und, da er sie einsmals ungewöhnlich kalt und zurückhaltend fand, sagte er zu ihr: "Liebste Psyche, du bist missmütig, und fühlst dich unglücklich. Ich kenne die Ursache deiner Unzufriedenheit, denn ich lese in deiner Seele. Der Vorwitz zu wissen wer ich bin, plagt dich; aber wenn du wüsstest, in welche Verlegenheit du mich durch die unglückliche Wissbegierde setzest, und welche Schmerzen du mir, welches Elend du dir selbst dadurch bereitest, du würdest sie mit Entsetzen und Abscheu aus deinem Gemüte verbannen. Wisse also von dem Augenblick an, da du erfährst wer ich bin, hast du mich auf immer verloren, dein bisheriges Glück ist dahin, und Jammer und Leiden ohne Mass sind dein los, bis du dein unglückseliges Dasein in Verzweiflung endigest. Glaube mir, liebe Psyche, und habe Mitleiden mit dir selbst; denn wenn du mein geheimnis entdeckt hast, so steht es nicht in meiner Macht, wie gross sie auch ist, dich zu retten. Du kannst nicht zweifeln, dass ich dich liebe; ich tue alles Mögliche dich glücklich zu machen; du würdest es sein, wenn du dir genügen liessest, mich und alles was ich für dich tue ruhig zu geniessen, ohne mehr wissen zu wollen als dir erlaubt ist; und vielleicht ist dir noch ein viel herrlicheres los in der Zukunft aufbehalten, wenn du die probe, worauf ich deine Mässigung zu setzen genötigt bin, weislich bestehest. Also nochmals, Geliebte, verbanne den Vorwitz mich genauer zu kennen, beruhige dich im Genuss meiner Liebe, und erspare mir den endlosen Schmerz, dich elend zu sehen, und dir nicht helfen zu können." So sprach Amor mit einem leisen traurigen Vorgefühl, dass sein Zureden fruchtlos sein würde. Die geschreckte Psyche fuhr ihm in die arme und gelobte ihm heilig, seiner Warnung immer eingedenk zu sein. Aber kaum sah sie sich wieder allein, so kehrte das unruhige Verlangen, sich durch ihre Augen nach der Beschaffenheit ihres Gemahls zu erkundigen, mit dreifacher Stärke in ihren Busen zurück. Sie hatte sich ihn bisher unter einer liebenswürdigen Gestalt vorgebildet; jetzt regten seine eigenen Worte und die schrecklichen Drohungen, womit er sein Verbot begleitet hatte, tausend Zweifel in ihrer Seele auf, und es war ihr unmöglich den Gedanken los zu werden, dass er vielleicht in seiner wahren Gestalt ein hässlicher Zauberer oder sonst ein missgeschaffner Unhold sei, der sie durch seine Unsichtbarkeit um ihre Liebe betrüge. Kurz, die Unglückliche fasste den Entschluss, die Qualen dieser Ungewissheit nicht länger zu ertragen, sondern noch in dieser Nacht zu erfahren, wer der Unsichtbare sei, dem sie bisher die Vorrechte und die Zuneigung, die einem Gemahl gebühren, so unbesonnen zugestanden; und sie hielt sich selbst Wort. Um ihn desto sicherer zu machen, erwiderte sie in der nächsten Nacht seine Liebkosungen mit heuchlerischer Innigkeit: aber kaum merkte sie, dass er eingeschlafen war, so stand sie von seiner Seite auf, schlich sich mit blossen Füssen in ein Vorzimmer, wo sie wusste, dass eine brennende Lampe stand, kam mit der Lampe in der Hand zurück, näherte sich dem Bette, und erblickte – den schlafenden Liebesgott in seiner ganzen ewig jugendlichen Schönheit. Mitten in ihrer Entzückung bei diesem unverhofften Anblick überfällt sie die Angst dass er erwachen möchte; ihre Hand zittert, die Lampe schwankt, ein Tropfen heisses Oel fällt auf Amors schöne Brust; er erwacht, wirft einen schmerzlich zürnenden blick auf Psyche, und fliegt davon. Und hiermit, lieben Freunde, ist mein Mährchen zu Ende. Der Milesischen Amme ihres fing hier erst recht an; aber was weiter folgt, gehört nicht zu meinem Zweck138, und die Lehre aus meinem Mährchen zu ziehen, überlasse ich einem jeden selbst.
Mit diesen Worten erhob sie sich von ihren Polstern, und die ganze Gesellschaft stand auf, sagte ihr viel Schönes über ihr Milesisches Mährchen, und wünschte ihr gute Nacht.
Als die übrigen alle sich entfernten, blieb ich noch allein bei ihr zurück, um sie auf ihr Zimmer zu begleiten.
Wir waren kaum angelangt, so wandte sie sich mit einer unbeschreiblich reizenden Miene gegen mich, und sagte in einem leise spottenden Tone: du glaubst also im Ernst, dass Liebe ohne Begierde möglich ist?
Da ich sie sogleich erriet (was ich ohne Anspruch an eine grosse Scharfsinnigkeit oder Divinationsgabe gesagt haben will), so antwortete ich bescheiden aber zuversichtlich: allerdings, und desto gewisser, je schöner der Gegenstand ist.
L a i s . Auch dann, wenn er unmittelbar vor uns steht?
I c h . Auch dann.
L a i s . Auch wenn Zeit und Ort und alle übrigen Umstände sich vereinigen den schlummernden Potos zu wecken?
I c h . Allerdings.
L a i s (schalkhaft lächelnd). Wir reden, denke' ich, im Ernst, Aristipp? Der arme Potos könnte freilich auch aus Erschöpfung schlummern!
I c h . Es versteht sich, dass diess nicht der Fall sein darf.
Lais schwieg, und fing an eine Nadel, womit ein teil ihres in kleine Zöpfe geflochtnen Haars zusammengesteckt war, heraus zu ziehen, die Perlenschnur um ihren Hals abzunehmen, und sich, so sorglos unbefangen als ob sie allein wäre, der Binde, die ihren Busen fesselte, zu entledigen; kehrte sich dann wieder zu mir und sagte: ich glaube wirklich, Sokrates hätte die probe unfehlbar ausgehalten; meinst du nicht?
O Lais, Lais, rief ich