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"Und dieser Mann hier hat dich erzogen?" – Ich kaufte ihn (fiel der Sklavenhändler ein) bloss in der Absicht, ihn, wenn er erwachsen und gehörig ausgebildet sein würde, mit einem ansehnlichen Gewinn an irgend eine herrschaft, die einen solchen Sklaven zu schätzen wüsste, wieder zu verhandeln. – "Was forderst du für ihn?" fragte Lais mit ihrer gewöhnlichen Raschheit. – Einen sehr mässigen Preis in Betracht dessen was er wert ist; nicht mehr als dreitausend Drachmen: aber davon geht auch kein Triobolon ab. – Der Handel wurde auf der Stelle geschlossen, der Verkäufer ausgezahlt, und der schöne Dorylas in das Amt eines Vorlesers seiner neuen Gebieterin eingesetzt. Aber, sagte sie lachend, indem sie sich gegen mich und Euphranor wandte, woher wissen wir dass er lesen kann? Billig hätten wir ihn vorher prüfen sollen. Ich glaube dass ich ihr mit einem unfreiwilligen Achselzucken antwortete. Auf alle Fälle, sagte Euphranor, bitte ich mir zur Gnade von dir aus, ihn zum Modell für eine Gruppe des jungen Achilles156 und der schönen Tochter des Fürsten Lykomedes von Skyros zu nehmen, die ich eben in der Arbeit habe. – Sehr gern, wenn du ihn dazu gebrauchen kannst, versetzte sie lachend, vermutlich um die plötzliche Röte zu verhehlen, die über ihr ganzes Gesicht hin loderte. Zufällig lag ein Anakreon auf einem Tischchen.

Ich schlug die Ode an den Maler seiner Freundin auf, und sagte zu Lais: gefällt es dir etwa, deinen Vorleser eine kleine probe seiner Kunst machen zu lassen? – Wie du willst, erwiderte sie gleichgültig. Sobald Dorylas vernahm, wovon die Rede war, bat er sich eine gestimmte Citer aus, und sang uns das Lied mit einer ziemlich angenehmen stimme, nach der bekannten Melodie von Antigenidas, indem er sich selbst auf der Citer begleitete. Lais schien mit den Talenten ihres neuen Hausgenossen sehr zufrieden zu sein; sie empfahl ihn ihrem Hausverwalter und winkte ihm abzutreten. Es erfolgte eine kleine Stille. Da habe ich nun einmal wieder in der Laune des Augenblicks eine Torheit begangen, sagte sie mit einer ziemlich merklichen Bemühung, ihrer Miene mehr Unbefangenheit zu geben als sie sich bewusst sein mochte. Vielleicht ein gutes Werk, versetzte ich; der junge Mensch scheint mir nicht zu sein wofür er dir gegeben wurde. "Wie so, Learch?" – Ich sollte denken es fiele sogleich in die Augen, dass er weder das Aussehen noch den Anstand eines Sklaven hat, sagte ich. – Ich kann eben nichts Besonder's an ihm sehen, erwiderte sie, abermals errötend. – Du hast diesen Morgen vergessen Rot aufzulegen, liebe Lais; auch wär' es sehr überflüssig gewesen, da die schönsten Rosen freiwillig auf deinen Wangen blühen. – Learch ist heute sehr scherzhaft, sagte sie zu Euphranorn: aber findest du wirklich, dass Dorylas in Weiberkleidern einen leidlichen Achill zu Skyros abgeben könnte? Wir wollen auf der Stelle die probe machen. Sie rief ihrer Vertrauten. sorge gleich dafür, Eudora, dass der Sklave, den ich so eben gekauft habe, in ein Mädchen verkleidet und so schön herausgeputzt werde, wie es das Costume der Fürstentöchter in der heroischen Zeit erfordert, und führe ihn dann in die grosse Rosenlaube. Das Mädchen eilte hinweg, Lais fing von andern Dingen zu reden an, und wir folgten ihr in den Garten. Nach einer Stunde erschien die Vertraute mit dem verweiblichten jungen Achill an der Hand, welcher seine Rolle für einen Anfänger nicht übel spielte, und sich seiner Vorteile in dieser Verkleidung sehr wohl bewusst zu sein schien. Die Mädchen hatten ihn prächtig herausgeputzt, und Euphranor schwur bei allen Göttern, so müssten die Atalanten, Deianiren und Pentesileen der Heldenzeit ausgesehen haben. Da sagst du ihnen eben nichts sehr Schmeichelhaftes, versetzte Lais; aber die Frage ist, ob du ihn noch zum Modell deines verkleideten Achills nehmen willst? – Ich wünsche mir kein besseres, sagte der Künstler; und du, Dorylas, hast gar nicht nötig so trotzige Gesichter zu schneiden; das Wahre ist, dass du wie Achill aussehen musst ohne es zu wissen. – "Aufrichtig zu reden. Euphranor, wenn der junge Achill in Frauenkleidern einem Mädchen nicht ähnlicher sah, so hätte es des erfindungsreichen Odysseus nicht bedurft, um ihn aus den Gespielen der Deidamnia heraus zu wittern." – Indem Lais diess in einem spöttelnden Ton sagte, bemerkte ich sehr wohl, dass ihre grossen Augen, mit einem Ausdruck den ich noch nie darin gesehen hatte, auf dem schönen Dorylas verweilten; und dass die vorgebliche Pyrrha nicht ermangelte, die ihrigen in einer Sprache antworten zu lassen, deren Sinn der scharfsichtigen Lais nichts weniger als unverständlich sein konnte.

Als Dorylas wieder entfernt worden war, konnte' ich mich nicht entalten, ihr noch deutlicher als ich schon getan hatte zu sagen, dass mir der Sklavenstand des jungen Menschen verdächtig vorkomme, und dass irgend ein sonderbares geheimnis hinter dieser Sache stecken müsse. – Ich fange selbst zu vermuten an, sagte Lais, dass ich für meine dreitausend Drachmen einen albernen Kauf getan habe. Und doch sehe' ich nicht, was der junge Mensch, wenn er etwas Besseres wäre, für ein Vergnügen daran finden könnte, sich mir für einen Sklaven verkaufen zu lassen. – Wenn es nicht eine Art von Liebeserklärung ist, sagte ich, so wüsste ich auch nicht, was ihn dazu hätte bewegen sollen. – Du könntest mir mit deinen Grillen den