Boden ringen könne. Ich habe der Versuchung nicht widerstehen wollen, die zwei auf einander folgenden Augenblicke, von welchen diess vorzüglich gilt, in den zwei Gemälden darzustellen, die du zugleich mit diesem Brief erhalten wirst. Ich habe ihnen noch zwei andere beigelegt, wovon die Scene in meinem eigenen haus liegt, und die, wie ich gewiss bin, eben dadurch desto mehr Anmutendes für dich haben werden. Jene kannst du, deines Gefallens, entweder für deine kleine Galerie behalten, oder an Learchen abgeben, der (wie ich höre) etwas von mir zu haben wünschet.
In dem kleinen Familienstück ist die Figur, die mich selbst vorstellt, von der Hand meiner Schwester Kleone. Das Mädchen zeigte, nachdem sie einige Zeit in meinem haus gelebt hatte, so viele Lust und Anlage zu meiner Lieblingskunst, dass ich nicht umhin konnte ihr einige Anleitung zu geben. Sie hat bereits ziemliche Fortschritte gemacht, und ist, wie du siehest, auf gutem Wege, ihrem Lehrmeister gerade darin, worin er sich etwas geleistet zu haben schmeichelt, den Rang abzugewinnen. Sie war eben in Musarions Kinderstube mit einer kleinen Arbeit beschäftigt, als mich der Zufall mit dem süssen Anblick begünstigte, den ich in diesem Gemälde, wenigstens so lange die Farben aushalten, zu verewigen gesucht habe. Als ich mit der Mutter und den Kindern fertig war, fand die kleine Hexe gelegenheit sich in mein Arbeitszimmer zu schleichen, und, während ich auf ein paar Tage abwesend war, mich selbst der holdseligen Gruppe als einen sehr warmen Anteil nehmenden Zuschauer beizufügen. Aber der Kreter kam an einen Aegineten139, wie das Sprüchwort sagt. Ich überschlich sie dafür wieder, da sie in einer Laube unsers Gartens, allein zu sein meinend, ein Bild, woran sie eben gearbeitet hatte, mit einem Ausdruck, den ich nicht beschreiben kann, den ich aber mit dem Pinsel zu erhaschen suchte, betrachtete. Sie weiss nichts von dem kleinen Streiche, den ich ihr gespielt habe. Ich gestehe dir meine Schwachheit, Aristipp; ich liebe das Mädchen so sehr, dass ich nicht ruhig bin, bis alle meine Freunde wissen, wie liebenswürdig sie ist.
38.
Aristipp an Learchus.
Antipater kann dir's noch nicht vergessen, dass du ihm seinen Freund Diogenes entführt hast. Er besorgt, die Korinter möchten noch leichtfertiger sein als die Atener, und das Schätzbare dieses genialischen Sonderlings vor dem Lächerlichen nicht gewahr werden. Ich hätte sagen sollen er wünscht es heimlich, weil er hofft, ihn desto eher nach Aten zurückkehren zu sehen. Ich glaube das Gegenteil. Die Einwohner grosser Handelsplätze wie Korint, sind so sehr gewohnt, Menschen von allen möglichen Gesichtern, Gestalten und Farben, Trachten, Sitten, Sprachen und Mundarten um sich zu sehen, dass auch der übertriebenste Sonderling ihnen weniger auffallen muss als den Atenern, die alles, was nicht Attisch ist, schon aus diesem Grund allein lächerlich und verächtlich finden.
Du bezeugtest, als du vor einiger Zeit die Gemälde meiner kleinen Halle besahst, grosses Verlangen ein paar Stücke von meinem Freunde Kleonidas (dem Maler des sterbenden Sokrates) um jeden Preis, den er darauf setzen wollte, zu besitzen. Ich übersende dir hier zwei, die ich so eben von ihm erhalten habe, und lege ihnen, zu besserm Verständniss ihres Sinnes, die Abschrift eines Milesischen Mährchens bei, welches die schöne Lais verwichnen Frühling einer kleinen bei ihr versammelten Gesellschaft, aus gelegenheit eines Gesprächs über die Liebe, zu erzählen die gefälligkeit hatte. Wenn du es gelesen hast, wirst du, in dem einen dieser Bilder, die von der Furie des Vorwitzes von der Seite ihres noch unbekannten Gemahls weggerissene Psyche – in dem Augenblick, da sie über ihn hergebückt den Gott der Liebe in ihm entdeckt, und vor Entzücken und Schrecken zitternd einen Oeltropfen aus der Lampe in ihrer Hand auf seinen Busen fallen lässt – so wahr und schön dargestellt finden, dass ihm nur das Seitenstück dazu – wo Amor, einen zugleich mitleidigen und zürnenden blick auf die bestürzte und die arme vergebens nach ihm ausstrekkende Psyche werfend, davon fliegt – an Schönheit und Stärke der wirkung zu vergleichen ist. Wenn diese Bilder dir nur halb so wohl gefallen wie mir (sonst hat sie noch niemand hier gesehen), so sind sie um jeden mässigen Preis, den du selbst bestimmen willst, dein. Uebrigens gesteh' ich dir unverhohlen, dass ich mich so leicht nicht von ihnen trennen könnte, wenn ich nicht noch zwei andere Stücke erhalten hätte, die als Kunstwerke jenen nicht nachstehen, aber noch ausserdem einen Wert für mich haben, den sie für keinen andern haben können. Das eine stellt meinen Kleonidas in einem schönen Augenblicke seines häuslichen Glückes vor; das andere ist das Bildniss seiner Schwester, eines lieblichen talentvollen Mädchens von siebzehn Jahren. Sie sitzt unter einer Rosenlaube, mit einer Tafel auf den Knieen, worauf sie das Bild einer person, an welcher sie warmen Anteil nimmt (vermutlich ihres Bruders) zu zeichnen begriffen ist; wiewohl es eben so wohl eine geliebte Freundin sein könnte; denn was es vorstellen soll, ist nur angedeutet als ob es in einem Nebel zerfliesse. Ich habe nie etwas so sanft Anziehendes gesehen als dieses Mädchen; es ist eben so schwer die Augen wieder von ihr abzuwenden, als nicht zu wünschen, dass man derjenige sein möchte, dessen Züge sie nach einem ihrer Seele vorschwebenden Bilde mit Liebe zu copiren scheint.
Wenn du Nachrichten von unsrer wandernden Freundin hast, so wirst