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, dass er sich so bald keine Hoffnung zu einer Schwimmpartie nach Psyttalia mit unserm neuen Schutzverwandten zu machen hat, und dass er selbst zu uns wird herüber schwimmen müssen, wenn er sehen will, wie gut die Istmische Luft seinem Freunde zuschlägt.

40.

Aristipp an Kleonidas.

Wenn deine Absicht war, mich mit den Gemälden, die ich durch den Schiffer Xantus erhielt, wie mit unwiderstehlichen Zauberketten nach Cyrene zurück zu ziehen, so schwör' ich dir zu, dass du sie völlig erreicht hast. Sie haben die Erinnerungen an dich und deine Musarion so lebendig in mir aufgefrischt, dass alle meine andern Gedanken vor ihnen verlöschen, und alles, was ich um mich her sehe, mir schal und ungeniessbar wird. Oft möchte' ich auf deine Kunst zürnen, dass die Zaubrerin, die dem blossen gefärbten Schatten so viel Lebenähnliches geben konnte, ihnen nicht auch das, was zum Leben noch fehlt, zu geben vermochte; dass ich die Rede, die auf den Lippen deines Bildes zu schweben scheint, nicht mit meinen Ohren höre, und der Freund, den ich an meine Brust drücken will, ein blosses Blendwerk ist. unwillig reiss' ich mich dann von diesen Bildern los, bei denen ich oft Stunden lang verweile, und kehre doch immer wieder zurück, als ob ich hoffte sie nun lebendiger zu finden. Kurz, lieber Kleonidas, dein Geschenk hat meine Weisheit aus dem Gleichgewicht, worauf ich sonst immer ein wenig gross zu tun pflegte, herausgehoben, und ich sehe wohl, mir ist nicht anders zu helfen, als dass ich meine hiesigen Geschäfte so schleunig als möglich zu Ende bringe, ein eigenes Jachtschiff miete, und mit dem ersten besten Nordwestwind nach dem land zurückfliege, das meine Liebe zu euch, weit mehr als das Ungefähr der Geburt, zu meinem wahren vaterland macht.

Das holde Familienbild und die liebliche junge Malerin haben mich zwar nicht blind gegen die Reize deiner Psyche gemacht, aber doch so viel bewirkt, dass ich mich zu Gunsten meines Korintischen Freundes Learchus leichter von ihr trennen konnte, der sie zu besitzen verdient, und ganz glücklich dadurch ist. Die dreitausend Drachmen, die du gegen seine Anweisung ausgezahlt erhalten wirst, sind der Preis, den er selbst dafür bestimmt hat. Da er die Bilder als Geschenk nie angenommen haben würde, so hielt ich für das schicklichste, ihm die Schätzung derselben anheimzustellen: und ich finde dass er sich, ohne zu viel zu tun, auf eine edle Art aus der Sache gezogen hat. Er hat wirklich Sinn für ächte Kunst; und überdiess schmeichelt es seinem Stolze, dass er (Lais allein ausgenommen) der einzige in Griechenland ist, der etwas von deiner Hand aufweisen kann.

Dass mir die beiden Stücke, die ich für mich behalte, zu heilig sind um in meiner Galerie aufgestellt zu werden, trauest du mir zu ohne dass ich es sage. Antipater ist der einzige, der das Familienbild gesehen hat; aber ihm auch die Malerin sehen zu lassen, kann ich nicht über mich gewinnen. Sie steht in meinem Schlafzimmer, in einem Schranke verborgen, der, seitdem er dieses Kleinod verwahrt, täglich so oft aufgeschlossen wird, dass du über meine Kinderei lachen würdest, wenn ich dir sagte wie oft. Mich dünkt die Kunst hat noch nichts Vollendeter's hervorgebracht als dieses kleine Bild. Vollendetja, das ist esaber ich habe dir doch nicht das rechte Wort gesagt; nichts Anziehender's, wollt' ich sagenwas hielt mich zurück? – Ist mein Vorwitz zu wissen, wer der glückliche ist, mit dessen Zügen die liebenswürdige Kleone sich so teilnehmend beschäftigt, unbescheiden, so lass dein Stillschweigen meine Strafe sein.

Ich lege diesem Brief eine Abschrift dessen bei, den ich von Learchen über die Gemälde erhalten habe; vornehmlich, weil er uns Nachricht von unsrer reisenden Circe gibt, die den Tessalischen Zaubrerinnen zeigt, dass sie in ihrer eigenen Kunst, gegen eine Meisterin wie sie, nur Pfuscherinnen sind.

41.

Kleonidas an Aristipp.

Wenn unsre Freunde oder Verwandten in einem lebenssatten Alter ohne Reue, indem sie ins Vergangene, ohne Kummer, wenn sie vorwärts blicken, die Welt verlassen, so sollte der Gedanke, dass wir nie hoffen konnten sie von dem allgemeinen Loose der Menschheit ausgenommen zu sehen, billig zu unsrer Beruhigung hinreichend sein.

Nach dieser kleinen Vorrede, lieber Aristipp, wirst du, wie ich hoffe, die Nachricht, dass dein achtzigjähriger Oheim zu leben aufgehört, und dich nebst deinem Bruder zu einzigen Erben seines ansehnlichen Vermögens eingesetzt hat, bloss als einen Ruf des Schicksals aufnehmen, dein Vorhaben, bald nach Cyrene zurückzukehren, desto bälder auszuführen. Vermöge seines letzten Willens ist dir sein schönes Haus in der Stadt und sein nur wenige Stadien von derselben entferntes Landgut zum voraus vermacht: und dein Bruder, der dich zu gut kennt, um deine Weigerung nicht voraus zu sehen, lässt dir wissen, dass er euerm Oheim sehr ernstlich angelegen habe, dir die ganze Erbschaft zu hinterlassen, und dass er also um so fester über dem Buchstaben des Testaments halten werde, da er durch das grosse Vermögen seiner Frau ohnehin reicher sei, als es einem Bürger eines kleinen Freistaats zustehe.

Nach dieser Erklärung, die dein Bruder bereits öffentlich getan hat, würde es dir als eine blosse Ziererei aufgenommen werden, wenn du dich nicht mit guter Art fügen wolltest; zumal da ganz Cyrene das Benehmen deines Bruders höchlich billiget, und sich