der Sophisten und Rhetorn, gelobt und gescholten hätten, ohne uns zu bekümmern, wie viel oder wenig Wahres an unsern Declamationen sei. – Aber, welches ist das glückliche Wort, das mir unversehens entwischt ist, und, wie du sagst, so viel Licht über den vielgestaltigen Stoff unsers Gespräches verbreitet?
A r i s t i p p . "Wenn es noch mehrere Amorn gibt," sagtest du, und konntest damit nichts anders sagen wollen, als dass es ihrer wirklich nicht nur viele, sondern unzählige gibt, für welche man, wenn jemals die Erotik136 zu einer vollständigen Wissenschaft erwachsen sollte, eben so viele besondere Namen erfinden müsste.
L a i s . Die gute Diotima käme also mit ihrem einzigen aus lauter Widersprüchen, Negationen und blossen Tendenzen zusammengesetzten Dämon-Amor übel zu kurz, – und das ist mir, die Wahrheit zu sagen, leid. Denn ich kann mich nicht erwehren, diesem Amor, der so leer wie eine zusammengeschrumpfte Blase, und so dünn wie eine verhungerte Cicade ist, wegen seiner allgemeinen Liebe zu allem Schönen, seiner beständigen Unbeständigkeit, und hauptsächlich seines unersättlichen Hungers wegen, gut zu sein, den, nachdem er alles was auf und zwischen und in und über Erde und Himmel ist, verschlungen hat, nichts als das Unendliche selbst ersättigen kann. Es ist etwas so sublim Ungeheures in dieser idee, dass man, in eben dem Augenblick, da man laut über sie auflachen möchte, sich ich weiss nicht wie zurückgehalten und gezwungen fühlt, Respect vor ihr zu haben.
A r i s t i p p . Da hast du schon wieder ein herrliches Wort gesagt, schöne Lais.
L a i s . Wundert dich das? Als ob es mir so selten begegnete, etwas zu sagen das ich selbst nicht recht verstehe.
A r i s t i p p . Wenn in dem, was du sagtest, ein so tiefer Sinn liegt, als ich zu glauben versucht bin, so ist Plato auf einmal gerechtfertiget, und wir haben ihn durch die schmähliche Vermutung, dass er keinen festen Zweck bei dem vollkommensten seiner Werke gehabt habe, grosses Unrecht getan. Alles in seinem Symposion wäre dann sehr verständig und absichtlich zusammengeordnet; die Reden des Phädrus, Pausanias, Eryximachus, Aristophanes und Agaton hätten dann, ausser den bereits berührten Nebenzwecken, zur Absicht, die gemeinen Begriffe von der Liebe, die bei den Griechen von Alters her im Schwange gehen, in verschiedenem Lichte von verschiedenen Seiten aufzustellen und zu berichtigen, und die gewöhnlichsten Erscheinungen und Wirkungen dieser leidenschaft zu erklären; sie selbst aber dienten dem Gespräch des Sokrates und der Diotima bloss als heraushebende Schattenmassen, und der grosse Zweck des Symposions wäre, uns mit der Teorie einer von aller gröbern Sinnlichkeit und leidenschaft gereinigten geistigen Liebe zu beschenken; einer Liebe, welche eben darum, weil sie bloss das vollkommenste Schöne zum Gegenstand hat, durch nichts Geringeres als das ewige, unwandelbare, unbegreifliche, unendliche Selbstständigschöne befriedigt werden kann.
L a i s . Weisst du auch, dass ich dich wenn der leidige Tisch nicht zwischen uns stände, für diese grossmütige Rechtfertigung meines Lieblingsschriftstellers küssen möchte? Denn ich gestehe, dass ich es schmerzlich empfunden hätte, wenn der hässliche Vorwurf der Zwecklosigkeit auf ihm sitzen geblieben wäre.
A r i s t i p p . Und doch darf ich mir noch nicht schmeicheln, die schöne Belohnung, die du mir in Gedanken geben wolltest, schon verdient zu haben. Denn wiewohl ich einen allerdings erheblichen Vorwurf von deinem Günstling abzulehnen suchte, so kann ich dir doch nicht verbergen, dass mir das Mährchen von Porus und Penia, und der Dämon-Eros, den die Bettelnymphe dem berauschten Gott hinter einer Hecke des Göttergartens im Schlaf abgeschlichen haben soll, und sein unersättlicher Heisshunger nach einem gestaltlosen Urschönen, das allentalben und nirgend ist, ungeachtet der naiven Unbefangenheit, womit Diotima das alles vorbringt, um keinen Splitter eines Strohhalms ehrwürdiger ist, als die Androgynen des mutwilligen Aristophanes. Lieber wollte ich mir noch die zweierlei Amorn des Pausanias gefallen lassen, wiewohl mich dünkt, dass der eine, den er Pandemos zubenennt, unter dem Namen Potos (der seine natur viel deutlicher bezeichnet) schon bekannt genug ist, um eine neue Benamsung überflüssig zu machen. Den eigentlichen Unterschied zwischen Eros und Potos würde ich darein setzen: dass Potos alles Schöne bloss des Genusses wegen begehrt, oder noch eigentlicher, dass die Schönheit einer Sache, von welcher er sich einen den Sinnen schmeichelnden Genuss verspricht, für ihn nur ein stärkerer Anreiz ist, sich in den Besitz derselben zu setzen: da hingegen Eros das Schöne oder Schöngute (was im Grund einerlei ist) ohne einen blick auf sich selbst, bloss weil es schön ist, liebt, d.i. inniges Wohlgefallen daran hat, und daher im blossen Anschauen desselben, ja sogar in dem blossen Gedanken dass es ist, schon Nahrung genug findet, um ewig dabei ausdauern zu können; so wie die Götter ihre Unsterblichkeit zu unterhalten keiner andern Speise als Ambrosia bedürfen. Was uns Diotima von der Unersättlichkeit dieses Amors sagt, ist ein täuschendes Spiel mit den abgezogenen und daher unbestimmten formlosen Begriffen des Unendlichen, wobei die gute Seherin vergessen hat, dass ein abgezogener Begriff, als eine leere Hülse, kein Gegenstand der Liebe, und das Schöne, eben darum, weil es nur durch eine bestimmte Form schön ist, nicht unendlich sein kann. Nicht wenig trägt auch zu dieser täuschenden Vorstellung bei