1800_Wieland_111_223.txt

Hand einer Freundin mit Freundschaft anzunehmen. Ihr werdet ein wenig erschrecken; aber ich bin so reich an solchem Spielzeug, dass ihr euch des Wertes halben kein Bedenken machen müsst. Die Perlen sind an wasser, Grösse und Rundung eine wie die andere; ihr braucht sie also bloss zu zählen, um euch schwesterlich darein zu teilen. Wem das Kistchen bleiben soll, lasst gerad oder ungerad entscheiden.

48.

Aristipp an Eurybates.

Mir kommt wohl, lieber Eurybates, dass ich nicht so starkglaubig bin als der weise und tapfere Xenophon; denn, trotz meinem erklärten Unglauben an Zeichen und Wunderdinge, Dämonen, Empusen und an die Gotteit des Nordwindes, wandelt mich doch zuweilen eine Versuchung an, die Hälfte meiner Habe ins Meer zu werfen, um die griesgrämische Göttin Ate zu versöhnen, die nicht leiden kann wenn ein Sterblicher gar zu glücklich ist. Wirklich scheint es, die Götter wollen mich auf die probe stellen, ob ich Stärke genug habe, bei so vielen Versuchungen zu Ueppigkeit und Uebermut der Sokratischen Sophrosyne getreu zu bleiben, und im Genuss des Guten, womit sie mich überschüttet haben, mein Gemüt frei genug zu erhalten, um nicht aus der gehörigen Fassung zu kommen, wenn sich's etwa einst an einem grauen Morgen finden sollte, dass alles, wie ein Zaubergastmahl, wieder verschwunden wäre. – Doch, dieser Gedanke selbst sieht mir so ziemlich einer Eingebung der schelsüchtigen Göttin gleich. Denn was für eine Weisheit wäre das, die ihr Gefühl für das gegenwärtige Gute abstumpfen müsste, um sich zum voraus gegen künftige Uebel unempfindlich zu machen! Die meinige ist die Kunst in guten und bösen Tagen meines Daseins so froh zu werden, und so wenig zu leiden, als mir möglich ist. Ich betrachte Vergnügen und Schmerz als einen von der natur gegebenen rohen Stoff, den ich zu bearbeiten habe; die Kunst ist, jenem die schönste, diesem die erträglichste Form zu geben; jenes zu reinigen, zu veredeln, zu erhöhen; diesen, wenn er nicht gänzlich zu stillen ist, wenigstens zu besänftigen, ja (was in manchen Fällen angeht) sogar zu Vergnügen umzuschaffen.

Antipater hat dich ohne Zweifel schon benachrichtigst, dass ich durch meine Vermählung mit der Schwester meines Freundes Kleonidas meinem neuen Bürgerleben in Cyrene die Krone aufgesetzt habe. Ich hätte grosse Lust dir recht viel davon zu sagen, wie glücklich mich diese Verbindung macht; aber mir ist, mein Dämonion zupfe mich beim Ohr und flüstre mir zu: ein Mann, der eine Art von Liebhaber seines Weibes ist, müsse der Versuchung von ihr zu reden mit allen Kräften widerstehen, weil er immer Gefahr läuft, aus Furcht zu wenig zu sagen, mehr zu sagen als einem weisen mann ziemt. Auf alle Fälle kann es niemand leichter sein, sich an meinen Platz zu stellen, als dir, der so gut aus eigener Erfahrung weiss, was häusliche Glückseligkeit ist.

Ein Grosses trägt zu Erhöhung der meinigen die schöne Harmonie und Herzlichkeit bei, die zwischen mir, meinen Brüdern Aristagoras und Kleonidas, und zwischen unsern Hausfrauen herrscht, welche letzteren sämmtlich eine starke Ausnahme von dem harten Urteil verdienen, das unsre Freundin Lais über die Griechischen Matronen zu fällen pflegt. In der Tat machen wir nur eine einzige Familie aus, und ausser den Tagen, wo wir uns den Einladungen zu grossen Gastmählern nicht entziehen können oder selbst dergleichen geben, bringen wir die Abende meistens unter uns, bald bei meinem Bruder, bald bei mir oder Kleonidas zu; und ein Fremder muss sehr hoch in unsrer Gunst stehen, der zu diesen traulichen Symposien zugelassen wird. Bei diesen letzteren sind die Frauen immer gegenwärtig; ohne sie würden wir nur mit halbem Mute fröhlich sein können; denn sie sind uns so unentbehrlich als Pindars Grazien den Göttern; nichts däucht uns wohlgetan, was nicht durch ihre hände geht, nichts angenehm, woran sie nicht teil nehmen. Die Cyrenische Sitte, welche den Frauen mehr Freiheit zugesteht als die eurige, und sie von keiner Gesellschaft unter Verwandten und Freunden ausschliesst, kommt uns zwar hierin zu Statten; wir würden es aber, wenigstens unter uns, zur Sitte machen, wenn es nicht schon etwas Gewöhnliches wäre.

Ueberhaupt kenne ich, Milet vielleicht allein ausgenommen, keine Griechische Stadt, worin man so ruhig, zwangfrei und behäglich leben könnte als in Cyrene, seitdem die neue Verfassung Wurzel geschlagen, und alles Unkraut des Misstrauens und des Parteigeistes, vor welchem ehmals nichts Gutes bei uns aufkommen konnte, in kurzer Zeit gänzlich erstickt hat. Die Cyrener, wenn sie nicht von irgend einem bösen Dämon aus ihrem natürlichen Charakter herausgeworfen werden, sind ein fröhliches, gutartiges Volk; und dass es ihnen an Kunstfleiss und Betriebsamkeit nicht fehlt, zeigt der blühende Zustand der Fabriken, der Handelschaft und Schifffahrt, welche seit einigen Jahren in immer steigendem Aufnehmen sind, wiewohl wir hierin immer hinter Korint, Syrakus, Milet und Rhodus zurückbleiben werden. Meine Mitbürger scheinen diesen Nachstand ohne Eifersucht anzusehen; dafür aber würden sie sich sehr beschämt finden, wenn sie in der Kunst gut zu essen und überhaupt in allem, was zum Gemächlichleben und zur angenehmsten Befriedigung der Sinnlichkeit dient, von irgend einem volk übertroffen würden. Sie nennen diess gut leben, und gehen darin von dem Grundsatz aus: das menschliche Leben sei so kurz und ungewiss, dass es grosse Torheit wäre, sich den gegenwärtigen möglichsten Genuss desselben zu entziehen, um desto mehr Vorrat für eine Zukunft aufzuhäufen, die der Sparer und Sammler vielleicht nie erleben werde