn auch wirklich, und träumt, es träume ihr dass sie glücklich sei. Möge nur das völlige Erwachen nicht gar zu schmerzhaft sein!
Ob noch ein Mittel sie zu retten übrig ist, weiss ich nicht; mir wenigstens sind alle Versuche, die ich gemacht habe, fehlgeschlagen.
55.
Aristipp an Learch.
Lais ist dazu gemacht, in allem gross und ausserordentlich zu sein. Von ihrer ersten Jugend an, mit der unbeschränktesten Macht, sich ihren Neigungen zu überlassen und