1800_Wieland_111_228.txt

, redeten mich an und taten ihr Möglichstes, meine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, und meiner Eigenliebe zu schmeicheln. Die mannichfaltigen Physiognomien dieser Köpfe, ihre Redseligkeit, das Feuer, womit jeder sich durch das, worauf er sich am meisten einbildete, bei mir geltend zu machen suchte, kurz alle die lächerlichen Gestalten, in welchen ihre Eitelkeit und Selbstgefälligkeit sich mir zum Besten gab, belustigten mich eine ziemliche Weile; zumal da immer neue Köpfe aus dem Kreise herbeiflatterten, und die zuvorgekommenen durch allerlei kleine Kunstgriffe zu verdrängen suchten. Nach und nach erkannte ich beinahe alle meine Bekannten unter ihnen; nur nach dir sah ich mich vergebens um. Des schalen Spiels mit so vielen leeren Köpfen endlich überdrüssig, machte ich mich von ihnen los, durchstöberte, dich aufsuchend, alle Gänge und Lauben des Lustains, und glaubte endlich deinen Kopf aus einem dunkeln Busch hervorragen zu sehen; wie ich aber hinzuflog, war es Arasambes, der mich in diesem Hinterhalte belauert zu haben schien, und mir über die gefälligkeit, womit ich seine Nebenbuhler anhöre, die bittersten Vorwürfe machte. unwillig wandt' ich mich von ihm weg, und sah mich auf einmal in meine Gärten zu Aegina versetzt, in einen deiner ehmaligen Lieblingsplätze, wo die Nymphe von Skopas am Abhang eines mit Epheu und wilden Reben bewachs'nen Felsen den kleinen Silberbach aus ihrer Urne giesst, der sich durch das benachbarte Myrtenwäldchen nach dem Tempel der Grazien hinschlängelt. Hier werde' ich ihn unfehlbar finden, dachte' ich, und wie ich mich umsehe, erblick' ichden kleinen Gott der Liebe, schlummernd auf die Moosbank hingegossen, über welche (wenn du dich noch erinnerst) der hohe Busch mit den glühenden Essigrosen herabnickt. Sein goldner Bogen und etliche Pfeile lagen neben ihm. Ein nie gefühlter Schauer fuhr bei seinem Anblick durch mein ganzes Wesen; ich kannte mich selbst nicht mehr; es war mir als ob eine unsichtbare Hand alle Bilder der Vergangenheit aus meiner Seele wegwische und ich erst jetzt zu leben anfange. Meine Augen unverwandt auf den schönen Schläfer geheftet, flog ich leise und schüchtern näher hinzu, um den süssen Atem seiner Purpurlippen einzusaugen, in Gefühlen zerschmelzend, die mir zu neu waren, als dass ich sie dir beschreiben könnte. möchte' er doch, dachte' ich, wie Endymion auf der Stirn des Latmos,148 nie erwachen, damit ich ihn ewig ungestört anschauen könnte; aber indem ich es dachte, wacht' er auf. Ich fuhr zurück, aber mich zu entfernen war mir unmöglich. Unbeweglich blieb ich, wie eine in Elektron eingeschloss'ne Mücke, ihm gegen über in der Luft hangen. "Welch ein schöner Vogel! – rief er, mit einem schalkhaft lächelnden blick einen Pfeil auf seinen Bogen legendder soll mir nicht entgehen!" Indem er nach mir zielte, gab mir die Angst plötzlich die Bewegung wieder. Ich sank zu seinen Füssen und flehte ihm so rührend meiner zu schonen, dass er den Bogen von sich warf, und mich mit Blicken voll Zärtlichkeit betrachtete. Ausser mir vor Entzücken flatterte ich mit ausgebreiteten Flügeln an seinem schönen Busen hinauf. Plötzlich verwandelte er sich in einen wunderschönen Jüngling, und ich selbst glaubte unter den Liebkosungen, womit er mich überhäufte, meine vorige Gestalt wieder zu erhalten. Aber der Grausame trieb nur sein Spiel mit mir. Wie ein Aal glitschte er aus meinen um ihn geschlungenen Armen, setzte sich in seiner ersten Amorsgestalt auf meinen Schooss, und begann die goldnen Schwingfedern eine nach der andern aus meinen Flügeln zu ziehen. Ich liess es geschehen, weil ich sah, dass es ihm Vergnügen machte; denn was hätte ich nicht für ihn getan und gelitten? Aber sobald er die letzte ausgerupft hatte, spannte der Schalk seine Flügel aus, und flog lachend mit seiner Beute davon. Von unaussprechlichem Schmerz erdrückt, wollt' ich ihm nacheilen, aber fort waren meine Schwingen, ich sank zu Boden, underwachte, mit schrecklichem Herzklopfen, an dem ängstlichen Schrei womit ich dem Fliehenden nachgerufen hatte.

Was sagst du zu diesem Traum, Aristipp? Ist er nicht seltsam? Und wie komme ich zu einem solchen Traume? Bin ich abergläubig, wenn ich ihn für etwas mehr als ein blosses Spiel der Phantasie halte? Ist es Ahnung oder Warnung von meinem guten Genius? Wenn das, was der Flügelkopf, der mir in diesem Traume mein Ich gestohlen hat, für den Sohn Cyterens fühlte, Liebe ist, so hab' ich nie geliebt; und wahrlich, nachdem ich mich meiner selbst wieder bemächtigt habe, wünsch' ich wachend nie etwas Aehnliches zu erfahren.

Aber bin ich nicht eine Törin, dass ich mich von einem Traum beunruhigen lasse? – Seitdem wir uns zum erstenmale zu Korint sahen, sind bereits über zwanzig Jahre verflossenich habe während dieser Zeit die auserlesensten Jünglinge und Männer Griechenlands gekannt, habe mit dir, habe mit dem schönen Arasambes gelebt, und mich immer von dieser heillosen leidenschaft frei erhalten; und sollte noch einen Zweifel in mich selbst setzen? Sollte mich fähig wähnen, dem Alter der Weisheit so nahe, noch zum gemeinen weib herabzusinken? – Nein, Aristipp! Ich kann und will nicht glauben, was uns die Dichter überreden wollen, dass eine Phädra, eine Smyrna149, eine Helena150, im Zorn der Göttin, wider ihren Willen mit einer unwiderstehlichen leidenschaft gestraft worden sei! – Aber freilich, wenn so weise Männer wie Sokrates und Xenophon auf