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süssesten aller natürlichen Gefühle, wovon ich mehr als einmal Zeuge war, weckten das Verlangen, auch Vater eines so holdseligen Geschöpfs zu werden, mit solcher Macht in mir auf, dass ich mich nicht entbrechen konnte, mein Anliegen einer jungen Dirne zu entdecken, die ich öfters auf einem an unsern Wald angelehnten Hügel, neben den Schafen die sie hütete, in mädchenhafter Träumerei den Gesang der Waldvögel belauschen sah. Sie gehört dem Eurybates, auf dessen Gute sie geboren ist, an, und schien mir von der natur mit besonderm Wohlgefallen zur Mutter eines kleines Hercules gebildet zu sein. – Es war wirklich hohe Zeit dass ich sie fand: denn ich kann nicht sagen, wie lange ich es noch gegen die Circe dieser Insel ausgehalten hätte, welcher, wenn sie ihre ganze Zaubermacht gebrauchen will, ohne eine solche Gegenanstalt, in die Länge schwerlich zu widerstehen ist. Ich vertraue dir hier etwas, das ich sogar vor Aristipp verberge, wiewohl nur so lange als es vor Lais ein geheimnis bleiben muss. Du begreifst nun, dass ich unter diesen Umständen keiner ausserordentlichen Weisheit noch Festigkeit des Willens nötig habe, um meine HippolytusRolle, während der kurzen Zeit, da wir noch zu Aegina verweilen werden, glücklich fortzuspielen: aber ich will auch in Aristipps Augen, so wenig als in den deinigen, kein grösserer Held scheinen als ich wirklich bin. Der Allherrscherin Lais kann diese kleine Demütigung nicht schaden. Sie ist von einer so grossen Menge von Sklaven und Anbetern aller Art umgeben, dass es für die Ehre unsers Geschlechts allerdings nötig scheint, dass wenigstens Einer sie fühlen lasse, es sei nicht unmöglich die Berührung ihres Zauberstabs unverwandelt auszuhalten.

So eben ist Eurybates auf etliche wenige Tage herüber gekommen. Da er mir sehr gewogen ist, werde ich ihm mein kleines Abenteuer mit der ländlichen Deianira vertrauen, und wegen der Folgen das Nötige mit ihm verabreden.

Aristipp scheint an dem allzugrossen und täglich zunehmenden Gedränge von Fremden, die unsre schöne Wirtin nach Aegina lockt, so wenig Gefallen zu haben, dass er mit Eurybates nach Aten zurückzukehren entschlossen ist. Dass ich ihn begleiten werde, versteht sich von selbst; ich habe die Freuden der natur, der Jugend, und des geselligen Lebens diesen Frühling über lange und rein genug genossen, um mit freier Seele, und sogar mit einiger Ungeduld, zu meinen gewohnten Beschäftigungen zurückzukehren.

35.

Lais an Aristipp.

Veränderung ist die Seele des Lebens, lieber Aristipp. Ich habe mich entschlossen, nach deinem Beispiel ein wenig in der Welt herumzuschwärmen, und für den Anfang unter dem Geleit und Schutz eines mächtigen Tessalischen Zauberers eine Lustreise durch die nördlichen Teile von Griechenland zu machen. Mein Führer nennt sich Dioxippus, und könnte seiner Jugend und Schönheit wegen vielleicht sogar einer trotzigern Tugend, als die meinige ist, gefährlich scheinen, wenn mich nicht der Umstand beruhigte, dass er sein Geschlecht bis in die zeiten von Deukalion und Pyrrha zurückführt, und da er also ohne Zweifel einen der menschgewordenen Steine, durch welche Tessalien nach der grossen Flut wieder bevölkert wurde, zum Stammvater hat, wahrscheinlich noch genug von der ursprünglichen Härte und Unempfindlichkeit desselben geerbt haben wird, um mir mit keiner übermässigen Zärtlichkeit beschwerlich zu fallen. Uebrigens besitzt er, wie man sagt, grosse Güter in der Gegend von Larissa, und es wäre nicht unmöglich, dass es mir wohl genug dort gefiele, um mich zu einem längern Aufentalt bei ihm zu entschliessen; wär' es auch nur, um zu sehen, was ich von den berühmten Zauberkünstlerinnen dieses Landes in ihrem Fache etwa noch lernen könnte.

Mein Hauswesen zu Korint und Aegina ist bestellt. Eine von meinen Korintischen Pflegetöchtern hat Euphranor von mir erschlichen; die stille freundliche Chariklea schwatzte mir ein begüterter Landmann von Epidaurus ab, der schon lang' ein auge' auf sie geworfen hatte; die rüstige Melanto wird mein Haus zu Korint regieren, und die kleine Eudora, die sich erklärt hat, dass nur der Tod sie von mir trennen könne, begleitet mich nach Tessalien.

Lebe indessen wohl, Aristipp, und sei versichert, wie unveränderlich auch meine Liebe zur Veränderung sein mag, dass meine Freundschaft für dich noch unveränderlicher ist, und dass Lais dich nicht eher vergessen wird, als bis sie sich auf sich selbst nicht mehr besinnen kann.

36.

Learchus von Korint an Aristipp.

Geschäfte, welche meine eigene Gegenwart forderten, lieber Aristipp, haben mich nach Aegina geführt, wo ich dich noch anzutreffen hoffte, aber erfahren musste, dass du schon seit einiger Zeit nach Aten zurückgekehrt seiest. Unsre Freundin Lais, bei welcher ich so viele Abende zubrachte als ich in meiner Gewalt behielt, eilt beinahe zu sehr, die Beute, die sie unsern Erbfeinden abgenommen hat, unter die gesammten Griechen wieder zu verteilen und in Umlauf zu setzen. Man wird es gewohnt, sich unter ihren eigenen Bedingungen bei ihr wohl zu befinden; aber man wird auch endlich ihrer Reizungen gewohnt, und da sie selbst keinen Wert auf sie zu setzen scheint als insofern sie ihr zu Befriedigung ihrer Eitelkeit dienlich sind, so läuft sie Gefahr, endlich auch den zu verlieren, welchen andere darauf zu setzen bereit waren. So sprechen wenigstens diejenigen von ihren Liebhabern, die mit dem, was sie unentgeltlich gibt, nicht zufrieden sind; und das mögen leicht so viel als alle sein, die, seitdem sie zu Aegina lebt, einen ziemlich glänzenden Hof um sie her gemacht haben. Ich meines Orts bin ziemlich geneigt zu glauben, dass sie