1800_Wieland_111_222.txt

auf den Knieen hatte, den Kopf Aristipps (nach einer Zeichnung, die mein Mann ehmals von ihm gemacht hat) und überzog ihn, nachdem er trokken geworden war, mit einer leichten Kreidenfarbe, so dass Kleonidas keine Veränderung gewahr wurde, und das Gemälde mit zwei oder drei andern von seiner Arbeit an Aristippen nach Aten abgehen liess. Dieses Gemälde hängt jetzt in Aristipps Cabinet, einem Ruhebettchen gegenüber, und ist, weil es Kleonen zum Sprechen gleicht, sein Lieblingsstück. drei oder vier Wochen nach ihrer Vermählung kommen sie von ungefähr vor diesem Bilde zusammen, und Aristipp hat seine Freude dran, es Zug vor Zug mit der gegenwärtigen Kleone zu vergleichen. Das vermutest du wohl nicht, Aristipp, sagt sie lächelnd, dass dieses Bild eine Liebeserklärung ist? – "Wie so, Kleone?" – Statt der Antwort ging sie, holte einen wollenen Lappen, wischte die trocknen Farben auf dem Täfelchen, das sie auf den Knien hat, weg, und siehe! – da kommt Aristipps Kopf, so wohl getroffen dass er sich unmöglich misskennen kann, zum Vorschein, und zeigt sich als den Gegenstand der gefühlvollen Miene, womit die junge Malerin ihn zu betrachten scheint. Hätte sie Aristippen auf eine angenehmere Art überraschen können als mit einem so schmeichelhaften Bekenntniss?

Vergib mir, beste Lais, eine Plauderhaftigkeit, worein man so leicht verfällt, wenn man von geliebten Personen spricht. Ich kann eben so wenig fertig werden, wenn ich Kleonen von dir spreche; von dir, in welcher Aristipp und Kleonidas, jener durch Beschreibung, dieser durch die Darstellung selbst, sie das herrlichste aller lebenden Bilder der Göttin der Schönheit und ihrer Grazien kennen und verehren gelehrt haben. Unter uns gesagt, liebe Lais, das einzige Bild in Kleonens Cabinet, ebenfalls dem Ruhebette gegen über, ist das deinige, ohne dein Wissen (denke ich) von Kleonidas nach der Bildsäule des Skopas (aber mit Farben, versteht sich) gemalt. Sie hat sich's ausdrücklich von Aristippen ausgebeten.

47.

Lais an Musarion.

Du schreibst schöner, liebe Musarion, als du dir's einbildest. Lysias und Isokrates hätten mich mit aller ihrer Beredsamkeit nicht so gut überzeugen können, dass du glücklich bist, als ich es fühle, indem ich deinen Brief lese, wiewohl darin beinahe gar nicht von dir selbst die Rede ist. Du, meine Musarion, du, die ich immer wie meine leibliche Schwester liebte, und, wie schmerzlich mir auch unsere Trennung war, nur darum bis nach Cyrene von mir ziehen liess, weil ich glaubte, dass du mit keinem andern mann glücklicher sein könntest als mit Kleonidas, du bist was ich wollte dass du sein solltest; Kleonidas und Aristipp sind es nicht weniger; und wohl mir, dass die Götter, die mich unfähig machten in mir selbst glücklich zu sein, mir zum Ersatz die Freude an der Glückseligkeit meiner Freunde gaben!

Ich kenne keinen Mann, den ich mehr hätte lieben können als Aristippen, wenn ich dieser Liebe, die du so schön beschreibst, die nicht wie Liebe aussieht und doch so sehr Liebe ist, fähig genug wäre, um das für ihn zu sein was ihm Kleone unfehlbar sein wird. Es wäre eine lächerliche Demut, wenn ich läugnen wollte, dass ich die Kunst, glücklich zu machen welchen ich will, ziemlich gut verstehe, und dass die natur mich an den meisten Gaben, die dazu nötig sind, nicht verkürzt hat; auch gestehe ich, das Vergnügen einen Mann, der es wert ist, durch mich glücklich zu sehen, kann mich auf kurze Zeit in die angenehme Täuschung versetzen, als ob ich es gleichfalls sei. Aber dass beides, das Glück das ich gebe, und was ich dagegen zu empfangen scheine, im grund blosse Täuschung ist, davon sind die wenigen, mit denen ich bisher den Versuch gemacht habe, so gut überzeugt als ich selbst. Ich muss wohl niemands Hälfte sein; wenigstens hab' ich den Mann noch nicht gesehen, mit dem ich mir eine Verbindung auf immer einzugehen getraute, ohne seine und meine Ruhe aufs Spiel zu setzen. Diess wird und muss euch andern wackern Hausfrauen unnatürlich vorkommen; aber es ist nun einmal so mit mir, und ich kann nicht wünschen dass es anders sei. Die natur, die wie eine gute Mutter dafür sorgt, dass keines ihrer Kinder gegen die andern gar zu sehr zu kurz komme, hat es so eingerichtet, dass, wiewohl die Menschen immer klagen und es gern besser hätten, doch niemand sein Ich mit dem eines andern vertauschen möchte. So geht es auch mir; da ich einmal Lais bin, so ergeb' ich mich mit guter Art darein, und danke Kleonen, dass sie mir die sorge, in meinem Freund Aristipp den glücklichsten aller Männer zu sehen, abgenommen hat. Er verdient es zu sein, er ist fähig es zu werden, und dass es ihr gelingen wird, hab' ich von der Stunde an nicht bezweifelt, da ich ihr Bildniss bei Learchen sah; denn ich erkannte auf den ersten blick Aristipps Hälfte in ihr.

Ich werde nicht von Learchen ablassen, bis er mir, um welchen Preis es sei, eine Copei von diesem Bilde schafft, die ich, dem Recht der Wiedervergeltung gemäss, in meinem Cabinet aufstellen kann. Indessen bitte ich sie und dich, liebe Musarion, das Kistchen, so dir mit diesem Briefe zukommen wird, und seinen Inhalt, aus der