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die neuern Komödiendichter und ihre Werke äusserte, natürlicherweise mit ins Spiel kam, und dass ich es für meine Schuldigkeit hielt, ihm bei dieser gelegenheit im Namen der ganzen Brüderschaft unsre Dankbarkeit zu beweisen.

I c h . Bei dem allen kann ichverzeihe meiner Freimütigkeit! – nicht anders als beklagen, dass, da es dir nur um ein Zerrbild zu tun war, gerade ein so tugendhafter und ehrwürdiger Mann wie Sokrates seinen Namen und seinen guten Ruf dazu hergeben musste.

E r . Vielleicht kann ich deinen Schmerz durch ein paar kleine Betrachtungen lindern, die auch wohl nebenher zu meiner Rechtfertigung dienen mögen. Ich finde sehr natürlich, dass dir Sokrates, den du erst in seinem sechs oder siebenundsechzigsten Jahre kennen gelernt hast, so ehrwürdig vorkommt. Aber bedenke, dass er seit der Zeit, da ich mir die Freiheit nahm ihn auf die komische Bühne zu stellen, um ganze zweiundzwanzig Jahre älter, weiser und respektabler geworden ist. Man hält einem alten mann manches zu gut, was man ihm vor zwanzig Jahren nicht zu übersehen schuldig war. Damals war man manches noch nicht an ihm gewohnt, und es kleidete ihn vielleicht auch nicht so gut als jetzt. Er trug z.B. die Nase immer höher als andere, schaute über die Leute weg ins Blaue hinaus, beunruhigte jeden, der ihm in den Wurf kam, durch unerwartete kleine fragen, und wenn sich einer in den Antworten, die er ihm treuherzig gab, zuletzt so verfangen hatte dass er sich nicht mehr zu helfen wusste, ging er lachend davon.

I c h . Das tat er, um etwa einen jungen von sophistischem Wind aufgeblasenen Jüngling zum Gefühl seiner Unwissenheit zu bringen. Ich weiss dass ihm dieses Mittel bei verschiedenen gelungen ist. Der schöne Eutydem64 z.B., den er dadurch beinahe zur Verzweiflung brachte, ist jetzt einer seiner eifrigsten und lehrbegierigsten Anhänger.

E r . Das mag sein. Aber dafür gibt es Hundert gegen Einen, denen diese neue Metode, die Leute durch Schrauben und Necken weiser zu machen, nicht ansteht; und ich finde nichts natürlicher, als dass sie ihm den Ruf eines spitzfindigen, einbildischen, streitsüchtigen und beschwerlichen Menschen zuzog. Dazu kam denn noch, dass sein Aeusserliches und der kurze, öfters ziemlich schmutzige Mantel, der gewöhnlich seine ganze Garderobe ausmachte, wenig dazu beitragen konnte, denen die ihn nicht genauer kannten eine grosse Ehrfurcht für seine person einzuflössen. Mit Einem Wort, er gab den Spöttern und Lachern, und das ist so viel als neun Zehnteln unsrer Attischen Autochtonen65, zu vielerlei Blössen, als dass wir Komiker seiner hätten schonen dürfen; und du wirst mir daher auch keinen meiner Kunstverwandten nennen können, der sich nicht bei jeder gelegenheit, mehr oder weniger, über ihn lustig gemacht hätte.

I c h (lachend). Ihr seid in der Tat gefährliche Leute; da ein Sokrates nicht sicher vor euch war, wer darf hoffen eurer Pritsche zu entgehen?

E r . Das soll auch niemand hoffen. Man hört wohl, dass du ein Ausländer bist, Aristipp: du nimmst die Sache gar zu tragisch. Bei uns lachen die Getroffenen oft am lautesten; die meisten stecken ihre Hiebe stillschweigend ein; ja, ich versichre dich, Hyperbolus und seines gleichen wussten es uns sogar Dank, dass wir ihnen eine Art von Celebrität verschafften, und bei unsern Matrosen, Abladern, Sackträgern, Wurstmachern und Salzfischhändlern die Meinung erregten, als ob sie Leute von Bedeutung wären, da ihnen eine Ehre von uns widerfuhr, die gemeiniglich nur einem Perikles, Lamachus, Kleon, Nicias, Alcibiades und andern dieses Schlages erwiesen wurde. Ihr andern Fremden könnt euch nicht vorstellen, wie wenig die Satyre bei uns einem mann, der nicht ohne allen Wert ist, Schaden tut; besonders hat unser Volk seine Freude daran, wenn seinen Günstlingen recht übel von den Komikern mitgespielt wird. Es ist ihnen gesund, denkt mein grillenhafter, griesgrämischer, kindischer alter Kauz von Demos66, es ist ihnen sehr gesund wenn sie die Geissel immer über ihrem rücken schweben sehen; und hab' ich es doch immer in meiner Gewalt sie zu entschädigen, wenn ihnen zu viel geschieht. So wurde z.B. der berüchtigte Kleon, bald darauf nachdem ihn meine Ritter auf eine wirklich grausame und nie erhörte Art misshandelt hatten, zum Oberfeldherrn gegen die Spartaner erwählt: und bedarf es wohl eines stärkern Beweises, wie unschädlich das Salz ist, womit wir unsre Mitbürger zu ihrem eigenen und dem gemeinen Besten reiben, als dass Sokrates seit mehr als fünf Olympiaden ungestört sein Wesen unter uns treibt, und an Ansehn und Ruhm zu Aten, und allentalben wo unsre Sprache gesprochen wird, von Jahr zu Jahr zugenommen hat? Was ihm auch in der Zukunft noch begegnen könnte, immer bleibt gewiss, dass die Wolken keine Schuld daran haben67, da ihm in einer so langen Zeit nicht ein Haar um ihrentwillen gekrümmt wurde.

I c h . Und was könnte denn dem besten aller Menschen, die ich kenne, noch Uebels begegnen? Wohin müsste es mit euch Atenern gekommen sein, wenn das untadeligste Leben, die reinste Tugend, und die grössten Verdienste um seine Mitbürger einem mann von seinen Jahren kein ruhiges und glückliches Ende zusicherten?

E r . Mein guter Aristipp, Unschuld, Tugend und Verdienste schützen weder zu Aten noch irgendwo vor dem Hasse der Bösen, dem guten Willen der Toren, und den Gruben, in die uns unsre eigene Sorglosigkeit fallen