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nie erreichen wird, wenigstens zu kennen, damit man den festen Punkt immer im Auge habe, dem man sich unverwandt zu nähern sucht; und dann, weil Aristipp die scharfen Begriffe und strengen Grundsätze, an welche man sich bei Platon gewöhnt, für ein gutes Mittel hält, sich vor den willkürlichen Ansichten und bloss auf Meinung und Vorteil des Augenblicks gegründeten Vorstellungen, womit die Redner sich gewöhnlich behelfen, zu verwahren, die Redekunst in ihre wahren grenzen einzuschliessen, und zu verhüten, dass sie nicht in leeres Wortgepräng oder hinterlistige Sophistik ausarte. Ich finde diess alles so einleuchtend, dass ich entschlossen bin, meinen gegen Platons Art zu philosophiren gefassten Widerwillen zu überwinden, und den politischen Vorlesungen, die er seit kurzem angefangen hat, um so fleissiger beizuwohnen, da mir Isokrates selbst, vermutlich aus ähnlichen Beweggründen, mit seinem Beispiel vorgeht. Du siehest hieraus, lieber Diogenes, dass diese Beschäftigungen mich noch eine geraume Zeit in Aten zurückhalten werden, ob es schon durch deine und Aristipps Entfernung seinen grössten Reiz für mich verloren hat. Speusipp und Eurybates sind nun beinahe die einzigen, mit denen ich in näherer Verbindung stehe, und bei denen ich manchen angenehmen Abend zubringe. Aus einem Briefe von Learch an Aristipp hat dieser mich ersehen lassen, dass du dir in Korint gefällst, und dass sich die Leute dort ganz artig gegen dich aufführen. Da du, mit aller deiner Misantropie, im Grund' eine gute Seele bist, so zweifle ich nicht, diese Gastfreundlichkeit der Korinter gegen dich, die mir eine sehr gute Meinung von ihnen gibt, werde auch dich immer artiger gegen sie machen. Es käme vielleicht auf ein paar Raupenhäute an, die du noch abzustreifen hättest, so würde Plato selbst einen zweiten Sokrates, gerade so einen, wie wir ihn für unsre Zeit nötig haben, in dir erkennen müssen. Lebe wohl, und gedenke deines Antipaters, wenn dich einmal die Laune einen Brief zu schreiben anwandeln sollte.

43.

Diogenes von Sinope an Antipater.

Meiner Laune halben hättest du schon lang' einen grossen Brief von mir, Antipater, wenn ich nur jedesmal, so oft sie mich ankam, etwas bei der Hand gehabt hätte, worauf und womit man schreiben kann. Endlich bin ich auf einer meiner Lustreisen nach dem Eselsberg so glücklich gewesen, ein ziemliches Stück glatter Baumrinde (die Oreaden mögen wissen von welchem Baume!) zu finden, und einen scharfen Kiesel, womit ich dir diesen Brief so leserlich auf die Rinde zu kratzen beflissen bin, dass du, mittelst einer mässigen Gabe Rätsel zu erraten, so ziemlich mit meinem Geschreibe zu rand kommen wirst.

Die Korinter haben mich bisher nach meiner Weise leben lassen, das muss ich ihnen nachrühmen; doch käm' es nur auf mich an, nach der ihrigen zu leben; d.i. mich alle Tage mit den leckersten Schüsseln anzufüllen und in den köstlichsten Weinen zu betrinken, wenn ich mich von allen begüterten Prassern dieser unermesslich reichen Stadt der Reihe nach einladen lassen wollte, um ihnen die Ausgabe für die Lustigmacher zu ersparen, deren sie gewöhnlich einen oder zwei bei ihren Schmäusen anstellen, um für baare Bezahlung durch witzige und unwitzige Possen den Gästen verdauen zu helfen. Wie lange sie oder ich es aushalten würden, ist ihr geringster Kummer.

Du wirst schon gehört haben, dass Lais, von ihrem Centauren bis an die Gränze des Istmus begleitet, wohlbehalten aus Tessalien zurückgekommen ist. Aber was du schwerlich gehört hastich wollte dir's wohl ins Ohr sagenwenn's nur nicht einer gar zu unglaublichen Prahlerei ähnlich sähe. Und doch geschehen Dinge in der Welt (sagen unsre alten Nestorn) die der tollste Poet nicht zu erdichten wagen würde, noch, ohne für einen Stümper in seiner Kunst gehalten zu werden, wagen dürfte. Bilde dir ein, dass mir so etwas mit der schönen Lais begegnet sei,142 und lass übrigens diese Sache, so wie das sonderbare Briefchen der Dame, das ich dir hier zu meiner Rechtfertigung mitteile, ein so heiliges geheimnis sein, als ob es dir von dem Hierophanten zu Eleusis mitgeteilt wäre.

44.

Lais an Diogenes von Sinope.

Das war ein wunderliches Ereigniss, das sich zwischen uns begeben hat, meinst du nicht, Diogenes? Eines von denen, die einen weisen Mann an seinen eigenen Sinnen irre machen, und das du hoffentlich nur geträumt zu haben glaubst. – Wie? was unter allen diesen stolzen, reichen, schönen und schimmernden Abkömmlingen von Göttersöhnen, die du täglich bei mir ein- und ausgehen siehst, in mehreren Jahren auch nicht Einer um keinen Preis erhalten konnte, sollte Diogenes, der Cyniker, binnen wenigen Wochen, ohne alle Mühe und Arbeit, durch blosse Laune des Zufalls oder Gunst eines schwachen Augenblicks erschlichen haben? Welche Wahrscheinlichkeit? – Gleichwohl geschehen auch unwahrscheinliche Dinge, und da das Geschehene am Ende doch immer unter die natürlichen Dinge gehört, so lass uns wie ein Paar verständige Personen mit einander darüber philosophiren.

Du bist, mit aller deiner Unverschämteit, ein Mann, der sich nicht mehr dünkt als er ist, und mich kennst du bereits genug, um dich nicht zu verwundern, dass ich unter deiner rauhen struppichten Hülle das feine Gefühl sehr bald ausfindig gemacht habe, das du darunter zu verbergen suchst. Du kannst von mir nicht schlecht denken. So wenig du dich für einen Nireus oder Phaon halten kannst, so wenig kann es dir einfallen, dass Lais von deinen breiten Schultern