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darauf freut, dich künftig auf immer bei uns festgehalten zu sehen.

Das Gut wirft wegen seiner Nähe an der Stadt jährlich über zwei Talente ab, das Haus ist eines der besten in Cyrene, und, wie mir dein Bruder sagt, so kommen von dem übrigen Nachlass wenigstens vierzig Talente auf deinen Anteil. Du wirst also auf einen hübschen Fuss in deiner Vaterstadt leben, und (was mir vorzüglich Freude macht) uns deine Sokratische Philosophie und deinen eigenen Geist unentgeltlich zum Besten geben können. Das Glück tut äusserst selten so viel für Männer deines Schlages; du bist weise genug, dass du es entbehren konntest; aber Sokrates selbst hätt' es schwerlich von sich gestossen, wenn es ihm so ungesucht in die arme gelaufen wäre.

Musarion ist beinahe ein wenig ausgelassen vor Freude, und wirkt und webt und stickt mit ihren Mägden über Hals und Kopf, um ihre kleinen Amorinen auf deine Ankunft recht herauszuputzen. Auch Kleone nimmt ihren Anteil an unserm Vergnügen, und scheint kaum der persönlichen Bekanntschaft zu bedürfen, um eine so gute Meinung von dir zu hegen, als einem viel eitleren Mann als du bist genügen könnte. In der Tat kennt sie dich, da sie alle deine Briefe an mich gelesen und wieder gelesen hat, bereits so gut, dass ihre Phantasie nur sehr wenig von der kleinen Parteilichkeit, für dich zu verantworten hat, deren sie zuweilen im Scherz von Musarion und mir beschuldiget wird.

Deine Neugier, ob das Bildniss, woran sie in dem Gemälde zu arbeiten scheint, einen Freund oder eine Freundin vorstelle, hätte mich beinahe vergessen gemacht, dass Kleone nicht weiss dass ich sie gemalt habe, geschweige dass du im Besitz dieses Bildes bist. Du siehest leicht, dass beides ein geheimnis vor ihr bleiben muss, wenn sie in ihrer ganzen holden Unbefangenheit vor dir erscheinen soll. Uebrigens muss ich dir sagen, dass die nachdenkliche und teilnehmende Miene, die dir an ihrem Bilde aufgefallen zu sein scheint, der gewöhnliche Ausdruck ihres Gesichtes ist, und eigentlich nichts weiter sagt, als dass sie sich immer in einem Zustande von Besonnenheit und reiner Zusammenstimmung mit der ganzen natur befindet. Sie ist immer in sich selbst ruhend, aber immer bereit sich mit andern zu freuen oder zu betrüben. Ich kann mich nicht erinnern, sie jemals weder gleichgültig noch in leidenschaft gesehen zu haben. Sie ist nichts weniger als zurückhaltend, und ich bin ihres Zutrauens zu mir so gewiss, dass ich es für unmöglich halte, dass sie irgend eine Neigung in ihrem Herzen nähren sollte, die sie vor mir oder Musarion verheimlichen müsste. Auf alle Fälle rate ich dir indessen auf deiner Hut zu sein. Denn wenn du sie in einem spangenhohen Bilde schon so anziehend findest, was wird es erst sein, wenn du sie selbst in Lebensgrösse siehest, und die Musik der Peito hörest die auf ihren Lippen sitzt?

Dein edler Bruder, dem es an Zeit fehlt, dir selbst zu schreiben, ersucht mich dir zu melden, er habe alle Verfügungen getroffen, dass du bei deiner Ankunft, wenn sie auch so bald erfolgt als wir wünschen, deine beiden Häuser zu deinem Empfang bereit und ausgeschmückt finden werdest.

42.

Antipater an Diogenes.

Anstatt Aristippen mit diesem Briefe an dich zu belästigen, würde ich ihn selbst nach Korint begleitet haben, wenn meine rhetorischen Uebungen bei Isokrates mich nicht an die Minervenstadt fesselten.

Du wirst aus seinem eignen mund vernehmen, dass er bloss nach Korint gekommen ist, um von seinem und deinem Freund Learchus Abschied zu nehmen, und nach unsrer glücklichen Vaterstadt zurückzukehren, wohin ich mir nicht eher erlauben werde ihm zu folgen, bis ich mir bewusst bin, die Ausbildung unter den Griechen erhalten zu haben, die mich am geschicktesten machen kann, meinen Mitbürgern einst in öffentlichen Geschäften nützlich zu sein. Diejenige Gattung von Beredsamkeit, worin Isokrates alle seine Mitwerber hinter sich lässt, die Kunst das Vertrauen und die Beistimmung der Zuhörenden mehr durch klare, leicht fassliche und zierliche Entwicklung der Sache zu gewinnen, als ihrer Einbildungskraft durch ein magisches Farbenspiel und eine künstlich verfälschende Beleuchtung nachzustellen, oder die Gemüter durch einen Strom von Bildern, Redefiguren und leidenschaftlichen Ergiessungen mit sich fortzureissenich sage, diese Gattung von Beredsamkeit, der es mehr um Wahrheit als Schein, mehr um Ueberredung als Ueberwältigung, aber weniger um Ueberredung als überzeugung des Zuhörers zu tun ist, scheint für Republiken wie Cyrene ganz eigentlich gemacht, aber auch ein unnachlässliches Erforderniss zu einem Staatsmann in solchen Republiken zu sein. In dieser Rücksicht ist vielleicht Isokrates selbst noch zu Attisch; ich meine damit, er lässt sich von der angebornen Redseligkeit der Atener und ihrem leidenschaftlichen Hang zum Schönsprechen, natürlicherweise also von der Begierde auf diesem Wege zu gefallen, und seine Mitbürger durch schöne Bilder, zierliche Gegensätze, ausgesuchte Worte, und künstlich gedrechselte, dem Ohr schmeichelnde Perioden zu bezaubern, vielleicht mehr beherrschen als er sollte. Wenigstens möchte' ich ihn, wie viel auch in der Kunst von ihm zu lernen ist, nicht ohne Einschränkung zu meinem Muster nehmen, wenn ich einst in Cyrene öffentlich zu reden haben werde. Aristipp hat mich daher aufgemuntert, auch Platons Schule fleissiger zu besuchen als ich bisher getan habe. Er ist der Meinung, Platons Unterricht über Gesetzgebung und Staatsverwaltungwiewohl er auch in diesem Fach alles auf idealische Vollkommenheit hinaufschraubt, könnte mir doch einen zwiefachen Nutzen schaffen: einmal, insofern es gut und sogar nötig ist, das Höchste, wornach man streben soll, wenn man es gleich