von der Gewalt des Stroms in eine Untiefe hinabgezogen wird, zurufen: nimm dich vor dem Strudel in Acht! Aber zum guten Glücke bestürmt uns der furchtbare Tyrann der Götter und der Menschen Eros nicht sogleich mit seiner ganzen Jünglingsstärke: er ist erst liebkosendes Kind und spielender Knabe; und so lange er diess ist, gibt es ein Mittel ihm zu entgehen. Es ist eben nicht das ehrenvollste; aber es ist sicher, unfehlbar, und überdiess wie Xenophons Cyrus sagt, das einzige. Also, liebe Laiska, sobald dir ein Adonis vor die Augen kommt, von dem du dich, wie in deinem Traume, mit einem nie zuvor gekannten Zauber angezogen fühlst, so schliesse die Augen, und eile, eile was du kannst – zu deinen Freunden nach Cyrene. Vermöchten wir gleich nicht, dir alles zu ersetzen, was du zu Korint und Aegina zurücklassen würdest, so könntest du doch schwerlich den allmählich herannahenden Abend deines schönen und glücklichen Lebens in besserer Gesellschaft zubringen, als in dem häuslichen Cirkel deiner Freunde Kleonidas und Aristipp, wo du deine Musarion, von kleinen ungefährlichen Amorinen umgeben, wieder finden, und dir aus der Schwester unsers Kleonidas eine neue Freundin machen würdest. Dein Herz wird dir bei ihrem ersten Anblick sagen, sie sei wert es zu sein, und dass sie sich beeifert deinen Aristipp glücklich zu machen, wird ein Verdienst mehr in deinen Augen sein. Ich gestehe dir, Laiska, ich bin in diesen meinen Traum verliebt, und wenn der deinige eine so schöne Frucht hervorbrächte, würde ich glauben, dass er dir unmittelbar von der holden Grazie Pasitea selber zugeschickt worden sei.
51.
Antipater an Aristipp.
Nach einem vierjährigen Aufentalt habe ich mich endlich nicht ohne ein seltsames Gemisch sehr ungleichartiger Gefühle von der herrlichen Atenä, vermutlich auf immer, losgerissen, um nun auch von den vorzüglichsten Städten der Pelopsinsel und Siciliens so viel Kundschaft durch mich selbst einzuziehen, als zu meinem dir bekannten Zweck nötig ist, und als die mancherlei Verbindungen mir verschaffen können, zu welchen ich im Mittelpunkt der ganzen Hellas so viele gelegenheit fand. Aber wo werde ich eine Stadt sehen, die jenem Lieblingssitze Minervens den Vorzug streitig machen könnte? Ich habe Bürger aus beinahe allen Griechischen Städten kennen gelernt, und keinen gefunden, der ihr die seinige ohne Schamröte oder aus einem andern grund vorzuziehen vermocht hätte, als dem Zauber, der uns an den Ort fesselt, wo wir das goldne Alter des Menschenlebens zugebracht haben. Was muss Aten für den sein, der das Glück hatte, in ihrem Schooss aufzublühen? Wie natürlich kommen mir alle jene weltgepriesenen Taten vor, die jemals für eine solche Stadt von ihren Söhnen getan wurden? – und wenn ich bedenke, was sie erst sein könnte, wenn sie den Gesetzen und der Verfassung ihres eben so klugen als weisen Solons treu geblieben wäre! – Was sie jetzt noch werden könnte, wenn sie anstatt ihrer stürmischen Volksherrschaft sich eine wohlgeordnete Aristokratie gefallen lassen, und statt der gefährlichen Eitelkeit, auf ihre eigenen und der ganzen Hellas Kosten nach einer Obergewalt, die ihr nie gutwillig zugestanden wird, zu streben, sich an dem hohen Vorzug begnügen wollte, das zu sein wozu ihr Name selbst sie bestimmt, der Hauptsitz aller Künste des Friedens und der Musen, das Muster der schönsten Ausbildung, die Besitzerin der weisesten gesetz, der mildesten Regierung, der menschlichsten Sitten, des feinsten Sinnes für alles Schöne und Grosse, der vollkommensten und zierlichsten Sprache, und der angenehmsten Art des Daseins zu geniessen, kurz, durch Vereinigung alles dessen, was des Menschen Leben veredelt und verschönert, die erste Stadt der Welt zu sein: wer würde dann nicht das Glück in Aten zu leben allem andern vorziehen, und die notwendigkeit, sie zu verlassen, für das grösste aller Uebel halten? – Platon und Isokrates haben wahrlich keine Schuld, wenn Aten nicht dieses Urbild einer vollkommenen und glücklichen Republik ist – Aber die Sterblichen scheinen weder aufgelegt noch geneigt zu sein, den Idealen ihrer Weisen Wirklichkeit zu geben, und unter allen Erdebewohnern die Atener vielleicht am wenigsten. Indessen, wie sie sind, habe ich ihnen und ihrer Stadt viel zu danken; und dieses Gefühl war es auch, was alle übrigen verdrängte und verschlang, als ich von einer Anhöhe auf dem Wege nach Eleusis den letzten blick auf den hellbesonnten Tempel der Atene Polias heftete.
Zu Korint bin ich von deinem Freunde Learch auf die verbindlichste Art genötiget worden, meine wohnung in seinem gastfreundlichen haus zu nehmen. Ich gedenke ungefähr einen monat hier zu verweilen, und dann die übrigen Städte dieses schönen Hauptstückes von Griechenland, das an Merkwürdigkeiten aller Art so reich ist, der Reihe nach zu besuchen.
Die schöne Lais hat seit einiger Zeit ihre vormalige Lebensweise gänzlich abgeändert. Ihr Haus ist nur noch etlichen ältern Freunden, und keinem Fremden, der nicht von einem derselben bei ihr eingeführt wird, offen. Sie erscheint gar nicht mehr öffentlich, gibt keine grossen Gastmahle mehr, und zu den kleinen Symposien, woran sie einst so viel Belieben fand, werden selten mehr als zwei oder drei von ihren vertrautern Bekannten eingeladen. Learch scheint dermalen in vorzüglicher Gunst bei ihr zu stehen, und mit ihm und – meinem Freunde Diogenes habe ich schon einigemal den Abend bei ihr zugebracht. Man spricht viel zu Korint von diesem so raschen und sonderbaren Sprung von der höchsten Pracht und Ueppigkeit einer Asiatischen Satrapin zu einer beinahe misantropischen Eingezogenheit, und jedermann sucht sich das Wunder auf seine eigene Weise zu erklären.