1800_Wieland_111_240.txt

Ton, indem ich ihm befahl aufzustehen, und den Platz zu nehmen, den ich ihm gewiesen hatte. Und nun erfolgte ein umständliches Bekenntniss, woraus ich zu vernehmen hatte: dass er der jüngste von sechs Brüdern aus einer edlen Tessalischen Familie sei; während meines Aufentalts zu Larissa sei er ausser Landes gewesen, habe aber bei seiner Zurückkunft ganz Tessalien meines Ruhmes so voll gefunden, dass er dem Verlangen mich selbst zu sehen nicht habe widerstehen können. Er habe sich also, von einem einzigen Diener begleitet, zu Pferde auf den Weg gemacht, sei aber in einem Hohlwege des berges Citäron von Räubern überfallen worden, die ihn, nachdem sein Diener in seiner Verteidigung das Leben verloren, beraubt und ausgezogen hätten. Da er nun in dem Aufzug eines Bettlers keinen Zutritt zu mir habe hoffen können, sei er auf den verzweifelten Entschluss gekommen, sich einem Tespischen Sklavenhändler unter der Bedingung anzubieten, dass er ihn unverzüglich nach Korint führen und an die schöne Lais verkaufen sollte. Meine Absicht war (fuhr er fort) sobald ich in deine Gegenwart gekommen sein würde, mich dir zu entdecken; aber es erfolgte was ich hätte vorher sehen sollen: dein erster Anblick machte mich auf ewig zu deinem Sklaven, wenn du mich auch nicht gekauft hättest; und der Gedanke, dir als wirklicher Sklave anzugehören, in deinem haus zu leben und des Glücks dich anzuschauen vielleicht täglich gewürdiget zu werden, wirkte mit einem so unwiderstehlichen Reiz auf mein Gemüt, dass es mir schlechterdings unmöglich war meinen ersten Vorsatz auszuführen. Ich fühle nur zu sehr wie strafbar ich binund unterwerfe mich jeder Züchtigung die du mir auferlegen willst; nur die Verbannung aus deinen Augen würde eine unendlichemal grausamere Strafe sein, als wenn du mir mit eigener Hand den Tod gäbest. – Ich sagte ihm: wie er hoffen könne, nach einem solchen geständnis nur einen Tag länger in meinem haus geduldet zu werden? – Das hoffe ich allerdings von deiner Grossmut, versetzte er in einem mehr zuversichtlichen als bittenden Ton. Ich bitte nur so lange darum, bis die Unterstützung, die ich von meiner Familie bereits begehrt habe, angelangt sein wird. Ich bin gewiss dass meine Brüder mich nicht verlassen werden. Warum solltest du mir auf so kurze Zeit deinen Schutz versagen? Mein geständnis hab' ich nur dir getan. In deinem haus bin ich ein von dir erkaufter Sklave; deine Hausgenossen wissen nichts anders; und wofern du auch die Güte hättest mich täglich um dich zu dulden, so würdeSo würde, fiel ich ihm in die Rede, da er das folgende Wort nicht gleich finden zu können schien, so würde jedermann es sehr natürlich finden, meinst du? du hegest eine sehr bescheidene Meinung von dir selbst. – Die schlechteste, erwiderte er, wenn ich das Unglück habe, der göttlichen Lais zu missfallen; die grösste, wofern mir die Grazien hold genug wären, ihr gütige Gesinnungen für mich einzugeben. – Was hätte ich nun mit diesem Menschen anfangen sollen, Learch?

I c h . Verlangst du im Ernst es zu wissen?

L a i s . Deine Meinung wenigstens.

I c h . Es ist nicht unmöglich, dass dir der junge Dorylas oder Pausanias nichts von sich gesagt hat, was er im Notfall nicht beweisen könnte; aber, aufrichtig zu reden, er sieht mir einem ziemlich gefährlichen Abenteurer ähnlich.

L a i s . Gefährlich? Mir gefährlich, Learch?

I c h . Wahr ist's, wenn die schöne Lais nicht berechtigt wäre, sich über die Schwachheiten ihres Geschlechts erhaben zu glauben, welche andere dürfte es? Und doch, wäre sie auch der Göttin der Weisheit eben so ähnlich, als sie es der Göttin der Schönheit ist, so

L a i s . Ich erlasse dir den Nachsatz, lieber Learch! Die ganze Gefahr, wenn ja Gefahr sein sollte, bestände dann doch nur darin, dass mir Pausanias gefallen, dass ich ihn wohl gar lieben könnte; und wo wäre da das grosse Unglück?

I c h . Darüber kannst du in der Tat allein entscheiden. Verzeih, wenn mich die wohlmeinende Freundschaft unbescheiden gemacht hat.

L a i s . Das wirst du nie sein, LearchAber deine Meinung, was ich hätte tun sollen, bist du mir noch schuldig.

I c h . Wenn du, z.B. dem schönen Dorylas, weil du doch schon zwei oder drei sehr gute Vorleserinnen hast, die Freiheit und die dreitausend Drachmen, die er dich kostet, geschenkt, und ihm beim Abschied noch eine Handvoll Dariken zur Wegzehrung mitgegeben hättest: so hätte er damit wohl behalten nach haus kommen können, und jedermann würde gesagt haben, du hättest eine sehr grossmütige Tat getan.

L a i s . Aber du scheinst zu vergessen, Learch, dass hier nicht die Rede davon sein kann, was jedermann davon denken und sagen würde; denn ausser meinen Leuten weiss niemand von der Sache, und niemand hat sich auch um das Innere meines Hauswesens zu bekümmern. über die Urteile der Korintier bin ich ohnehin schon lange weg, wie du weisst.

I c h . Allerdings! Ich hätte sagen sollen: du würdest, wenn du so mit dem vorgeblichen Pausanias verfahren wärest, sicher auf den Beifall deines eigenen Herzens haben rechnen können.

L a i s . Das wäre denn doch vielleicht noch die Frage. Uebrigens kann ich dir zu deiner Beruhigung melden, dass Pausanias im Begriff