Willen tausend Torheiten zu begehen, bloss um sich selbst Stoff zum lachen zu verschaffen? – Es wäre denn, dass Xenophons zweierlei Seelen in einer und eben derselben person hinlänglich wären, uns solche widersinnische Erscheinungen begreiflich zu machen. Doch was kann es uns nützen, die Ursache eines Uebels zu wissen, dem nicht zu helfen ist? Die unwürdige leidenschaft, worin sich unsre arme Freundin verfangen hat, ist, wie ich fürchte, ein Uebel dieser Art; – wiewohl ich dich damit nicht abgeschreckt haben will einen Versuch zu machen, da du billig mehr über sie vermögen solltest als ich. Auf alle Fälle werde ich nicht ermangeln, dir vom weitern Verlauf dieses sonderbaren Liebeshandels mit der ersten gelegenheit Nachricht zu geben.
54.
Learch an Aristipp.
Ich erledige mich, wiewohl mit zögernder Hand, meines Versprechens, dir die weitern Nachrichten mitzuteilen, die ich mir über die leidenschaft unsrer unglücklichen Freundin für den jungen Tessalier, den die strenge Nemesis zum Werkzeug ihrer Züchtigung ausersehen zu haben scheint, teils durch mich selbst, teils durch die wohlmeinende kleine Verräterin Eudora zu verschaffen gelegenheit gefunden habe.
Was den jungen Menschen betrifft – der, wiewohl kaum zwanzig Jahre alt, schon mancherlei Abenteuer bestanden und sich an mehrern Orten unter verschiedenen Namen einen sehr zweideutigen Ruf erworben hat – so stimmen alle meine eingezogenen Erkundigungen darin überein, dass er aus dem Tessalischen Kanton Pharsalia gebürtig, und weder reicher noch von edlerer Herkunft ist, als jeder andere Abkömmling von Pyrrha und Deukalion. Indessen kann man ihm nicht absprechen, dass er vornehme Leidenschaften und Liebhabereien hat, und den kleinen Tessalischen Fürsten auf Unkosten der verblendeten Lais meisterlich zu spielen weiss. Er lebt, seitdem er eine eigene wohnung bezogen hat, unter dem Namen Pausanias auf einem grossen Fuss; hat sich eine Menge Bediente, die schönsten Pferde, und Jagdhunde, wie sie Xenophon selbst nicht besser hat, angeschafft; erscheint beinahe täglich auf der Rennbahn, und steht bereits mit den ausschweifendsten und übel berüchtigtsten unter unsern jungen Eupatriden in enger Verbindung. Die arme Lais, die ihm nichts versagen kann, ist genötigt, ihr schon so lange besserer Gesellschaft verschlossenes Haus allen diesen Wildfängen offen zu halten, und du kannst dir vorstellen, dass der Unfug, den die Homerischen Freier im Palaste des Odysseus treiben, nur Kinderspiel gegen die Orgien dieser ungezügelten Schwärmer, und das fette Schwein nebst dem auserlesenen Geissbock, so jene täglich verzehrten, eine Kleinigkeit gegen den ungeheuern Aufwand ist, welchen Lais durch ihre gränzenlose gefälligkeit gegen alle Einfälle und Launen ihres eben so unbesonnenen als unbescheidenen Geliebten, sich auf den Hals geladen hat.
Alles diess ging nun freilich stufenweise. In den ersten Tagen schien er bloss an ihren Winken zu hangen, und von ihrem Anschauen und ihren Blicken zu leben. Aber mit einem verwundernswürdigen Spürsinn machte der Schlaue gar bald ihre schwache Seite und die Rolle ausfindig, die er zu spielen habe, um sich unvermerkt ihres ganzen Herzens zu bemächtigen. Wechselsweise feurig und kalt, schwärmerisch und mutwillig, ehrfurchtsvoll und zudringlich, geschmeidig und widerspänstig, unterwürfig und gebieterisch, zeigte er sich ihr unter so vielerlei Gestalten, und wusste immer so behend und mit so ungezwungener Leichtigkeit diejenige anzunehmen, die zur gegenwärtigen Stimmung oder Laune der wandelbarsten und vielgestaltigsten aller Weiber am besten passte, dass er schon dadurch allein, dass er sie so stark beschäftigte, und ihr so viele Gelegenheiten gab, sich ihm von allen Seiten mit immer neuen Reizungen zu zeigen, eine Gewalt über sie erhalten musste, die noch keiner ihrer Freunde oder Liebhaber sich zu verschaffen – gesucht oder vermocht hatte.
Indessen, diess alles, und wenn man auch die Eindrücke, die seine Gestalt und Jugend auf eine Frau wie die schöne Lais machen konnte, in der möglichsten Stärke noch dazu rechnet, alles diess wäre doch nicht hinreichend, die leidenschaft, womit sie an diesem Menschen hängt, und die Gewalt, die er über sie ausübt, begreiflich zu machen: man ist schlechterdings genötigt, entweder die unwiderstehliche Sympatie der Aristophanischen Menschen-Hälften in Platons Gastmahl, oder den alten Glauben, dass es Leidenschaften gebe, die uns von einer ergrimmten Gotteit aus Rache über den Kopf geworfen und gleichsam angezaubert werden, zu hülfe zu nehmen, um sich von einer so wunderbaren Erscheinung eine – eben so wunderbare Ursache anzugeben.
Lais hatte vorher nie leidenschaftlich geliebt. Auch wenn sie sich herabliess, unter den unzähligen, die sich um sie bewarben, einen von den Göttern begünstigten glücklich zu machen, geschah es immer ohne dass ihre Freiheit die mindeste Gefahr dabei lief. Schwärmerische Liebe, die sich dem Geliebten gänzlich hingibt, keinen Willen als den seinigen hat, ihm alles aufopfert, nur in ihm lebt und da ist, kurz, eine Liebe, die man nicht in seiner Gewalt hat, und deren Wirkungen im Gegenteil unsrer eigenen Selbstständigkeit Gewalt antun, und eine Art von Bezauberung sind, war in ihren Augen eine lächerliche Schwachheit, deren sie sich gänzlich unfähig hielt. Eine späte Erfahrung hat sie nun, zu ihrem eigenen Erstaunen, des Gegenteils überführt; und wer jemals selbst geliebt hat, begreift, wie die mächtigste aller Leidenschaften, sobald sie einmal Besitz von ihr genommen hatte, eine so gänzliche Verwandlung ihrer Sinnesart bewirkte, dass sie andern und sich selbst ein völlig neues Wesen scheinen muss. Aber wie diese Anlage zu der höchsten Art von tragischer Liebe vierzig Jahre lang, wie von einem magischen Schlaf gebunden, in ihrem Busen schlummern konnte, und dass gerade dieser Tessalische Taugenichts der einzige sein musste