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um sich nicht zu zanken, trinkt man; da wird man denn bald einig, und der Ausführung halber verlässt sich einer auf den andern. Wir Abderiten haben das so in der Art; unser Gemeinwesen ist nie schlechter beraten als wenn wir alle Einer Meinung sind."

Die treuherzige Unbefangenheit, womit der ehrliche Abderit sich selbst und seine Mitbürger auf diese Weise zum Besten gibt, macht dass man ihm mit aller seiner albernen Geschwätzigkeit gut sein muss; denn er ist die wohlmeinendste Seele von der Welt. Zu allem Glück ist er reich, und so kann man sich unbedenklich an ihm belustigen; hätte das Glück weniger dafür gesorgt, dass er unsers Mitleidens nicht bedarf, so wär' es grausam über ihn zu lachen. Er hat nun in Cyrene die mittägliche Gränze der Griechischen Sprache erreicht, und ist im Begriff nach Sicilien abzusegeln, von da aus das südliche Italien zu bereisen, und dann in seine liebe Vaterstadt zurückzukehren; ungefähr so klug als er ausgezogen war, aber so reich an Dingen die er gesehen und gehört hat, dass er seinen Abderiten sechzig Jahre lang genug zu erzählen haben wird. Er verlässt sich darauf (und ich stehe ihm dafür) dass seine Mitbürger grosse Freude an ihm haben werden; "denn eine Reise wie die meinige (sagt er) hat, ausser dem närrischen Philosophen Demokritus, noch kein Abderit gemacht." Sollt' ich ihm in drei oder vier Olympiaden seinen Besuch zurückgeben, so bin ich gewiss, ihn an der Spitze seiner Republik zu finden; und die Götter mögen wissen, ob ihre Sachen darum schlimmer oder besser gehen werden!

Speusipp schreibt mir: seitdem ich Aten auf immer verlassen zu haben scheine, spreche sein Oheim Plato in Gesellschaften, wenn meiner gedacht werde, sehr glimpflich von mir, als von einem feinen Weltmann und angenehmen Gesellschafter. Aristipp, sagt er, hat sich eine Art von Philosophie gemacht, womit er sich, wie ich glaube, für seinen eigenen Gebrauch gut genug behelfen mag; aber allgemein gemacht würde sie böse Früchte tragen. – Ist es mit der seinigen etwa anders? Zum Glück (wenn ja die Gefahr so gross sein sollte) hat die natur selbst dafür gesorgt, dass keine von beiden allgemein werden kann. Wäre diess aber nicht, so würde meine Philosophie noch immer den Vorzug haben, dass sie nur durch Missverstand und Missbrauch schädlich werden kann; da hingegen die seinige geraden Weges zu einer Art von Schwärmerei führt, deren natürliche Folgen, ausser seiner Wolkenkuckucksheimischen Republik, allentalben verderblich sein würden.

Lebe wohl, mein edler Freund, und lass' dir mein Andenken, und, wofern du es nötig findest, auch meinen Ruf gegen den Mutwillen eurer witzelnden Müssiggänger und Spassmacher empfohlen sein, die von jedem mann, dessen Name öfters genennt wird, so viele Geheimgeschichtchen zu erzählen wissen, alles gesehen haben wollen was er getan, alles gehört haben was er gesprochen hat, und, um die Wahrheit ihrer Mitteilungen unbekümmert, zufrieden sind, wenn sie nur ihren Platz an den Tafeln der Reichen durch irgend ein lächerliches Mährchen oder eine auffallende Albernheit auf Unkosten eines bekannten Namens bezahlen können.

49.

Lais an Aristipp.

Wenn du nicht gar zu sehr über mich lachen wolltest, Aristipp, so hätte ich grosse Lust dir einen Traum zu erzählen, den ich diesen Morgen geträumt habe.

Du erinnerst dich vielleicht noch der geflügelten Köpfe, von denen einst bei gelegenheit des Platonischen Phädons zwischen uns die Rede war. Hättest du dir wohl einfallen lassen, dass diese Köpfe nach so vielen Jahren noch in dem meinigen zu spuken anfangen würden? Gleichwohl ist es geschehen, und (was ich wohl zu bemerken bitte) ohne dass ich mir irgend einer Veranlassung zu einer so seltsamen Träumerei bewusst bin. Die Sache ist so sonderbar, dass ich mich nicht erwehren kann ein wenig lächerlich in deinen Augen zu erscheinen, da du doch natürlicherweise denken musst, ich würde dir meinen Traum nicht erzählen, wenn ich ihm nicht eine gewisse Wichtigkeit beilegte, die ein Traum, wie ausserordentlich er auch sein mag, bei keiner verständigen person haben sollte. Sei es darum! – Hier ist der meinige mit allen seinen Umständen, deren ich mich so lebhaft erinnere, als ob mir alles bei offnen Augen begegnet wäre.

Ich befand mich in einem von den anmutigen, mit unzähligen schönen Bäumen besetzten Lustgärten, die man in dem Persischen Asien Paradiese147 zu nennen pflegt. Noch nie hatte ich mich so heiter und leicht gefühlt; mich däuchte als ob ich wie eine Flaumfeder auf einem Wölkchen daher schwimme. Und so war es auch beinahe; denn wie ich mich genauer betrachtete, zeigte sich's, dass ich ein blosser Kopf mit zwei prächtigen Goldfasanen-Flügeln war. Ohne mich diese Verwandlung im geringsten befremden zu lassen, flog ich, so frei und unbefangen, als hätte ich nie eine andere Art zu sein gekannt, in dem reizenden Paradiese umher, und setzte mich endlich auf einen Granatbaum, um mich an den Farben und Wohlgerüchen einer unendlichen Menge der schönsten Blumen zu ergötzen, die dem Boden unter meinen Blicken zu entspriessen schienen. Plötzlich sah ich mich von mehr als tausend gelb- braun- und schwarzlockigen Flügelköpfen umringt, die von allen Seiten auf mich zugeflogen kamen, und über meinen Anblick ganz entzückt zu sein schienen. Die meisten schlossen in einiger Entfernung einen Kreis um mich her, so gross und schimmernd wie ein Regenbogen, wenn die Sonne schon tief in Westen steht. Einige kamen näher herbei