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Komödie bleiben, oder uns, wie gesagt, eine eigene erschaffen müssen. Das letztere wird nicht schwer sein; denn sobald man der Komödie, statt des Lachens und Spottens über die Regierung und über einzelne Personen, andere zu einer öffentlichen angenehmen Volksunterhaltung passende Zwecke gibt, so lassen sich zwischen der Tragödie des Sophokles und der Komödie des Aristophanes, zwischen dem Oedipus und Philoktet des erstern, und den Rittern und der Lysistrata des andern, mehrere Gattungen von Schauspielen denken; und wenn auch Scherz und lachen die Hauptwirkung der Komödie bleiben soll, so braucht sie sich nur, mit Verzichttuung auf alle persönliche Satyre, auf sinnreiche und lebhafte Darstellung allgemeiner lächerlicher Charaktere einzuschränken, um eine neue Gattung hervorzubringen, welche gewiss Beifall erlangen und vielleicht nicht ohne Nutzen sein würde. Ich zweifle nicht, dass die Zeit im Anzug ist, wo Aten, die noch immer in allen Arten von Kunstwerken die ersten und vollkommensten Muster aufgestellt hat, auch in dieser Gattung den Ton angeben, und die Scene mit lebendigen Sittengemälden beschenken wird, an welchen auch unsre Frauen Gefallen finden können. Denn in Cyrene sind die Frauen von Besuchung der Schauspiele nicht ausgeschlossen146 wie bei euch; und diess ist ein wesentlicher Grund mehr, warum unsre Komödie ohne Vergleichung bescheidener und anständiger als die eurige sein muss; ja warum selbst die Tragödie sich unvermerkt in einen mildern Ton herabstimmen, und, ohne dem Wesentlichen ihres Charakters zu entsagen, mehr sanfte Rührungen, süsse Wehmut und zärtliches Mitgefühl als Schrecken, Entsetzen und peinliches Mitleiden zu erregen suchen wird.

Da dieser Brief bestimmt ist, dir einen genugtuenden Bericht über meine dermalige Lage und Lebensweise zu geben, so erwartest du vermutlich, dass ich dir auch ein Wort von den staatsbürgerlichen Obliegenheiten sage, durch welche meine weltbürgerliche Freiheit vielleicht enger eingeschränkt werden könnte, als sie in die Länge zu ertragen geneigt sein möchte. Zu gutem Glück kommt meiner politischen Trägheit ein altes Gesetz zu Statten, vermöge dessen zwei Brüder niemals weder im Senat noch andern höhern Stellen, zu gleicher Zeit Sitz haben können. Dagegen gibt es mancherlei mehr und weniger bedeutende, mit der inneren Polizei der Stadt beschäftigte Aemter und Aemtchen, denen wohlhabende Bürger, wenn die Reihe an sie kommt, sich nicht entziehen dürfen, zumal da diese Ehrenstellen mit keinem Einkommen verbunden und von eingeschränkter Dauer sind. – Aemter dieser Art werde ich, ihrer vielfältigen Unannehmlichkeiten ungeachtet, desto williger übernehmen, da sie, um wohl verwaltet zu werden, Uneigennützigkeit, Besonnenheit und Geschicklichkeit die Menschen verständig zu behandeln voraussetzen, und andern hierin ein Beispiel zu geben von gutem Nutzen sein kann.

Uebrigens bin ich der Meinung, dass in jedem grossen oder kleinen Staat ein Bürger aus derjenigen klasse, zu welcher ich in Cyrene gehöre, sich um das Gemeinwesen schon verdient genug mache, wenn er seinem haus wohl vorsteht, seine Güter zu verbessern und zu verschönern sucht, Künste und Gewerbe durch einen nicht unbescheidenen, aber seinem Vermögen angemessenen Aufwand unterhalten und beleben hilft, und durch eine edle Gastfreiheit seiner Stadt auch im Auslande Ehre macht.

Noch ein kleines Verdienst hoffe ich mir um Cyrene dadurch erworben zu haben, dass ich ein zu meinem Gute gehöriges Lustwäldchen, das mit Schattengängen und Lauben, und einem Saal mit einer bedeckten Halle versehen ist, den Musen geheiligt, und zu einer Art von öffentlichem Versammlungsort für Gelehrte und Künstler bestimmt habe, wo auch blosse Liebhaber von Wissenschaft und Kunst, Fremde, und überhaupt alle rechtlichen Leute den Zutritt haben. Die Halle ist mit Gemälden und Bildsäulen, der Saal mit Bücherschränken versehen, wo keines der Werke der Griechischen Dichter, Geschichtschreiber und übrigen Schriftsteller, die in einigem Ruf stehen, leicht vermisst werden soll. Beide sind täglich zu gewissen Stunden offen, und einer meiner Hausgenossen ist immer gegenwärtig, um den Liebhabern die Bücher, worin sie lesen wollen, hervorzulangen, und wenn der Saal geschlossen wird, wieder an ihren Ort zu legen. Dieses Museon kostet mich vielleicht den vierten teil des baaren Geldes, das mein Oheim mir hinterlassen hat: aber wer mit so weniger Mühe zu einem beträchtlichen Vermögen kommt, hat, meiner Meinung nach, eine besondere Obliegenheit auf sich, es auf eine edle und gemeinnützliche Art zu verwenden.

Auf den Fall, lieber Eurybates, dass dir dieser vielleicht allzu weitläufige Bericht über einen so wenig bedeutenden Gegenstand, als mein kleines Cyrenisches Ich ist, etwas lange Weile gemacht haben sollte, ist es nicht mehr als billig, dass ich dich mit einer kurzweiligen Zugabe dafür entschädige.

Hättest du dir wohl einfallen lassen, dass der Abderit Onokradias (der zu unvergesslich ist, als dass du dich nicht erinnern solltest, ihn mehrmals bei mir und bei dir selbst gesehen zu haben) meiner person einen so grossen Geschmack abgewonnen haben könnte, um mich bis in Cyrene aufzusuchen? Das Eigentliche an der Sache ist: dass er, da er jetzt auf seiner grossen Reise begriffen ist, und, von Aegypten aus, den Tempel des Jupiter Ammon besucht hat, "nicht umhin konnte (wie er sagt) einen Abstecher nach Cyrene zu machen, um seinen Freund und gönner Aristipp zu besuchen," und ihm seine Dankbarkeit dafür zu bezeugen, dass er ihn zu Atenseinen Tischgesellschaftern so oft zum Besten gab. Dem sei wie ihm wolle, genug, an einem schönen Morgen, da ich mich eher alles andern versehen hätte, kommt der hoffnungsvolle Sohn Onolaus des Zweiten auf mich zugerennt, und erdrückt mich beinahe in seinen Herculischen Armen. Es gab (wie du denken kannst