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in einer unfreiwilligen Bewegung aus, welch ein himmlischer Anblick würde dieser Busen einem einzigen Auserkornen sein, wenn er die mütterliche Ruhestatt eines kleinen menschlichen Amorino wäre!

Grillenhafter Mensch! sagte sie, indem sie mir einen leichten Schlag auf die Schulter gab. Aber es ist Zeit zum Schlafengehen; gute Nacht, Aristipp! – und mit diesem Wort entschlüpfte sie in ihr Schlafgemach und zog die Tür sanft hinter sich nach. Ob sie auch den Riegel vorschob, weiss ich nicht; denn gleich darauf hörte ich etliche von ihren Mädchen, die zu ihr hereinkamen, und begab mich weg; unzufrieden mit mir selbst, dass es mir gleichwohl einige Anstrengung kostete, mich von dieser allzu liebenswürdigen Sirene zu entfernen.

34.

Antipater an Kleonidas.

Ich befinde mich seit Anfang des Munychions mit Aristipp und dem schönen Kleophron, einem Schüler Platons und Geliebten seines Neffen Speusippus, zu Aegina: Kleophron auf einem Landgute des Eurybates von Aten, Aristipp und ich bei der berühmten Lais, deren prächtiger Landsitz dir ohne Zweifel noch wohl erinnerlich sein wird. So klein diese Insel ist, so reich ist sie an Merkwürdigkeiten. Unter andern habe ich bereits sieben, an den grossen Panegyrischen Spielen Griechenlands gekrönte Atleten gesehen, von welchen einer, dessen rücken neunundachtzig Jahre nicht zu krümmen vermochten, sich rühmen kann, dass sein Sieg noch von Pindar selbst besungen wurde. Das Ausserordentlichste indessen, was Aegina dermalen besitzt, ist unläugbar die Gebieterin des Hauses, worin ich als dein und Aristipps Freund aufgenommen bin, und mit ausgezeichnetem Wohlwollen behandelt werde. Ihre Schönheit ist so weit über alles, was man zu sehen gewohnt ist, erhoben, dass mir eine geraume Zeit lang bei ihrem Anblick nicht anders zu Mute war, als mir (wie ich glaube) sein müsste, wenn ich eine elfenbeinerne Liebesgöttin von Phidias oder Alkamenes wie lebendig vor meinen Augen herumwandeln sähe. Ich betrachtete sie mit immer neuer Bewunderung, ich hätte sie anbeten mögen; aber wie ein Mensch sich unterfangen könne sie zu lieben, oder hoffen könne von ihr geliebt zu werden, war mir unbegreiflich. Dieses seltsame Gefühl war vielleicht die Ursache, warum die besondere Aufmerksamkeit und Herablassung, deren sie mich, nach den ersten acht oder zehn Tagen zu würdigen schien, eine wunderliche Art von Scheu, oder wie soll ich es nennen? bei mir erregte, die mir das Ansehen eines kalten gefühllosen Menschen geben mochte, und um so auffallender sein musste, weil sie in eben dem verhältnis zunahm, wie Lais ihre Bemühung, mir Mut und Zutrauen einzuflössen, verdoppelte. Da ich mir selbst lächerlich gewesen wäre, wenn ich mir auch nur im Traume mit der Liebe dieser Königin der Weiber hätte schmeicheln wollen, so gebärdete ich mich nun desto seltsamer, je mehr ich zu fühlen anfing, dass ich von so verführerischen Anlockungen nur zu leicht getäuscht und unvermerkt in eine hoffnungslose leidenschaft verstrickt werden könnte. Ich unterliess nichts, was sie in der Meinung bestärken musste, dass der junge Antipater von Cyrene der einzige Sterbliche sei, an welchem ihre Reize die gewohnte Macht verlören. Ich glaubte zu meiner eigenen Sicherheit um so mehr dazu genötiget zu sein, weil ich in ihrem immer gefälligern und einnehmendern Betragen gegen mich nicht die mindeste Spur von Missvergnügen oder Unwillen bemerken konnte: denn ich legte ihr diess als einen planmässigen Anschlag aus, der mit dem Vorsatz verbunden sei, wenn sie ihre Absicht erreicht haben würde, mich desto empfindlicher für meine Vermessenheit zu züchtigen.

In dieser nicht sehr natürlichen, und, die Wahrheit zu sagen, peinvollen Lage befand ich mich, als gegen Ende des Monats mein Freund Speusippus in einen Sklaven verkleidet anlangte, um, seinem Vorgeben nach, den jungen Kleophron, den Sohn seines Herrn, eilends nach Sicyon abzuholen. Aber der wahre Zweck seiner Herüberkunft war, nachdem die nötigen Vorkehrungen getroffen worden, dass die Sache allen andern, ausser Lais, Aristipp, mir und den vertrautern Hausgenossen, ein geheimnis bleiben musste, den schönen Kleophron spät in der Nacht nach einer kleinen durch Gebüsche und Bäume verborgenen wohnung abzuführen, die in einem abgesonderten teil des an die Gärten der Lais stossenden Lustwaldes liegt, und wozu sie allein den Schlüssel hat. Hier ereignete sich ein paar Tage darauf ein natürliches Wunder, wovon gleichwohl niemand von denen, die um die geheime Entführung wussten, überrascht zu werden schien; der schöne Kleophron beschenkte nämlich seinen Platonischen Liebhaber miteinem wunderschönen Knäblein, dem zu einem kleinen Amor nichts als die Flügel fehlten, und verwandelte sich selbst, um die Rolle der Mutter mit desto besserm Anstand zu spielen, wieder in die zärtliche Lastenia, eine von Lais erzogene junge person, welche, vor geraumer Zeit, von einer gleich heftigen leidenschaft für Platons Philosophie und für seinen Neffen nach Aten gezogen worden war, in männlicher Verkleidung die Akademie besucht hatte, und dort für den Sohn eines Sicyonischen Bildhauers galt. Lais, die sich mir bei dieser gelegenheit von einer sehr liebenswürdigen Seite zeigte, übernahm die Vorsorge für Mutter und Kind, und Speusipp kehrte, eben so geheimnissvoll als er gekommen war, nach Aten zurück, um von Zeit zu Zeit, bald in dieser bald in jener Gestalt wieder zu kommen, und im Genuss der Vaterfreuden die Beschämung zu ersticken, der Lehre seines Oheims und Meisters durch die Liebe zueinem Mädchen ungetreu geworden zu sein.

Diese Begebenheit hatte Folgen für mich, lieber Kleonidas, die ich dir nicht verhehlen kann noch will. Die Schönheit des kleinen Speusippides, und die Scenen des menschlichsten und