zu haus, als für etliche Freunde vom engeren Ausschuss, die durch einige persönliche Eigenschaften und ein gehöriges Betragen diese Unterscheidung verdienten.
Ich glaube nicht dass Lais einen ältern Bekannten hat als mich. Die vertraute Freundschaft, welche zwischen meinem Vater und dem Eupatriden Leontides statt hatte, gab mir schon in meiner frühen Jugend gelegenheit, im haus des letzteren ein- und auszugehen, und ich erinnere mich noch sehr wohl, die kleine Lais als ein Mädchen von elf oder zwölf Jahren gesehen zu haben. Der Alte fand grosses Vergnügen daran, seinen kleinen Liebling loben zu hören, und seine Freunde zu Zeugen der ausserordentlichen Anlagen zu machen, die sie in der Musik und Tanzkunst zeigte. Ich hatte damals etwa achtzehn Jahre, und natürlich konnte mir das schönste Mädchen, das ich noch gesehen hatte, nicht gleichgültig sein; aber die angenehmen Eindrücke die sie auf mich machte, streiften nur leicht an mir hin; ich wusste dass Laiska nicht mein sein konnte; es fehlte nicht an hübschen Mädchen in Korint; überdiess war ich keiner von denen, die sich einbilden, sie müssen alles Schöne, was ihnen zu gesicht kommt, haben, es koste was es wolle; und es gab viele Dinge, die mir noch lieber waren als ein hübsches Mädchen. Eine Abwesenheit von mehreren Jahren brachte mir den kleinen Abgott des alten Leontides gänzlich aus dem Sinne. Als ich nach Korint zurückkam, fand ich sie auf dem Punkt ihrer schönsten Blüte, im Besitz der reichen Erbschaft ihres Patrons und einer gänzlichen Unabhängigkeit, von einer Menge Freier und Anbeter umgeben, mit denen sie sich auf einen solchen Fuss setzte, dass keiner ohne alle Hoffnung war, wenige sich eines merklichen Vorzugs, und niemand dessen, wornach sie alle trachteten, zu rühmen hatte.
Keinen Zutritt im haus der schönen Lais zu haben, wurde damals in Korint für ein unzweifelhaftes Zeichen eines schlecht erzogenen und von allen Grazien verabsäumten Menschen angesehen. Ich unterliess also nicht, von der allgemeinen Freiheit, die sie allen meinesgleichen zugestanden hatte, Gebrauch zu machen, zumal da ich nirgends bessere Gesellschaft, und mehr gelegenheit mit interessanten Fremden bekannt zu werden, finden konnte als in ihrem haus. Lais, die ihre eigentlichen Liebhaber so ziemlich auf dem nämlichen Fuss behandelte, wie andere Schönen ihre Schosshündchen, Katzen, Wachteln und Sperlinge, ermangelte nicht diejenigen zu unterscheiden, deren anhänglichkeit an sie mehr auf die seltnen Vorzüge ihres Geistes, als auf übel verhehlte Ansprüche an ihre Schönheit, gegründet war; und da ich das Glück hatte einer von jenen zu sein, so fand sich unvermerkt, dass ich mich unter die wenigen zählen durfte, denen sie eine schmeichelhafte Art von achtung dadurch bewies, dass sie von ihren häuslichen Angelegenheiten mit ihnen sprach, sie mit kleinen Aufträgen beehrte, und bei wichtigern Vorfallenheiten sich ihres Rates oder ihrer Dienste bediente. Diess, Freund Aristipp, war ungefähr das verhältnis, worin ich mit der schönen Lais stand, bis sie Milet zu ihrem Aufentalt wählte, und dort mit dem vornehmen Perser bekannt wurde, der (wenn ich nicht irre) nach dir selbst der erste war, der sich ihres Besitzes rühmen konnte; mit dem kleinen Unterschied, dass du sie besassest, er hingegen von ihr besessen war154. Nach ihrer Zurückkunft von Sardes lebte sie eine Zeit lang mit dem Prunk einer morgenländischen Fürstin unter uns; und während sich jedermann zudrängte ihren Hof vergrössern zu helfen, hielt ich mich so lange in geziemender Entfernung, bis sie für gut fand, sich allmählich wieder auf einen bescheidenern Fuss zu setzen. Ohne den grossen Gesellschaften gänzlich zu entsagen, oder ihr Haus vor irgend jemand zu verschliessen, der sich berechtigt halten durfte jedes gute Haus offen zu finden, lebte sie jetzt am liebsten mit einer kleinen Zahl auserlesener und vertrauter Personen, und unter diesen fand dann auch dein Freund Learch seinen alten Platz wieder. Ich muss gestehen, dass bei dieser Erneuerung unsrer alten Verhältnisse auf meiner Seite unvermerkt einige Veränderung vorging. Mir war als hätte ich die schöne Lais, sogar in ihrer höchsten Blüte selbst, nie so unwiderstehlich reizend und liebenswürdig gesehen als jetzt, und der Wunsch, ihr mehr zu sein als andere, ward immer lebhafter: aber Euphranor hatte sich durch seine Kunst Verdienste um sie gemacht, und ich war zu sehr sein Freund, um ihm den Vorzug, den sie ihm zu geben schien, zu missgönnen.
Inzwischen warest du von deiner langen Wanderschaft nach Aten zurückgekommen. Sie begab sich, nach dem bekannten Abenteuer mit dem jungen Aspendier, auf ihr Gut zu Aegina, wo sie einen Besuch von dir erwartete, und wohin ich, wiewohl eingeladen, ihr nicht eher folgen wollte, als ich für nötig hielt, um dich noch ein paar Tage dort zu sehen. Aber du hattest dich bereits wieder entfernt, und ich glaubte eine Veränderung an Lais wahrzunehmen, die ich mir nicht erklären konnte, bis ihre Vertraute (die schon lange auch die meinige ist) mir den Schlüssel zu dem Rätsel gab. Es brauchte also nichts als einen einzigen jungen Menschen, – der (wie er mir in der Folge selbst gestand) mehr aus Schüchternheit und Eigensinn, als aus einem mächtigen Drang den Hippolytus mit ihr zu machen155, sich bei einer hartnäckigen Gleichgültigkeit gegen ihre Reizungen zu erhalten wusste, – es bedurfte nichts als diese kleine Demütigung, um ihrer gekränkten Eitelkeit eine unumschränkte Gewalt über die bessere Seele zu verschaffen! Mit einem kaum verhehlbaren Unwillen war ich ein Augenzeuge der Torheiten, wozu sie sich erniedrigte; und