dieser ersten Stunde an, scheint, oder ist vielmehr ohne Zweifel, ihr verhältnis zu einander auf immer entschieden. Keine Spur von leidenschaft, nichts dem Aehnliches, was man gewöhnlich Liebe oder Verliebtsein nennt! Wer sie zum erstenmale beisammen sieht, hält sie für Zwillingsgeschwister, die mit einander aufgewachsen sind, und so natürlich zusammengehören, dass man sich keines ohne das andere denken kann. Bei allen Gelegenheiten zeigt sich eine so reine Zusammenstimmung ihrer Gemüter, ihres Geschmacks, ihrer Art die Dinge zu sehen und zu nehmen, dass sie ihre Seelen mit einander vertauschen könnten ohne es gewahr zu werden, oder dass wenigstens die Mannheit und Weibheit den einzigen Unterschied zwischen ihnen zu machen scheint. Natürlicherweise fühlen sie sich also für einander bestimmt, und ohne sich noch ein Wort davon gesagt zu haben, werden in aller Stille die Anstalten zu der Feierlichkeit getroffen, welche sie zu einem der glücklichsten Paare, die sich je zusammen gefunden haben, machen wird. Diess, lieber Antipater, ist das Neueste von Cyrene.
Aristipp sagt uns so viel Gutes von dir, dass wir dich (der kleinen Schäfergeschichte zu Aegina ungeachtet) deiner eigenen Führung getrost überlassen sehen. Du läufst nach einem schönen Ziel, Antipater. Dem Weisen ist nichts Einzelnes klein noch gross. Du bist, indem du dich deinem vaterland widmest, zu keiner schimmernden noch lärmenden Rolle berufen: aber wohl dem Staat, wohl den einzelnen Menschen, denen ihre Lage vergönnt, unbemerkt und unbeneidet glücklich zu sein! Unsere Republik ist dermalen in dieser Lage, und sie darin erhalten zu helfen, ist ein Geschäft, wofür selbst ein Temistokles und Perikles nicht zu gross wäre.
46.
Musarion an Lais.
Ich habe einen Augenblick, aber auch nur einen Augenblick, bei mir angestanden, liebste Freundin, ob ich diesen Brief an dich abgehen lassen sollte: denn wie könnt' ich besorgen, dass Lais in das Herz ihrer liebenden dankbaren Pflegetochter einen Zweifel setzen werde? Gewiss, gewiss macht es dir Freude, wenn ich dir melde, dass ich, die bisher durch meinen, aus deiner Hand erhaltenen Kleonidas die glücklichste der Weiber war, gleichwohl nahe daran bin, durch die Verbindung unsers Aristipps mit der einzigen Schwester meines Mannes, einem sehr liebenswürdigen, guten und talentvollen Mädchen, noch glücklicher zu werden.
Ich glaube nicht, dass ausser Kleonidas und mir selbst jemals zwei so genau zusammenpassende Hälften einander gefunden haben, wie Aristipp und Kleone. Das Schönste dabei ist, dass sie einander so herzlich gut sind und so inniges Wohlgefallen an einander haben, ohne dass man die geringste Spur der brausenden, schwärmerischen und (mit Aristipp zu reden) tragikomischen leidenschaft, die man gewöhnlich Liebe nennt, an ihnen gewahr werden kann. Sie lieben einander, scheint es, wie Leib und Seele; durch ein stilles, tiefes, sympatetisches Gefühl, dass sie zusammen gehören, und nicht ohne einander bestehen können. Welch ein seliges Leben werden diese zwei mit so vielen Vorzügen, jedes in seiner Art, begabte, so edle, so gute Menschen in der günstigen Lage, worein das Glück sie gesetzt hat, zusammen leben! Meine Schwester Kleone besitzt ein sehr hübsches Vermögen, und Aristipp ist (wie du gehört haben wirst) durch die Erbschaft von seinem mütterlichen Oheim einer der wohlhabendsten Bürger von Cyrene geworden. Sie können, bei einer wohlgeordneten Wirtschaft, ohne sich mehr als recht ist einzuschränken, völlig nach ihrem Geschmack und Herzen leben, und werden, dem Genuss nach, reicher sein, als manche andere mit dreimal grösseren Einkünften. Diess, liebste Lais, gilt auch von mir und Kleonidas, ob wir schon nicht so reich sind als Aristipp.
Du weisst nur zu wohl, meine gütige Freundin, dass ich kein Talent zum Schreiben habe. Möchtest du doch, in person gegenwärtig, dich an unserm Glück ergötzen können! Warum müssen Länder und Meere uns trennen, uns, die, dem Gemüte nach, so nahe beisammen sind! Könnte denn das nicht anders sein? – Doch, wenn du nur glücklich bist, sei es immerhin auf deine eigene Weise! Bist du es wirklich, Liebe, so sage mir ein Wort davon und ich bin zufrieden.
Etwas sehr Artiges muss ich dir doch noch erzählen, woraus du dir selbst eine bessere idee von Kleone zu machen wissen wirst, als eine so ungeübte Schreiberin, wie ich, dir geben könnte.
Kleone hat von ihrem Bruder in den vier bis fünf Jahren, seit sie bei uns gelebt hat, sehr artig malen gelernt. Kleonidas behauptet sogar, sie übertreffe ihn noch in der Kunst, einem Bilde gleichsam Seele zu geben, so dass es einen ordentlich anzusprechen scheint; aber das kann ich ihm unmöglich eingestehen. Genug sie malt sehr artig, das sagt jedermann; und so überschlich er sie einst, da sie in einer Gartenlaube allein zu sein glaubte, und an einem kleinen Bilde arbeitete. Kleonidas machte sich unbemerkt wieder fort, ging in sein Arbeitszimmer und setzte sich auf der Stelle hin seine Schwester zu malen, wie er sie in der Gartenlaube gesehen hatte, mit einer kleinen Tafel auf den Knieen und einem Pinsel in der Hand, ein wenig mit dem Oberleib zurückgebogen, als ob sie das, was sie eben gemalt hatte, mit grossem Vergnügen betrachtete. Kleone sollte nichts davon wissen; aber das schlaue Mädchen kam, ich weiss nicht wie, dahinter, stahl sich in Abwesenheit ihres Bruders in sein Zimmer, malte auf das Täfelchen, das sie im Bilde