gelegen sein) läuft auf Folgendes hinaus.
Sokrates glaubt, durch eine besondere göttliche Schickung von Kindheit an eine Art von ihm allein hörbarer stimme vernommen zu haben, als ein Warnungszeichen, wenn er etwas beginnen wollte, dessen Ausgang oder Erfolg ihm nachteilig gewesen sein würde. über die Art und Weise, wie diese angebliche stimme ihm vernehmbar werde, hat er sich nie erklärt: gewiss aber ist, dass er sie für etwas Göttliches (δαιμονιον τι), oder genauer zu reden, für etwas Divinatorisches von eben der Art, wie die Götter, nach dem gemeinen Volksglauben (welchem auch er immer zugetan war) durch Orakel, oder die Eingeweide der Opfertiere, den Flug gewisser Vögel, und andere solche Anzeichen, den Menschen zukünftige Dinge, die sich durch keinen Grad menschlicher Klugheit und Erfahrenheit vorhersehen lassen, andeuten sollen. Niemand hat ihn je sagen gehört, dass er einen eigenen Dämon habe; diess aber ist gewiss, dass er diese wahrsagende stimme – die er jedesmal so oft er selbst oder seine Freunde etwas, das zu ihrem Verdruss oder Schaden ausgefallen wäre, unternehmen wollte, zu vernehmen glaubte – für eine göttliche wirkung hielt, und sich daher der Ausdrücke "die stimme, oder das Dämonion, oder Gott hat mich gewarnt" als gleichbedeutend zu bedienen pflegte. Auch darüber, wie er dazu gekommen sei die Bedeutung dieses göttlichen Warnungszeichens zu verstehen, hat er sich nie erklärt; vermutlich mag es ihm in seiner frühen Jugend öfters begegnet sein, einer stimme, deren Sprache ihm noch unbekannt war, nicht zu achten; weil es ihm aber jedesmal übel bekam, so wurde er endlich aufmerksamer, und entdeckte auf diese Weise die Meinung und Absicht derselben. Auch ist bemerkenswert, dass – nachdem er sich durch häufige Erfahrungen ein für allemal überzeugt hatte, dass die stimme sich allezeit richtig hören lasse, so oft er, oder einer seiner Freunde in seiner Gegenwart, etwas das unglücklich für ihn ausgegangen wäre unternehmen oder beschliessen wollte – er nun auch das Stillschweigen derselben für ein sicheres Zeichen nahm, dass der Himmel sein Gedeihen zu dem, was er oder seine Freunde vornehmen wollten, geben werde: so dass er also diese Wundergabe sowohl auf der rechten als auf der umgekehrten Seite als Warnungs- und Billigungszeichen gebrauchen konnte. Zum Beweise, wie übel der Ungehorsam gegen die Warnungen dieses Orakels einigen Bekannten des Sokrates bekommen sei, sind mir verschiedene Beispiele erzählt worden, womit ich dich verschonen will, da dir diese Leute unbekannt sind, und die Umstände, in welche ich mich einlassen müsste, kein Interesse für dich haben können. Genug, dass ich diese Tatsachen zum teil aus dem mund unverwerflicher Zeugen habe, und dass wenigstens nicht leicht zu erklären wäre, was den Sokrates hätte bewegen können, die besagten Personen durch ein erdichtetes Vorgeben, er höre das gewohnte Warnungszeichen, von Ausführung dessen, was sie im Sinne hatten, zurückzuhalten. Uebrigens muss ich zur Steuer der Wahrheit noch hinzutun, dass ich den Sokrates selbst in den zwei Jahren, seitdem ich ihn alle Tage sehe und ihm oft in ganzen Wochen nicht von der Seite komme, dieser ihm beiwohnenden Art von Divination mit keinem Wort erwähnen gehört habe. Diess kann zufälliger Weise, oder vielleicht wohl gar auf Abraten des Dämonions selbst geschehen sein; denn ich habe zuweilen einen Argwohn, dass es mir nicht recht grün ist, und bin ziemlich geneigt, ihm die Schuld zu geben, dass Sokrates mich mit einer gewissen Zurückhaltung und Kälte zu behandeln scheint, die ich mir lieber aus dieser als irgend einer andern Ursache erklären mag. Indessen beruht die Sache auf so übereinstimmenden Zeugnissen aller, die schon viele Jahre mit ihm gelebt haben, dass es ungereimt wäre, daran zweifeln zu wollen, dass er wirklich und schon von langer Zeit her diese übernatürliche Einwirkung zu erfahren vorgegeben habe.
Und hat er diess vorgegeben, so zweifle ich nicht, und auch du, Kleonidas, würdest, wenn du nur ein paar Tage mit ihm umgegangen wärest, keinen Augenblick zweifeln, dass er selbst von der Realität der Sache vollkommen überzeugt ist.
"Aber wie sollen wir uns die Möglichkeit einer solchen überzeugung, bei einem so verständigen, gesetzten und helldenkenden mann wie Sokrates ist, erklären?" fragst du. – Es gibt der Dinge so viele, mein Freund, die wir uns nicht erklären können, dass es auf eines mehr oder weniger nicht ankommt. Soll ich dir indessen freimütig sagen was ich denke? – Sokrates ist unläugbar ein sehr weiser Mann; aber am Ende sind wir doch alle – von Weibern geboren; und wem hängt nicht irgend eine Schwachheit an, die ihn mit allen andern so ziemlich auf gleichen Fuss setzt? Die seinige ist (unter uns), dass er ein wenig aberglaubischer ist als einem weisen mann ziemt. Es scheint wirklich ein Erbstück von seiner Mutter oder Grossmutter zu sein. – "Aberglaubisch? Sokrates aberglaubisch?69" rufst du. – Ja, Kleonidas! entweder aberglaubisch, oder der grösste Heuchler, den je die Sonne beschienen hat. Das letztere ist er nicht, bei Gott, kann er nicht sein! – Also jenes! oder wie nennst du den, der, nicht zufrieden in solchen Dingen den Gesetzen seines Landes genug zu tun, in ganzem Ernst an alle Götter und Göttinnen, von Uranus und Ge bis zum kleinsten Quellnymphchen auf dem Pernes, an Orakel, prophetische Vögel, Träume und Anzeichen aller Arten glaubt, und seine Freunde nach Delphi oder Klaros schickt,