1800_Wieland_111_234.txt

. Uebrigens hat sich wohl niemand weniger über das Mass von Glückseligkeit, das ihm zu teil ward, zu beklagen als Lais; denn ich zweifle sehr, dass jemals eine Sterbliche zu einem so hohen Grad von Selbstgefühl und Selbstgenuss gelangt sei als sie. Wurden nicht zwanzig Jahre lang alle ihre Wünsche in vollestem Masse befriediget? Oder meinst du sie habe sich nicht sehr glücklich gefühlt, als sie sich überall wie die sichtbar erschienene Liebesgöttin angestaunt und angebetet sah, als alle Männer zu ihren Füssen lagen, und sie, ohne die mindeste Gefahr für sich selbst, mit Amors Bogen und Pfeilen das mutwilligste Spiel treiben konnte? Dass sie dessen endlich überdrüssig werden musste; dass von allem, was das Glück ihr so verschwenderisch zugeworfen, ihr nichts mehr Vergnügen zu machen scheint; dass sie nichts Neues mehr zu geniessen sieht, nachdem sie alles, wofür sie Empfänglichkeit hat, im höchsten Grad und Mass schon so lange genossen hat, – alles diess ist zu natürlich, als dass sie verlangen dürfte, es sollte anders sein. Auf Vollgenuss folgt Sättigung, auf Ueberfüllung Ekel. Vor dem letzteren hat sie sich immer klüglich zu hüten gewusst; jener hilft Entaltung ab. Im schlimmsten Fall müsste sie nun von der Erinnerung zehren; und ist auch diess nicht am Ende das gemeine los der Menschheit?

Ich besinne mich noch sehr lebhaft der ersten traulichen Unterredung, die ich mit ihr zu Aegina hatte, da sie, wie der junge Hercules des Prodikus, auf dem Scheideweg zu stehen schien, und von mir verlangte, dass ich ihr raten sollte. Ich konnte deutlich genug sehen dass sie schon entschieden war, und riet ihr also, zu tun was sie nicht lassen könne. Das Ideal eines Weibes, wie noch keines gewesen war, und vielleicht in tausend Jahren keines wieder kommt, schwebte ihr so reizend vor der Stirne, dass sie dem Verlangen nicht widerstehen konnte, es in ihrer person darzustellen. In kurzem hatte sie sich dermassen darein verliebt, dass Sokrates selbst, als sie sich (unerkannt, wie sie glaubte) unter dem alten Oelbaum der Atene Polias mit ihm unterhielt, aller seiner Ueberredungskunst vergebens aufbot, ihr ein anderes höheres Ideal an dessen Stelle in die Seele zu spielen. Sie fühlte sich geboren Lais zu sein, wie sich einer zum Maler oder Flötenspieler, zum Dichter oder Heerführer geboren fühlt; und wenn man das, wozu eine person alle möglichen Anlagen, die entschiedenste Lust und die grössten Aufmunterungen von aussen hat, – das, was sie am besten kann, was ihr am besten ansteht, und worin sie von niemand übertroffen wird, wenn man das ihre natürliche Bestimmung nennen kann, so sehe ich nicht, wie wir der schönen Lais absprechen können, die ihrige bisher erfüllt zu haben. Ueberhaupt ist es immer schwer, öfters misslich und nicht selten unmöglich, einzelnen Personen, die über den Weg, den sie im Leben einschlagen sollen, noch ungewiss sind, mit Zuverlässigkeit zu sagen was ihre Bestimmung sei. Die natur schickt uns, wie es scheint, mit lauter unbestimmten Anlagen in die Welt, und was daraus werden soll, hängt grösstenteils von äusserlichen Umständen ab, über welche wir, in den Jahren wo ihr Einfluss gerade am meisten entscheidet, die wenigste Gewalt haben. Indessen würde doch, glaube ich, ein Gott, der das ganze, uns unsichtbare Gewebe der inneren Anlagen eines Menschen zu durchschauen vermöchte, das, wozu ihn diese Anlagen vor allem andern bestimmen, unfehlbar entdekken; denn in der natur gibt es nichts wirklich Unbestimmtes. Je lebendiger also das Selbstgefühl bei einer person ist, desto mehr ist zu vermuten, dass sie, wenn die äussern Umstände ihr völlige Freiheit lassen, sich selbst für diejenige Lebensweise bestimmen werde, zu welcher sie durch ihre ganze Naturanlage vor allen andern geschickt gemacht ist. War diess nicht ganz eigentlich der Fall mit Lais? Sie wurde von dem eigenen Wege ihrer freien Wahl durch die Umstände nicht nur nicht abgehalten, sondern im Gegenteil sehr verführerisch eingeladen keinen andern zu gehen. Die Art der Erziehung, welche sie, von ihrem achten Jahre an, im haus des reichen und wollüstigen Leontides erhielt, dessen Liebling sie war, und von welchem sie auf alle mögliche Weise verzärtelt wurde, – das Bewusstsein der seltensten Naturgaben, – eine frühzeitige Unabhängigkeit und die glänzenden Glücksumstände, worin ihr erster pflegeväterlicher Liebhaber sie hinterliess, – wie vieles kam nicht zusammen, um ihr einen Stolz einzuflössen, der sich mit den gewöhnlichen Einschränkungen ihres Geschlechtes nicht vertragen konnte, und durch Verbindung dieses Stolzes mit dem sittlichen Zartgefühl, womit die natur sie beschenkt hatte, das vorhin erwähnte Ideal in ihr zu erzeugen, dessen Zauber um so unwiderstehlicher auf sie wirken musste, da sie sich im Bewusstsein ihrer angebornen Kaltblütigkeit zutraute, den ausserordentlichen Charakter, worin sie in der Welt auftreten wollte, immer behaupten zu können. Wie schmeichelhaft musste ihr der Gedanke sein, alle Vorteile der vollständigsten Freiheit mit der gehörigen achtung gegen sich selbst, und jede Befriedigung der weiblichen Eitelkeit mit der entschiedensten Gleichgültigkeit gegen alle Arten von männlicher Versuchung zu verbinden; die ganze Welt in Flammen zu setzen, während sie selbst, gleich den Feuergeistern der Persischen Mytologie, unverletzt in diesen Flammen, als in ihrem Elemente, lebte; kurz, mit dem unvermeidlichen Namen und den unbestrittenen Vorrechten einer Hetäre, dem grossen Haufen durch die Pracht ihrer Lebensart Ehrfurcht zu gebieten, und in den Augen derer, die ihres nähern Umgangs genossen, eine achtung zu verdienen, die der