macht. Ueberdiess denken nicht alle Atener so günstig von ihm wie du. Sokrates lebt, spricht, und beträgt sich in allem wie ein freier, aber nicht immer wie ein kluger Mann. Er hat sich durch seine Freimütigkeit Feinde gemacht; er verachtet sie, und geht ruhig seinen Weg. Ich bin keiner von seinen Feinden; aber wenn ich einer seiner Freunde wäre, so würde ich ihn bitten auf seiner Hut zu sein.
Diese Rede machte mich stutzen, wie du denken kannst: aber ich konnte meinen Mann nicht dahin bringen sich näher zu erklären; er wich mir immer durch allgemeine Formeln aus, und ein Dritter und Vierter, die sich zu uns gesellten, lenkten das Gespräch auf andere Gegenstände.
Wie ich den Sokrates kenne, würde es zu nichts helfen, wenn ich ihm etwas von dem Inhalt meiner Unterredung mit dem Komiker, den er weder liebt noch achtet, mitteilen wollte; und über eine Bitte, auf seiner Hut zu sein, würde er lachen. Niemand weiss besser als er selbst, wie unzuverlässig die Gemütsart der Atener ist, und dass es unter seinen Mitbürgern Leute gibt, die ihm übel wollen, wiewohl keiner von ihnen auftreten und sagen kann: Sokrates hat mir jemals Unrecht getan. Er weiss dass er Feinde hat: aber (wie der Komiker sagte) er verachtet sie und geht seinen Weg. Ich erinnere mich, dass einst in einem kleinen vertrauten Kreise der unerschütterlichen Festigkeit erwähnt wurde, womit Sokrates, als damaliger Vorsteher der Prytanen68, sich der Wut des volkes, bei dem gesetzwidrigen Verfahren gegen den Admiral Diomedon und seine Collegen, entgegen gestellt hatte. Das Gespräch fiel unvermerkt auf die Unmöglichkeit, dass ein Staatsbeamter in einer Demokratie, bei einer ausdauernden Beharrlichkeit auf seiner Pflicht, dem Hass und der Verfolgung, die er sich dadurch zuzöge, nicht in kurzer Zeit unterliegen sollte. Es ist traurig, sagte Kriton, sich gegen seinen alten Freund wendend, sich's nur als möglich zu denken, dass ein rechtschaffner Mann, gerade desswegen, weil er rechtschaffen ist, Feinde haben soll. Da es nun aber nicht anders ist, versetzte Sokrates, was soll es uns kümmern? Das ärgste, das sie uns zufügen können, ist doch nur, dass sie uns dahin versetzen, wo wir nichts mehr von ihnen zu leiden haben werden.
Gestehe, Kleonidas, Sokrates ist ein herrlicher Mann! Ich fühle diess zuweilen so lebhaft, dass ich – Sokrates sein möchte, wenn mir's möglich wäre etwas anders zu sein als dein Aristipp.
10.
An Kleonidas.
Du bist begierig von mir zu erfahren, was für eine Bewandtniss es mit dem Dämonion des Sokrates habe, von welchem dir dein Megarischer Gastfreund, wie es scheint, seltsame und unglaubliche Dinge erzählt hat. "Was denkt sich Sokrates dabei? Von welcher Gattung Dämonen ist dieses Dämonion? Hat es eine Gestalt? Oder ist es eine blosse stimme, die ihm leise ins Ohr flüstert, oder vielleicht ohne Worte sich nur dem inneren Sinne vernehmbar macht? Oder wirkt es etwa bloss durch leise Berührung? Im Wachen oder im Traum? Gefragt oder ungefragt? Häufig oder selten? Hat es nie getäuscht? Sind die Dinge, die es ihm vorhersagt, so beschaffen, dass es schlechterdings unmöglich ist sie vorherzusehen? Oder lässt sich begreifen, wie ein Mann von scharfem blick in den Zusammenhang der Dinge sie auch ohne Dämonion erraten konnte?"
Alle diese kleinen fragen, mein Freund, könnte uns niemand besser beantworten als Sokrates selbst. – "Warum fragst du ihn denn nicht?" – Ich wollt' es wirklich; zwei oder dreimal lag mir die Frage schon auf der Zunge: aber immer hielt mich ein ich weiss nicht was, eine Art von Scheu zurück, als ob ich im Begriff wäre etwas Unziemliches zu tun. Aufrichtig zu reden, Kleonidas, ich schäme mich ein wenig, mit einem so ehrwürdigen alten Glatzkopfe von – seinem Dämonion zu reden, und es ist mir gerade so dabei zu Mute, als ob ich ihn fragen wollte, was ihm diese Nacht geträumt habe? Wenn ich aber auch über diese Scham Meister werden könnte, so würde ich vermutlich nicht mehr damit gewinnen als einer meiner Cameraden, Simmias von Teben, der sich das Herz nahm, eine Frage über sein Dämonion an ihn zu tun, und keine Antwort von ihm erhielt. Im Gegenteil (sagte mir Simmias in seiner böotischen Treuherzigkeit), er drehte sich mit einem so finstern blick von mir weg, dass mir die Lust ihn wieder zu fragen auf immer vergangen ist.
Weil also, wie du siehst, die Quelle selbst, aus welcher wir allenfalls die reinste Wahrheit zu schöpfen hoffen dürften, unzugangbar ist, so wirst du dich schon an dem begnügen müssen, was ich von seinen ältern Freunden und Anhängern, nach und nach, meistens nur tropfenweise habe herauspressen können. Denn es ist als ob sie Bedenken trügen sich offenherzig gegen mich heraus zu lassen; woran freilich wohl die etwas unglaubige Miene Schuld sein mag, die ich bei solchen Gelegenheiten nicht völlig in meine Gewalt bekommen kann. Ich habe immer bemerkt, dass Personen, die mit der Neigung wunderbare Dinge zu glauben etwas reichlich begabt sind, sich zurückgehalten fühlen, mit kalten Köpfen so freimütig und nach Herzenslust von solchen Dingen zu sprechen, wie sie mit ihres gleichen zu tun pflegen. Was ich indessen von der Sache selbst herausgebracht habe (denn an den Meinungen dieser Leute kann dir nicht viel