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. Diesem zufolge setzen sich die meisten, sobald sie durch Erwerb oder gutes Glück zu Vermögen gekommen sind, auf den Fuss von ihren Renten zu leben, oder doch ihr Gewerbe nur so weit fortzuführen, dass sie von dem Ertrag gemächlich und angenehm leben können, und glauben alles getan zu haben, wenn sie sich so weit einschränken dass sie nicht merklich ärmer werden. Häufige Erfahrungen sollten sie längst belehrt haben, dass diess eben der geradeste Weg immer ärmer zu werden sei: aber der Cyrener (ich rede von den meisten) hat über diesen Punkt weder Augen noch Ohren, so stark scheint der Einfluss unsers üppigen, zu Trägheit und Wollust geneigt machenden Himmelsstrichs zu sein, von welchem es schwer und vielleicht unmöglich ist, sich gänzlich frei zu erhalten. Ich finde daher an unsrer dermaligen Regierung lobenswürdig, dass sie diesen Temperamentsfehler unsers Volkes nicht bloss durch vielfältige Aufmunterungen des Fleisses und Unternehmungsgeistes zu verbessern sucht, sondern sich auch angelegen sein lässt, den Geschmack unsrer Bürger zu veredeln, und ihnen neue und reinere Quellen des Vergnügens zu eröffnen, als sie bisher gekannt hatten. Ich wurde bei meiner Hierherkunft nicht wenig überrascht (denn Kleonidas hatte mir absichtlich ein geheimnis daraus gemacht), ein Teater und ein Odeon in Cyrene zu finden, und beide schon so wohl eingerichtet, dass (mit deiner erlaubnis, Eurybates!) Aten selbst kaum bessere Schauspieler, Sänger und andre Tonkünstler aufzuweisen hat. Das letztere haben wir dem Eifer zu danken, womit Kleonidas (dem die Aufsicht über diese neuen Stiftungen aufgetragen ist) seit einigen Jahren sich bemüht hat, geschickte Künstler in beiden Fächern aus dem Asiatischen Griechenlande nach Cyrene zu lokken. Die Musik, in der weitesten Bedeutung des Wortes, ist nun auch bei uns ein wesentlicher teil der Erziehung der Kinder, und unsre Cyrener gewinnen unvermerkt allen Musenkünsten immer mehr Geschmack ab. Man hört schon in mehrern reichen Häusern bei grossen Gastmählern, statt bezahlter Lustigmacher, einen geschickten Zögling des berühmten Ions Homerische Rhapsodien singen, und mein Bruder tut sich nicht wenig darauf zu gut, den besten Vorleser in ganz Cyrene in seinen Diensten zu haben.

Ich traue dir zu viel Weltbürgersinn zu, mein edler Freund, als dass ich besorgen sollte, du werdest ein "Attisches Gesicht" dazu machen, dass Cyrene, die an Grösse und Bevölkerung der weltgepriesenen Minervenstadt wenig nachgibt, sich zu beeifern anfängt, ihr auch in der Liebe zu den Künsten die das Leben verschönern, wiewohl noch mit ungleichen Schritten, nachzufolgen. Unser Staat ist nicht so reich als der eurige; wir haben keine Inseln, die uns das eiserne Capital eines drückenden Schutzes mit zwölfhundert Talenten jährlich verzinsen müssen143, und keinen Schatz zu Delos144, den wir angreifen könnten, um unsre Stadt zu verschönern, und unsre Bürger durch prächtige Feste und kostbare Lustbarkeiten bei guter Laune zu erhalten. Unsre Republik hat sich also begnügt, die beiden öffentlichen Gebäude, worin die Musen ihr Wesen bei uns haben, aufführen zu lassen, und jährliche Preise für diejenigen zu stiften, denen die öffentliche Meinung in den Wettstreiten, wozu am Feste der Cyrene145 die verschiedenen Musenkünstler zusammen kommen, den Sieg zuerkannt hat. Alle Unkosten unsrer Schauspiele hingegen werden mittelst einer mässigen Abgabe, die von den Zuschauern erhoben wird, bestritten. Denn anstatt den Bürgern das Schauspielgeld aus dem öffentlichen Schatze zu reichen, wie bei euch, finden wir billig, dass wer an dergleichen Unterhaltungen Anteil haben will, auch das Seinige zu ihrer Unterstützung beitrage.

Dass wir, seitdem wir ein Teater und ein Odeon besitzen, gute Hoffnung haben, auch Dichter und Dichterlinge aus unserm eigenen Grund und Boden aufschiessen zu sehen, wirst du sehr natürlich finden. Die ersten Versuche, die von zwei oder drei jungen Cyrenern in der tragischen Kunst gemacht worden sind, haben freilich die Tragödien von Sophokles, Euripides und Agaton noch nicht entbehrlich machen können: aber in der Komödie hat sich Kleonidas mit gegründetem Beifall versucht, und (wenn mich meine Liebe zu ihm nicht sehr verblendet) Aristophanischen Witz mit der Sittlichkeit der Komödien des Epicharmus zu verbinden gewusst.

Die Komödien euers Kratinus, Eupolis und Aristophanes sind so sehr für Aten und die niedrigsten Classen euers suveränen Pöbels, und überdiess grösstenteils für die Zeitpunkte ihrer Aufführung berechnet, dass sie, wofern auch sonst nichts Erhebliches gegen sie einzuwenden wäre, dennoch bloss aus der Ursache, weil sie unserm Volk unverständlich sein würden, nicht auf unsern Schauplatz gebracht werden könnten. Jedes Volk, das Komödien haben will, muss seine eigenen haben. Die eurigen passen sehr gut für Aten, aber auch nur für Aten, und sogar nur für Aten wie es in den vierzig Jahren zwischen der sechsundachtzigsten und sechsundneunzigsten Olympiade war. Wir haben keinen Demos, keinen Senat, keine Volksredner und Kriegsobersten, die man lächerlich machen könnte; unser Volk nimmt keinen unmittelbaren Anteil an der Regierung, und hat Ursache mit seinen Vorstehern zufrieden zu sein; und wenn diese auch der satyrischen Geissel einige Blössen gäben, so würde keinem komischen Dichter gestattet werden, sich öffentlich und in Einer person zu ihrem Ankläger, Richter und Büttel aufzuwerfen. Eine Demokratie, wie die eurige war, kann ihre Ursachen gehabt haben, den Komödienschreibern eine Art von stillschweigender Vollmacht zu Handhabung einer beinahe unumschränkten Censur zu erteilen; und eure Regierung hatte die ihrigen, sich, so lange sie es nicht ändern konnte, leidentlich dabei zu verhalten; aber diese Ursachen konnten nur im Attischen Aten stattfinden, und haben auch dort zum teil bereits aufgehört. Wir Cyrener werden also entweder ohne