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, dass man gewohnt ist, die Unbeständigkeit der Menschen im Lieben auf Rechnung der Liebe zu setzen, da sie doch bloss eine natürliche Folge teils der Unbeständigkeit der Dinge selbst, teils der organischen Einrichtung unsers Körpers ist; denn es ist so sehr natur der Liebe durch das Anschauen oder den reinen geistigen Genuss des Schönen befriedigt zu werden, dass jeder einzelne schöne Gegenstand, wofern er immer derselbe bliebe, und die Seele im reinen Genuss desselben nicht von aussen her gestört würde, hinlänglich wäre, sie ewig fest zu halten und völlig zu befriedigen.

E u p h r a n o r . Wenn ich als Künstler meine Meinung von der Sache sagen darf

L a i s . Das war es eben, warum ich dich in diesem Augenblick bitten wollte.

E u p h r a n o r . So sage ich, dass ich keinen Begriff davon habe, wie ein Maler oder Bildner es anfangen sollte, um den Platonischen Eros, den nichts als das selbstständige Urschöne befriedigen kann, symbolisch darzustellen: den Aristippischen hingegen getraue ich mir so gut zu malen, dass er keinen Zettel aus dem mund nötig haben soll, um für das, was er ist, erkannt zu werden. Ich würde ihn, fürs erste, als einen schönen, ewig jugendlichen Genius schildern: denn mit Platons Amor, der weder schön noch hässlich ist, mag ich als Maler nichts zu schaffen haben; hingegen finde ich sehr schicklich, dass der Liebhaber der Schönheit selbst schön sei. Nur würde ich ihn so darzustellen suchen, dass es dem sinnigen Anschauer sogleich bemerklich würde, er empfange seinen schönsten Glanz von dem geliebten Gegenstand, und verschönere sich selbst im Anschauen desselben. Um diess, so weit die Schranken der Kunst es verstatten, bewirken zu können, und zugleich anzudeuten, dass dieser Amor gleichsam vom blossen Anschauen des Schönen lebe, und ohne alle Begierde sich völlig daran ersättige und darin ruhe, würde ich ihm die himmlische Venus nicht in einer mit mancherlei prächtigen und reizenden Gegenständen ausgeschmückten Gegend weder des Olympus noch der Erde, sondern in einem den ganzen Raum ausfüllenden leeren und dunkeln Gewölk erscheinen lassen; so dass alles Licht allein von der Göttin ausginge, und den in ihrem Anschauen verlornen oder vielmehr sich selig fühlenden Genius dergestalt anstrahlte und verklärte, dass seine Schönheit bloss ein Widerschein der ihrigen zu sein schiene. Diess ist alles (freilich wenig genug) was ich von der idee, die jetzt vor meiner Seele schwebt, anzudeuten vermögend bin; ausgesprochen kann sie nur durch die wirkliche Darstellung werden

L a i s . Und du getrauest dich dessen, sagtest du? Ich werde dich beim Wort nehmen, Euphranor!

E u p h r a n o r . Und ich lasse mich dabei nehmen, wenn du mir dagegen dein Wort gibst, dass die schönste Sterbliche, die ich kenne, das Modell meiner Venus Urania sein soll.

L a i s . Alles was ich dir versprechen kann, ist, dass die Schuld nicht an mir liegen soll, wenn dein Bild nicht zu stand kommt. – Und so hätten wir denn Hoffnung, durch die Tat bewiesen zu sehen, dass die Kunst sich mit Aristipps Amor besser behelfen könne als mit dem Platonischen. Aber was die Realität betrifft, möchten sie einander wohl wenig vorzuwerfen haben. Denn eine Liebe ohne Begierde, eine Liebe die vom blossen Anschauen lebt, und der Gegenliebe rein entbehren kann, möchte doch wohl in dieser untermondlichen Welt eben so gut ein Hirngespenst sein, als die Liebe zu einem Urschönen, das weder in den Begriff noch in die Sinne fällt.

P r a x a g o r a s . Diesen Ausspruch, schöne Lais, erwartete ich billig von einem so hellen und richtigen blick, wie der deinige, und unfehlbar hängt auch Aristipp nicht so fest an seinem idealischen Amor, dass er uns nicht ehrlich gestehen sollte, dass mit solchen, auf die Schneide einer matematischen Linie getriebenen Abstractionen weiter nichts gewonnen wird, als die Gewissheit, dass es gar keine Liebe unter dem mond gebe.

A r i s t i p p . Der Vorwurf des Praxagoras würde mich treffen, wofern ich sagte, ich kenne einen Menschen, der ein schönes Weib, oder auch nur eine schöne Bildsäule, einen schönen Wagen mit zwei milchweissen Tracischen Pferden, oder irgend ein schönes Ding in der Welt, sein Lebenlang vor sich sehen könnte, ohne jemals von der leisesten Begierde es zu besitzen angewandelt zu werden. Gewiss gibt es schwerlich einen solchen Sterblichen. Aber darauf wird bei Unterscheidung der Liebe von der Begier keine Rücksicht genommen; denn da ist es bloss darum zu tun, jedem das Seinige zu geben, dem Eros was der Liebe, dem Potos was der Begierde zukommt. Dass es etwas zwar nicht Unmögliches, aber gewiss sehr Seltenes unter den Sterblichen ist, jenen ohne diesen zu sehen, geb' ich nicht nur zu, sondern find' es der natur sehr gemäss. Indessen ist doch eben so wenig zu läugnen, dass es von jeher unter Blutsverwandten, unter Freunden, ja sogar unter Liebenden in der engern Bedeutung des Worts, an Beispielen reiner uneigennütziger Liebe, selbst an solchen, wo der Freund dem Freunde, der Liebende dem Geliebten die grössten Opfer ohne alle Rücksicht auf eigenen Vorteil oder Lohn zu bringen willig ist, nie gefehlt hat noch künftig fehlen wird: und wer so weit gehen wollte, das innerliche Vergnügen, das von dergleichen Gesinnungen und Handlungen unzertrennlich ist