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, bei allem Anschein von Sorglosigkeit, ihren Stolz sehr gut mit ihrem Vorteil, so wie ihr Vergnügen mit ihrem Stolz zu vereinigen, und die Augenblicke, wo das Glück ihr irgend einen fisch, der des Fangens wert ist, ins Garn treibt, mit aller möglichen Gewandteit zu benutzen weiss. Wenigstens ist diess dermalen der Fall mit einem der reichsten Tessalier, der vor kurzem in Aegina erschien, und in wenig Tagen schon Mittel fand, alle seine Mitwerber weit zurück zu drängen. Wirklich hat mir dieser Dioxippus (wie er sich nennt) die Miene, im Notfall alle seine Güter, welche keinen unbeträchtlichen teil der reichsten Gegenden Tessaliens einnehmen, daran zu setzen, um die schönste und stolzeste Hetäre, welche Griechenland je gesehen hat, auf seine Bedingungen zu haben. Ich zweifle nicht, dass sie ihm den Sieg schwer genug machen wird; aber ich zweifle eben so wenig, dass sie schon entschlossen ist sich besiegen zu lassen. Beide scheinen einander bereits auf den Wink zu verstehen. Dioxippus hat ihr den Einfall eine Reise nach Delphi, Larissa, Tempe u.s.f. zu machen, so fein beizubringen gewusst, dass sie sich mit guter Art gegen ihn stellen konnte, als ob es ihr eigener Gedanke wäre. Die Reise ist also beschlossen, und die Anstalten dazu werden mit der grössten Lebhaftigkeit betrieben. Dioxippus wird sie begleiten, und schmeichelt sich (wie er sich sehr bescheiden ausdrückt) sie werde ihm vielleicht die Gnade erweisen, eines seiner Güter in diesen Gegenden mit ihrer Gegenwart zu beglückkseligen. Die getäuschten Raben sind indessen mit leeren Schnäbeln wieder aus einander geflogen, und in drei oder vier Tagen wird die Göttin, mit einem zahlreichen Gefolge von Nymphen, und, sobald sie zu Megara angelangt sein wird von einem Schwarm Tessalischer Reiter umflogen, die Reise nach der heiligen Stadt Delphi antreten.

Ich will lieber gleich freiwillig gestehen, was ich dir doch nur halb verbergen konntedass ich etwas ungehalten auf unsre männerbeherrschende Schöne bin, wiewohl mein Aufentalt zu Aegina diessmal keine absichtliche Beziehung auf sie hatte. Damit ich dir aber die Mühe erspare mich desswegen auszuschalten, bekenne ich auch sogleich, dass mein Missmut ungerecht ist. Oder was für ein Recht könnten wir (ich meine mich und meinesgleichen) haben, Ansprüche an sie zu machen? Ist sie nicht Herr über ihre eigene person? Und wenn ihr auch alle die herrlichen und seltnen Gaben, womit die natur sie ausgestattet, bloss zur Mitteilung verliehen worden wären, wer ist berechtigt ihr vorzuschreiben, wen und wann und in welchem Masse sie durch diese Mitteilung zu begünstigen schuldig sei? Ist nicht das, was sie, durch Gestattung eines freien Zutritts zu ihr, für das gesellschaftliche Leben tut, schon allein unsers grössten Dankes wert? Macht sie nicht einen schönen, edlen und bis zum Uebermass freigebigen Gebrauch von den Reichtümern, die ihr das Glück, das eben so verschwenderisch gegen sie war als die natur, zugeworfen hat? Welche Vorteile zieht nicht Korint, das durch sie gewissermassen zur Hauptstadt von Griechenland wird, bloss davon, dass die schöne Lais es zu ihrem gewöhnlichsten Sitz erwählt hat? Und wie viel hat sie nur allein dadurch, dass sie sich Malern und Bildnern mit so vieler gefälligkeit als Modell darstellt, zu Vervollkommnung der Kunst und zur Verschönerung unsrer Tempel und Galerien beigetragen? – Du siehst, Aristipp, dass meine selbstsüchtige üble Laune mich wenigstens nicht ungerecht und undankbar gegen ihre mannichfaltigen Verdienste macht, und du wirst die Grossmut, womit ich sie gegen mich selbst zu rechtfertigen suche, hoffentlich auch mir für ein kleines Verdienst gelten lassen.

Meine Verrichtungen führen mich von hier nach Salamin, von wo ich dir und der Akademie einen fliegenden Besuch zu machen gedenke. Im Vorübergehen hoff' ich auch den Sonderling Diogenes zu sehen, von welchem mir die hier anwesenden Atener so viel Seltsames erzählt haben, dass ich grosse Lust hätte, ihn den Korintiern als ein neues Wundertier aus Libyen zu zeigen, wenn ich ihn überreden könnte mich zu begleiten. Lebe wohl!

37.

Kleonidas an Aristipp.

Ich danke dir für die Mitteilung deines Antiplatonischen Symposions, worin du ungefähr alles Gute und alles Böse, was sich von dem Meisterstück des Attischen Philosophen sagen lässt, mit nicht geringerer Beobachtung des Schicklichen als er selbst in Verteilung der Rollen bewiesen hat, der damaligen Tischgesellschaft unserer Freundin in den Mund legst. Was du in deinem Brief an Eurybates bescheidener Weise für einen Nachteil deines Gastmahls in Vergleichung mit dem Platonischen ausgibst, dass es nämlich durchaus das Ansehen eines freien, unvorbereiteten, kunst- und anspruchlosen Tischgespräches hat, scheint mir eher ein Vorzug zu sein, auf welchen du, insofern die Kunst (wie ich nicht zweifle) auch an dem deinigen Anteil hat, dir vielmehr etwas zu gute tun könntest. Ausführliche metodische Behandlung und Erschöpfung des Stoffes der Unterredung schickt sich auf keine Weise für ein Gespräch dieser Art; aber desto lobenswürdiger ist es, wenn die redenden Personen, indem sie nur mit leichtem Fuss über den Gegenstand hinzuglitschen scheinen, dennoch alles sagen, was den Zuhörer auf den Grund der Sache blicken lässt, und in den Stand setzt, sich jede Frage, die noch zu tun sein könnte, selbst zu beantworten.

Das Mährchen von Amor und Psyche, womit Lais die Unterredung so sinnig und anmutig schliesst, ist eines von den wenigen, wo die dichterische Darstellung mit der malerischen in Einem Punkte zusammentrifft, und beide Künste, so zu sagen, herausgefordert werden, welche die andere zu